Der Fund einer Drohne mit mutmaßlichem Sprengsatz am Flughafen Leipzig/Halle beschäftigt Sicherheitsbehörden in Bund und Ländern. Nach WELT vorliegenden Informationen aus Sicherheitskreisen wurde das Fluggerät am Dienstagabend gegen 23.42 Uhr durch einen Mitarbeiter der PortGround GmbH auf dem Vorfeld des Flughafens entdeckt. Die Drohne lag nur wenige Meter von einem ukrainischen Antonow-Frachtflugzeug entfernt.
Über das, was zuvor passierte, gibt es widersprüchliche Berichte. Laut dem einen Bericht, dokumentiert durch die Polizei, soll das tief fliegende Fluggerät von einem Busfahrer, der eine intern geführte Bustour des Flughafens leitete, zu Boden gebracht worden sein. Laut einer zweiten Darstellung fand der Busfahrer die Drohne bereits liegend vor und drehte sie um.
Die Sicherheitsbehörden gehen von einem versuchten Anschlag aus, wie WELT erfuhr. Beamte der Bundespolizei stuften den gefundenen Gegenstand als mögliche unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtung (USBV) ein.
An der Drohne war eine Masse befestigt. Laut WELT-Informationen soll es sich Testungen zufolge um den Sprengstoff Semtex handeln. Der Sprengstoff wurde in den 1960er-Jahren in der Tschechoslowakei entwickelt und wird militärisch sowie bei der Sprengung von Gebäuden verwendet.
Mit Unterstützung der Bundespolizei und eines Sprengstoffroboters wurde der Gegenstand untersucht. Die USBV-Einheit der Bundespolizei hat den Zünder des Sprengvorsatzes entfernt. Nach WELT-Informationen gehen die Sicherheitsbehörden davon aus, dass die Vorrichtung nur nicht explodierte, weil der Zünder nicht funktioniert haben soll.
Der Fund löste einen größeren Polizeieinsatz aus. Zeitweise wurde der Flugverkehr am Flughafen Leipzig/Halle vollständig eingestellt. Betroffen war vor allem der nächtliche Frachtverkehr. Leipzig/Halle ist eines der wichtigsten europäischen Logistikdrehkreuze und Heimat des größten DHL-Luftfrachthubs Europas. Auch die ukrainische Frachtfluggesellschaft Antonow nutzt den Flughafen regelmäßig als Stützpunkt für ihre Frachtmaschinen. Die Ukraine hat seit Beginn des russischen Angriffskrieges sechs Antonow-Maschinen in Leipzig stationiert.
Nach Informationen aus Sicherheitskreisen befand sich die Drohne in unmittelbarer Nähe zu einer solchen Antonow-Maschine aus der Ukraine. Sicherheitsbehörden prüfen deshalb sämtliche Hintergründe des Vorfalls. Offiziell äußern sich die Ermittler bislang zurückhaltend.
Besonders brisant: Wegen der laufenden Sperrung startete eine Frachtmaschine von DHL durch. Nach Angaben aus Sicherheitskreisen kollidierte das Flugzeug wenige Minuten später etwa 6,5 Kilometer östlich des Flughafens in einer Höhe von rund 400 bis 600 Metern mit einem bislang unbekannten Objekt.
Der Pilot setzte den Flug zunächst fort und landete später auf dem Flughafen Hannover. Dort dokumentierte die Bundespolizei nach WELT-Informationen aus Sicherheitskreisen leichte Beschädigungen im Frontbereich des Flugzeugs. Ob ein Zusammenhang zwischen dieser Kollision und der aufgefundenen Drohne besteht, ist Gegenstand der Ermittlungen. Diese laufen bei der Kriminalpolizei Hannover.
Die Generalstaatsanwaltschaft Dresden und das Landeskriminalamt Sachsen haben die Ermittlungen bezüglich des Sprengstoff-Fundes übernommen. Eine Besondere Aufbauorganisation (BAO) mit 100 Fahndern soll bei der Polizeidirektion Leipzig die Arbeit aufgenommen haben. Das Bundesamt für Verfassungsschutz ist ebenfalls in die Ermittlungen eingebunden. In Sicherheitskreisen war von einem „gravierenden Vorfall“ die Rede, der „sehr ernst“ genommen werde. „Wir sind über den Vorfall informiert, den die deutschen Behörden weiterhin untersuchen“, teilte ein Nato-Beamter WELT auf Anfrage mit.
Fahndung eingeleitet
Eine sofort eingeleitete Fahndung nach möglichen Drohnenpiloten blieb bislang erfolglos. Nach aktuellem Ermittlungsstand konnte keine verdächtige Person festgestellt werden. In einer internen Lagebewertung der Sicherheitsbehörden heißt es nach WELT-Informationen, eine gezielte Sabotage könne derzeit nicht ausgeschlossen werden.
Damit erhält der Vorfall eine politische Dimension. Seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine registrieren deutsche und europäische Sicherheitsbehörden immer wieder mutmaßliche Sabotageaktionen gegen kritische Infrastruktur. Flughäfen, Logistikzentren, Bahnverbindungen und Energieanlagen gelten als besonders sensible Ziele. Der Flughafen Leipzig/Halle spielt dabei eine herausgehobene Rolle. Neben dem DHL-Drehkreuz werden dort regelmäßig auch ukrainische Frachtmaschinen abgefertigt.
Eines der ukrainischen Antonow-Flugzeuge landete laut Flugtrackingdiensten erst am Montag wieder in Leipzig. Es trägt die Aufschrift „Be brave like Kherson“ („Sei mutig wie Kherson“). Zuvor hatte sich die Maschine unter anderem in Singapur befunden, Ende Juli auch an verschiedenen Flughäfen in den USA.
Ein Kriminaltechniker ist in der Nähe des ukrainischen Flugzeugs im EinsatzHeiko Teggatz, Bundesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft, sagte WELT, die ukrainischen Antonow-Maschinen würden auch regelmäßig von deutschen Spezialeinheiten genutzt, um schweres Material wie Hubschrauber in ausländische Einsatzgebiete zu verlegen. „Dieser Vorfall belegt die akute Bedrohungslage, in der wir uns derzeit befinden. Von einer abstrakten Bedrohung, wie von der Politik gerne suggeriert wird, kann keine Rede mehr sein“, so Teggatz. Er warnt: „Die Bundesregierung muss jetzt massiv in Technik und Fachpersonal investieren und klare Zuständigkeiten definieren, um künftig auf solche Bedrohungen unserer kritischen Infrastruktur rechtzeitig reagieren zu können.“
Ob die nun entdeckte Drohne tatsächlich für einen gezielten Angriff eingesetzt werden sollte oder ob es sich um einen anderen Hintergrund handelt, ist bislang offen. Ermittler konzentrieren sich nun darauf, Herkunft und Eigentümer des Fluggeräts zu identifizieren sowie die unbekannte Masse forensisch zu untersuchen. Von besonderem Interesse dürfte sein, ob die Drohne gezielt in den Sicherheitsbereich des Flughafens eingebracht wurde und welches Ziel dabei verfolgt worden sein könnte.
Der Einsatz führte in der Nacht zu erheblichen Einschränkungen am Flughafen. Nach Angaben der Behörden musste mindestens ein Passagierflug umgeleitet werden. Mehrere Frachtmaschinen konnten zeitweise weder starten noch landen. Auch am Mittwochmorgen kam es noch zu Verzögerungen im Betrieb.
Während die Ermittlungen andauern, bleibt eine zentrale Frage offen: Wer platzierte die Drohne unmittelbar neben einem ukrainischen Frachtflugzeug auf einem der bestgesicherten Flughäfen Deutschlands? Die Antwort darauf könnte darüber entscheiden, ob die Sicherheitsbehörden den Vorfall am Ende als gefährliche Störung des Flugbetriebs oder als gezielten Sabotageakt mit möglichem politischem Hintergrund bewerten werden.
Der Vorfall würde zu einem Muster passen, vor dem deutsche Sicherheitsbehörden seit Monaten warnen. Im Fokus stehen sogenannte „Wegwerfagenten“: Menschen, die über Messengerdienste oder soziale Netzwerke für vergleichsweise geringe Geldbeträge angeworben werden, um Ziele auszuspähen, Drohnen fliegen zu lassen, Pakete aufzugeben oder Sachbeschädigungen zu begehen. Die Auftraggeber bleiben dabei im Verborgenen, die Ausführenden wissen häufig selbst nicht, für welchen Geheimdienst sie arbeiten. Deutsche Ermittler sehen darin eine Methode, mit der insbesondere russische Nachrichtendienste ihre Spuren verschleiern und die Aufklärung von Sabotageakten erschweren.
Nach Erkenntnissen deutscher Sicherheitsbehörden wurden „Wegwerfagenten“ bereits im Zusammenhang mit mutmaßlichen Sabotageplänen gegen Transportwege, Logistikunternehmen und ukrainerelevante Infrastruktur eingesetzt. Weil die Akteure oft nur einen einzelnen Auftrag ausführen und anschließend wieder verschwinden, gelten sie als schwer zu identifizieren. Gerade im Umfeld von Flughäfen und Luftfrachtzentren beobachten Sicherheitsbehörden deshalb mit besonderer Aufmerksamkeit jeden Vorfall, bei dem Drohnen, verdächtige Gegenstände oder mögliche Ausspähhandlungen eine Rolle spielen.
Anmerkung, 6. August: Zum genauen Ablauf des Drohnenfundes liegen mittlerweile widersprüchliche Darstellungen vor. WELT hat den Absatz entsprechend ergänzt.
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