Nachdem innerhalb kurzer Zeit bis zu 100.000 Migranten aus Marokko an der spanischen Enklave Ceuta an Land gegangen waren, sind die konkreten Hintergründe für den plötzlichen Massenansturm weiter unklar. Die marokkanische Regierung hat die schockierenden Ereignisse auf Ceuta unter anderem mit Falschinformationen im Internet erklärt.

Der Andrang der Migranten sei demnach nicht organisiert gewesen, sondern spontan zustande gekommen. Das marokkanische Innenministerium machte die Verbreitung falscher Informationen im Netz, Aktivitäten von Schleusern und eine Falschinterpretation eines spanischen Gerichtsurteils verantwortlich, das die Rückführung bestimmter Migranten begrenzt.

Inzwischen gibt es aber auch deutliche Indizien, dass Marokko zumindest nicht entschlossen gegen die Massenübertritte vorgegangen ist und Grenzkontrollen zeitweise praktisch aufgehoben hat. Ein belastbarer Beweis, dass Rabat die Migration gezielt geplant oder gesteuert hat, liegt bislang jedoch nicht öffentlich vor.

Georg Restle verbreitet unterdessen bereits seine eigenen Theorien. Der ARD-Journalist und Leiter des Studios in Nairobi teilte auf X einen Beitrag der linken US-Zeitschrift „The Nation“ mit dem Titel „Die wahre Geschichte hinter der Menschenwelle, die nach Ceuta strömte“.

In dem Artikel von Stephen Zunes, einem Politikprofessor an der Universität von San Francisco, heißt es, dass die Menschenmassen, die nach Ceuta geströmt sind, „keine verzweifelten Flüchtlinge“ gewesen seien. Videoaufnahmen würden zeigen, dass praktisch keiner Taschen oder andere persönliche Gegenstände bei sich trug. „Es gibt auch Videos, die Lkw-Ladungen junger Männer zeigen, die offenbar von der marokkanischen Regierung organisiert und an den Rand von Ceuta gebracht wurden, sowie Szenen, in denen marokkanische Grenzbeamte sie durchwinkten“, heißt es weiter.

Wie zudem unter anderem auch die spanische Zeitung „El Español“ berichtete, sollen sich auch marokkanische Geheimdienstagenten unter die Menge gemischt haben, um sich ein besseres Bild von der Grenzsicherung und der spanischen Reaktion zu machen. „Das gleichzeitige Erscheinen Zehntausender Menschen an der Grenze erforderte zweifellos einen enormen logistischen Aufwand“, schreibt „The Nation“ und behauptet dann, dass „diese Provokation“ vom marokkanischen Regime inszeniert worden zu sein scheint, um den spanischen Ministerpräsidenten Pedro Sánchez in Verlegenheit zu bringen. Anlass sollen demnach dessen Bemühungen um eine Verbesserung der Beziehungen zu Marokkos langjährigem geopolitischen Rivalen Algerien – einem wichtigen Erdgaslieferanten – sein.

Dies sei wohl nicht zufällig zu einem Zeitpunkt geschehen, an dem die amerikanische und die israelische Regierung wütend auf die sozialistische Regierung Spaniens seien, weil diese die Rechte der Palästinenser unterstützt und sich gegen den Iran-Krieg ausgesprochen habe.

Zudem würden laut des Berichts amerikanische Politiker, die Trump nahe stehen, offen die Idee unterstützen, dass Marokko die Kontrolle über die beiden spanischen Enklaven Ceuta und Melilla übernimmt. Israel würde die „irredentistischen“ Ansprüche Marokkos ebenfalls unterstützen. Als Belege für die steile Theorie liefert der Politikprofessor Aussagen von amerikanischen oder israelischen Politikern, die aber in keinerlei Kontext zu den aktuellen Vorgängen in Ceuta stehen.

Am Ende des Artikels heißt es, dass die jüngsten Grenzübertritte daher weder eine echte humanitäre Krise noch Teil eines antikolonialen Kampfes gewesen sein können, sondern „Teil der Bemühungen des wachsenden US-israelisch-marokkanischen Bündnisses – kodifiziert und gestärkt durch die sogenannten Abraham-Abkommen –, um eine fortschrittliche europäische Regierung zu schwächen, Europa zu spalten und das Völkerrecht und die Menschenrechte zu untergraben“.

Prominente Nutzer kritisieren Antisemitismus und das Verbreiten von Verschwörungstheorien

Restle betonte in seinem Beitrag vor allem diesen letzten Schlusssatz. Die Kritik am früheren „Monitor“-Chef ließ nicht lange auf sich warten. Viele warfen Restle Antisemitismus und das Verbreiten von Verschwörungstheorien vor. „Der Jude ist an allem schuld. Georg Restle ist einer ganz großen Sache auf der Spur. Wirklich“, schrieb die FDP-Politikerin Caroline Preisler.

Autorin Marie von den Benken antwortete mit einem Zitat von Adorno: „Antisemitismus, das ist das Gerücht über Juden!“ Joana Cotar, ehemaliges Bundestagsmitglied, schrieb: „Da hätten Sie jetzt auch einen Beitrag von der AfD teilen können. Hufeisen in Reinform.“

Volker Beck, Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, fragte den Journalisten, ob er recherchiert habe und irgendeinen Beweis für „diese wilde Behauptung vorzuweisen“ habe. „Oder sind Fakten mittlerweile veraltet?“, fragte Beck.

Der Vorsitzende der Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) Potsdam, Jan Jacobi, attestierte Restle, sollte er seinen Beitrag tatsächlich ernst meinen, „eine bedenkliche funktionelle kognitive Fehlleistung“ und fragte: „Was sagt der Rundfunkrat dazu?“

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