Was Jahre des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine nicht geschafft hatten, erreichten die Wiederwahl von Donald Trump und dessen antieuropäische Ausfälle seit dem zweiten Amtsantritt Ende Januar 2025. Sie machten den Europäern schlagartig klar, wie verletzlich sie sind: mit einem aggressiv ausgreifenden, russischen Imperium im Osten und einem nur noch formal Alliierten jenseits des Atlantiks, der kein Partner mehr sein will und stattdessen gar sein Auge auf europäisches Territorium in Grönland geworfen hat.
Es herrschen inzwischen jedenfalls erhebliche Zweifel, ob Trumps Amerika den Europäern im Krisenfall tatsächlich beistehen würde, wie es Artikel 5 des Nato-Vertrages eigentlich vorsieht. Laut einer YouGov-Umfrage aus dem Mai sehen nur noch elf Prozent der Europäer die USA als Verbündeten an.
„Europa hat erkannt, dass das alte Paradigma – Wohlstand ohne militärische Stärke, Einfluss ohne Opfer und Schutz ohne eigene Verpflichtungen – nicht mehr aufrechtzuerhalten ist“, schreiben die Sicherheitsexperten Marina Henke, Iren Marinova und Till Knobloch in „Foreign Affairs“. Weil auf das alte Schutzversprechen der USA kein Verlass mehr ist, treibt Europa heute die bange Frage um: Sind wir im Ernstfall auch alleine abwehrbereit?
Die Antwort von Nato-Generalsekretär Mark Rutte Anfang des Jahres war vernichtend. „Wenn irgendjemand hier denkt, dass die Europäische Union oder Europa als Ganzes sich ohne die USA verteidigen können, der sollte weiter träumen. Ihr seid dazu nicht in der Lage“, sagte Rutte damals vor dem Verteidigungsausschuss des Europäischen Parlamentes. Der sogenannte europäische Pfeiler innerhalb der Nato sei eine leere Floskel.
Viele Militärexperten sind wie die Autoren in „Foreign Affairs“ hingegen der Meinung, dass Europa mittelfristig durchaus in der Lage sein könnte, sich selbst zu verteidigen, wenn es die nötigen Anstrengungen unternimmt, aufrüstet und seine Armeen aufstockt.
Das Problem ist die Zeitachse. Russland hat sehr viel früher angefangen, seine Rüstungsindustrie hochzufahren, während die europäischen Staaten fast drei Jahre Krieg verstreichen ließen, bis sie sich der wachsenden Gefahr bewusst wurden und ihren Worten auch Taten folgen ließen.
Ukraine hält Russland von weiteren Angriffen ab
„International sind sich die Analysten einig, dass Russland bis 2029 in der Lage ist, einen großmaßstäblichen Krieg gegen ein Nato-Mitgliedsland führen zu können“, sagte etwa Bundeswehr-Generalinspekteur Carsten Breuer auf dem WELT-Sicherheitsgipfel Anfang Juli. „Wenn man sich den materiellen und personellen Aufwuchs der russischen Streitkräfte anschaut und dazu die politischen Entwicklungen betrachtet, dann kommt man zu dem Kulminationspunkt 2029. Dabei sage ich nicht, dass dann ein Angriff gegen einen Nato-Mitgliedstaat stattfinden wird. Aber es besteht die Möglichkeit dazu. Und darauf müssen wir vorbereitet sein.“
Russlandexperte Michael Kofman ist der Meinung, dass Russland nur wenige Jahre brauchen würde, um sein Militär wieder zu regenerieren. „Dann wird Russland über eine größere Streitmacht mit mehr Drohnen und mehr Fähigkeiten für Langstreckenangriffe und mehr Personal verfügen als vor dem Krieg“, schreibt Kofman in „Foreign Affairs“.
Laut einem aktuellen Bericht des Instituts für Sicherheitsstudien der EU (EUISS) könnte solch eine Gefahr sogar schon früher eintreten, als General Breuer glaubt. „Geheimdiensteinschätzungen mehrerer Mitgliedstaaten deuten darauf hin, dass Russland schon 2027 eine bedeutsame militärische Herausforderung für die Nato-Staaten darstellen könnte. Zugleich können die Europäer sich nicht mehr selbstverständlich auf die Tiefe und die Dauerhaftigkeit amerikanischer Unterstützung verlassen“, heißt es darin. Das im März vorgestellte Weißbuch der EU sieht vor, die wichtigsten Fähigkeitslücken bis 2030 zu schließen – doch dann könnte es schon zu spät sein.
Im Moment sind es die Ukrainer, die Russland vor weiteren Angriffen abhalten, weil sie Truppen binden, Personal und Kriegsgerät Moskaus aufreiben und mit ihren Schlägen gegen die russische Öl- und Kriegsindustrie den militärisch-industriellen Komplex des Landes zum Stottern bringen. Doch was, wenn der Krieg irgendwann gestoppt wird, etwa mit einer Waffenstillstandsvereinbarung?
Rauchwolke über Kiew nach russischen Angriffen Anfang August – was passiert nach dem Krieg?Die Angst vieler Sicherheitsexperten ist, dass Russlands Diktator Wladimir Putin glaubt, Trump würde bei einem russischen Angriff auf Nato-Länder nicht zur Verteidigung Europas schreiten. Die verbleibenden Jahre der Trump-Regierung wären somit aus russischer Sicht ein Fenster der Möglichkeit, um etwa die baltischen Staaten anzugreifen, die Nato als Papiertiger zu entlarven und einen Teil des sowjetischen Imperiums zu rekonstituieren.
Ukrainer sind Nato-Partnern weit überlegen
Auf dem WELT-Sicherheitsgipfel herrschte zwar weitgehend Konsens, dass Europa nun endlich ernsthafter aufrüstet und auch die Bundeswehr ihr Beschaffungssystem beschleunigt hat. Doch manche beklagen immer noch, dass die Dinge zu langsam vorangehen, um die Fähigkeitslücken Deutschlands in Sachen Flugabwehr, Langstreckenraketen und Aufklärung zeitnah zu schließen. „Grundsätzlich passt die Lageanalyse nicht zur Geschwindigkeit, die wir bislang erreicht haben. Es geht in die richtige Richtung, aber wir müssen noch schneller werden“, sagt etwa die erfahrene Managerin und Investorin im Rüstungsbereich Susanne Wiegand.
Es tut sich in Europa inzwischen auch ein Graben auf zwischen der Gruppe von Ländern, die ihre Rüstungsanstrengungen erheblich ausweiten – darunter die skandinavischen Länder, die Balten, Polen und Deutschland – und anderen großen europäischen Staaten wie Frankreich, Italien und Großbritannien. Ihnen mangelt es bislang am fiskalischen Spielraum für große Sprünge im Verteidigungsbereich.
Ebenfalls beunruhigend ist, dass es Europa im Konfliktfall mit einem Russland zu tun bekäme, das inzwischen über eine erhebliche Kampferfahrung im modernen Drohnenkrieg verfügt, die den Nato-Armeen fehlt. Tatsächlich haben etwa ukrainische Drohneneinheiten Nato-Truppen bei Übungsmanövern in erhebliche Schwierigkeiten gebracht. Das zeigt, wie wenig der Westen auf solch einen Krieg vorbereitet ist.
Angesichts dessen ist es nicht verwunderlich, dass sich inzwischen auch der Blick auf die Ukraine wandelt. Sie wird nicht mehr allein als Last für Europa gesehen, sondern als ein Land, das bei einem Ausfall der USA in Zukunft eine wichtige Rolle in Europas Sicherheitsarchitektur spielen könnte. „Die Ukraine ist zu einem Asset geworden. Die Ukrainer sind die einzigen, die wissen, wie man mit der russischen Bedrohung mental, aber auch technologisch umgeht“, sagt etwa Rüstungsexpertin Wiegand. „Wenn die russische Bedrohung weitergeht, rufen wir vielleicht nicht mehr in Washington an, sondern in Kiew.“
Ähnlich sieht das Thomas Röwekamp (CDU), Vorsitzender des Verteidigungsausschusses. „Der Bundeskanzler hat gesagt, Deutschland solle die stärkste konventionelle Armee Europas werden. Nach meiner Einschätzung ist die stärkste konventionelle Armee Europas derzeit die Ukraine.“
Das Land verfügt über etwa 900.000 aktive Soldaten, hat die weltweit innovativste Industrie für Drohnen und andere unbemannte Systeme aufgebaut und verfügt über wertvolle Erfahrungen darüber, wie man gegen Russland im modernen Drohnenkrieg bestehen kann. So setzt etwa die Bundeswehr inzwischen immer mehr darauf, ukrainische Soldaten mit Kampferfahrung in ihre Ausbildung einzubinden.
Deshalb gehe es nun entscheidend darum, „gemeinsam mit der Ukraine an einer künftigen Sicherheitsordnung zu arbeiten“, sagt Röwekamp. „Denn das, was dort an Innovation, Technologie und Gefechtserfahrung vorhanden ist, wird für die Verteidigungsfähigkeit unseres Kontinents künftig unverzichtbar sein.“
Drohnen-Start-ups machen Hoffnung
Mithilfe der Ukraine könnte es Europa auch gelingen, in Sachen Rüstungsindustrie eigenständiger zu werden und nicht mehr so stark wie früher von US-Firmen abzuhängen. Viele Drohnen-Start-ups in Deutschland und anderswo in Europa sind etwa Kooperationen mit der Ukraine eingegangen, um direkt von den Kampferfahrungen an der Front und den technischen Innovationen der ukrainischen Rüstungshersteller zu profitieren.
Auf dem WELT-Sicherheitsgipfel betonten Vertreter der deutschen Industrie, dass Europa über genug Know-how und gute Ingenieure verfügt, um eigene Waffensysteme oder auch Aufklärungssysteme herzustellen, die mit amerikanischen mithalten können.
Gerade in einer Zeit, in der andere Wirtschaftszweige wie die Autoindustrie schwächeln, könnte Europa geplante Großinvestitionen zum Ausbau der europäischen Rüstungsindustrie einsetzen und Arbeitsplätze hier schaffen statt in den USA. Das Problem dabei: Europa ist darauf angewiesen, manche gravierenden Fähigkeitslücken möglichst schnell zu schließen, und kann deshalb nicht immer darauf warten, bis eigene Systeme einsatzbereit sind.
Doch es gibt auch Lichtblicke. So entwickelt sich in Europa gerade ein Ökosystem von jungen Firmen, die sich inspirieren lassen von der ukrainischen Start-up-Kultur und die viel wendiger und schneller sind als die alten Rüstungskolosse des Kontinents. So hat es das Münchner Start-up Hypersonica etwa geschafft, in nur neun Monaten den ersten Prototyp einer Überschallrakete herzustellen und zu testen. Das zeigt, wozu Europa fähig ist, wenn es von der Dringlichkeit der russischen Bedrohung überzeugt ist.
Clemens Wergin ist seit 2020 Chefkorrespondent Außenpolitik von WELT. Er berichtet vorwiegend über den Ukraine-Krieg, den Nahen Osten und die USA.
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