Glaubt man Dimitrij Medwedjew, verbreitet der Feind „Unsinn“ und „Provokationen“. Gemeint sind Gerüchte um eine bevorstehende neue Welle der Zwangsmobilisierung in Russland. Der Vizevorsitzende des russischen Sicherheitsrates und Ex-Präsident beteuerte bei der Sitzung seines Gremiums Ende Juli, 200.000 Menschen hätten im ersten Halbjahr Verträge mit der Armee unterzeichnet. Nicht Russland, sondern die Ukraine erlebe einen Personalmangel und verbreite deshalb Gerüchte.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj warnt seit Monaten davor, dass Russland eine neue Zwangsmobilisierung plant. Zuletzt sagte er am Dienstag, Putin bereite nach der Duma-Wahl im September eine Mobilisierung von mehreren hunderttausend Soldaten bis Jahresende vor. Viele Russen wären eher geneigt, Selenskyj zu glauben und nicht Medwedew. Sie erinnern sich daran, dass russische Behörden noch Tage vor der Ausrufung der Mobilisierung vor vier Jahren leugneten, dass diese bevorstehe.
Nach der ersten Mobilisierungswelle im Herbst 2022, welche die Verluste der katastrophalen ersten Kriegsmonate ausgleichen sollte, arbeitet die russische Armee seit 2024 faktisch nach dem Söldnerprinzip. Heute ist der Pool der potenziellen Vertragssoldaten weitgehend ausrekrutiert. Praktisch alle, die freiwillig für viel Geld an die Front gehen wollen, tun dies bereits.
Der Glaube an das baldige Ende des Krieges schwindet. Die meisten Russen wissen heute, wie tödlich der Fronteinsatz wirklich ist. Der russische Staat kann zwar mit Mühe das Rekrutierungsniveau von etwa 30.000 Soldaten im Monat halten, wie der Ökonom Janis Kluge von der Berliner Denkfabrik Stiftung für Wissenschaft und Politik berechnet hat.
Doch das erfordert immer höhere Einstiegsboni, für welche die Haushalte der Regionen aufkommen müssen. Um die geheimgehaltenen Vorgaben aus Moskau zu erfüllen, greifen die Provinzen zu Zwang und List: Großunternehmen werden unter Druck gesetzt, neue Vertragssoldaten aus den Reihen ihrer Mitarbeiter zu beschaffen.
In manchen Städten wie Pensa, Rostow oder Uljanowsk werden Männer auf der Straße festgehalten und in Rekrutierungszentren gebracht. Provinzen gaben in den vergangenen zwei Jahren knapp acht Milliarden Rubel allein für Prämien an private Vermittlungsagenturen aus, die Soldaten für die Front anwerben. Männer werden mit einem Dienst tief im Hinterland geködert – und dann an die Front geschickt.
Die Einsatzbereitschaft der Rekruten ist dabei spürbar gefallen. In den sozialen Medien machen Videos von alten Männern an der Front die Runde, die kaum laufen können. Das Ganze kostet die russischen Budgets laut Kluges Schätzung etwa zwei Prozent des BIP oder 20 Prozent der Kriegsausgaben.
Laut eines Berichts der „Financial Times“ mit Verweis auf informierte Quellen in Moskau sollen die Regionen in diesem Jahr 409.000 Soldaten anwerben. Für die hoch verschuldeten Haushalte der meisten russischen Regionen ist das eine immense Belastung.
Zugleich steigt der Druck an der Front. Russland kann mit der Rekrutierung Verluste ausgleichen, aber mehr auch nicht. Für die derzeitige Angriffstaktik, wobei kleine Gruppen von zwei bis drei Infanteristen die feindlichen Linien durchkreuzen sollen, ist das ein Problem.
Die Idee einer neuen großen Rekrutierungswelle wirkt auf den ersten Blick wie ein Befreiungsschlag für Russlands Personalproblem. Seit Monaten sickern aus den Machtzirkeln in Moskau Gerüchte an die Öffentlichkeit. Die neue Mobilisierung werde ernsthaft erwogen, heißt es immer wieder in den Exilmedien mit Verweis auf anonyme Regierungsquellen.
Die Nationalgarde will ihre Befugnisse erweitern
Indirekte Anzeichen mehren sich. In den vergangenen Jahren hat Russland eine einheitliche Datenbank aller wehrfähigen Männer aufgebaut. Die Rekrutierungszentren stellen verstärkt neues Personal ein, scheinen also mit zusätzlichen Aufgaben zu rechnen.
Die direkt Wladimir Putin unterstellte Nationalgarde Rosgwardija will ihre Befugnisse erweitern, um die russische Gesellschaft in Zeiten der Mobilisierung vor „Gefahren“ zu schützen. Für die neue Mobilisierung bräuchte es kaum mehr als einen Wink von Putin. Seine Verordnung aus dem Jahr 2022, welche die sogenannte Teilmobilisierung ausrief, bleibt vier Jahre später in Kraft.
Die Realität der Entscheidungsfindung im Kreml dürfte komplexer sein. Man könnte argumentieren, dass das bisherige System aus Putins Sicht noch lange nicht am Ende ist. Die Schmerzgrenze der Regionen mag aus ihrer Sicht erreicht sein – aber nicht aus der Sicht Putins.
Sie könnten noch häufiger zu repressiven Mitteln greifen und ihre Ausgaben weiter reduzieren, um noch höhere Boni zu zahlen. Fehlende Investitionen in Bildung, Gesundheitssystem und Infrastruktur vor Ort sind in Putins Logik das kleinste Problem. Der Ukraine-Krieg ist seine einzige Priorität.
Die politischen Kosten einer neuen Mobilisierungswelle wären hoch. Vor vier Jahren gab es vorwiegend in den Provinzen mit nichtrussischen Mehrheiten Proteste. Hunderttausende Männer, zumeist aus der russischen Mittelschicht, verließen das Land, viele blieben im Exil. Dieses Mal könnte der russische Staat zwar zu einer schrittweisen Mobilisierung greifen, die nach Altersgruppen oder Regionen verfährt.
Der Wirtschaft gehen die Arbeitskräfte aus
Doch auch dann wäre mehr innenpolitische Instabilität die Folge – obendrein in einer bereits angespannten Stimmung angesichts regelmäßiger Drohnenangriffe der Ukrainer gegen die Öl-Infrastruktur und Logistik des riesigen russischen Onlinehändlers Wildberries. Auch der zusätzliche Schaden für die ohnehin vom Arbeitskräftemangel geplagte russische Wirtschaft wäre groß.
Außerdem müssen zwangsrekrutierte Männer genau wie Vertragssoldaten trainiert, ausgestattet und entlohnt werden. Die Kosteneinsparungen könnten am Ende nicht so groß ausfallen. Dabei blieben offene Fragen: Würde der Staat die Mobilisierung parallel zum bestehenden System der Rekrutierung fahren oder als Ersatz? Könnte die russische Bürokratie die doppelte Belastung tragen?
Aus der Sicht der russischen Männer ergäben sich auch Fragen nach der Gerechtigkeit. Warum holt man die einen mit Peitsche, die anderen mit Zuckerbrot? Wäre es nicht gerecht, eine Rotation von ab 2022 mobilisierten Soldaten zu veranlassen?
All diese Fragen, die gesellschaftlichen Sprengstoff bergen, könnte der Kreml verhindern, wenn er das bestehende System beibehält – und den ökonomischen und fiskalischen Zahltag für den russischen Staat weiter in die Zukunft verschiebt. Das wäre ganz im Sinne Putins, schließlich glaubt er noch immer, den Krieg gewinnen zu können.
Pavel Lokshin ist Russland-Korrespondent. Im Auftrag von WELT berichtet er seit 2017 über Russland, die Ukraine und den postsowjetischen Raum.
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