Seit sechs Jahren arbeitet Mychajlo Podoljak im Präsidialamt von Wolodymyr Selenskyj. Aber wohl selten war seine To-do-Liste so lang wie jetzt. Gegen Ex-Präsidialamtschef Andrij Jermak läuft ein Verfahren wegen Korruptionsvorwürfen. Am Mittwoch kamen ein neuer Korruptionsskandal und die Entlassung von Selenskyjs stellvertretender Stabschefin hinzu.

Ein immer größeres Problem sind zudem die unablässigen russischen Angriffe auf ukrainische Städte, denen Kiew aus Mangel an Abwehrraketen wenig entgegenzusetzen hat. Und in Russland droht eine große Mobilmachung.

FRAGE: Wieder gibt es einen Korruptionsfall im Umfeld von Präsident Selenskyj. Wie reagieren Sie darauf?

Mychajlo Podoljak: Die Aufdeckung korrupter Handlungen eines Beamten, unabhängig von seiner Position, zeigt, dass der Staat über wirksame Antikorruptionsbehörden verfügt und Korruption absolut nicht toleriert. Derzeit laufen Ermittlungen, und wir werden sehen, welche rechtlichen Konsequenzen sich daraus ergeben. Diese Maßnahme zeigt, dass die Ukraine mit größter Entschlossenheit und wirksamen Entscheidungen vorgeht. Es gibt Verdachtsmomente, darauf folgt eine unverzügliche politische Reaktion, anschließend werden die entsprechenden Verfahrensschritte eingeleitet.

FRAGE: Werden Sie die Wahlen abhalten, wie es der ehemalige Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow fordert?

Podoljak: Jeder, der am politischen Prozess teilnimmt, hat das Recht, Erklärungen abzugeben, nicht nur Fedorow. Aber die Hindernisse für den Wahlkampf haben zugenommen. Russland greift die Stadtzentren an, es ist unmöglich, die Sicherheit der Wahlen zu gewährleisten. Und das gesetzlich vorgesehene Verbot gilt nach wie vor.

FRAGE: Aber Fedorow ist nicht irgendein Politiker – das ist die Meinung des Verteidigungsministers, den Sie abgesetzt haben.

Podoljak: Jeder, der seine Zukunft in der Politik sieht, hat das Recht, über die Möglichkeit oder Unmöglichkeit der Durchführung von Wahlen zu sprechen. Das ist eine normale Diskussion in jedem demokratischen Land. Aber es gibt besetzte Gebiete, viele Menschen befinden sich außerhalb der Ukraine oder haben ihren Wohnsitz gewechselt. Ehrlich gesagt liegen die Prioritäten bei den Ausgaben derzeit etwas anders. Ich verstehe, dass der Wahlprozess äußerst wichtig ist, damit die in der Gesellschaft angestauten Probleme gegenüber der Machtstruktur im Wahlprozess zum Ausdruck kommen können. Aber die Voraussetzungen dafür sind nicht gegeben.

FRAGE: Fedorow wollte den Drohneneinsatz in ein autonomes System umwandeln – ändert seine Entlassung diese Strategie?

Podoljak: Ich würde nicht alle technologischen Lösungen an eine einzige Person knüpfen. Russland kämpft mit veralteter Technologie und großen Mengen an Ressourcen: Raketen, Artillerie, Soldaten. Widerstand kann man nur mit Hochtechnologie, künstlicher Intelligenz und Spezialprogrammen leisten. Niemand wird die Strategie der Asymmetrie, des technologischen Vorsprungs im Abwehrkampf, ändern, unabhängig davon, wer welche Posten oder Ämter bekleidet.

FRAGE: Wie gehen Sie mit dem Mangel an Luftabwehrraketen um?

Podoljak: Die Lage ist sehr schwierig, wir können nicht alles schützen. Dutzende von Regionen können gleichzeitig getroffen werden, es ist unmöglich, neben jedem Ziel ein Patriot-System zu stationieren.

FRAGE: Wie sonst könnten die Ukrainer besser vor russischen Raketenangriffen geschützt werden?

Podoljak: Durch Angriffe auf die Plattformen in Brjansk, Belgorod und Kursk, von denen aus die Iskander-M-Raketen abgefeuert werden, aber dafür benötigen wir Echtzeit-Zugriff auf Geheimdienstinformationen. Wir sprechen darüber mit unseren Partnern, die Verhandlungen verlaufen jedoch zäh. Zweitens greifen wir in Russland die Produktion von Komponenten des Raketenprogramms an. Und die dritte Lösung ist die Verlegung einer ausreichenden Anzahl von PAC-3- und PAC-2-Abfangraketen für die Patriot-Systeme. Dann könnten wir den Luftraum zu 80 bis 90 Prozent absichern. Die Verbündeten ziehen es jedoch vor, diese in den Lagern zu behalten. Das ist ein Fehler.

FRAGE: Kann die Ukraine die Herausforderung durch Drohnen meistern?

Podoljak: Auf jeden Fall, unsere technologischen Lösungen sind fortschrittlicher. Das Problem ist die Geschwindigkeit unserer Partner und der Ausbau der Produktion. Heute können wir eine viel größere Anzahl von Zielen auf russischem Territorium und entlang der Front zerstören. Wir müssen das militärische Potenzial verringern, indem wir die russische Militärinfrastruktur zerstören: 6500 Fabriken und eine enorme Menge an damit verbundenen Produktionsstätten. Und wir müssen Ziele zerstören, die soziale Proteste in Russland auslösen können: Ölraffinerien und die Online-Marktplätze, über die die Menschen ihr Geld verdienen. Sie müssen das Bewusstsein dafür entwickeln, dass der Krieg direkt vor ihrer Haustür stattfindet.

FRAGE: Beunruhigt Sie die steigende Zahl russischer ziviler Opfer?

Podoljak: Wir greifen keine zivilen Ziele an, daran haben wir kein Interesse. Auch Wildberries (russischer Onlinehändler; d.Red.) ist eine Plattform, auf der Güter mit doppeltem Verwendungszweck gekauft werden – das sind Logistikzentren für den Krieg. Die Ukraine versucht, ausschließlich militärische Ziele anzugreifen und zivile Verluste auf ein Minimum zu beschränken. Aber es ist ein unprovozierter Krieg, den Russland begonnen hat. Die Kosten dieses Krieges bekommt die russische Bevölkerung nun immer stärker zu spüren.

FRAGE: Wird Moskau mit einer neuen Mobilmachung reagieren?

Podoljak: Die Mobilmachung läuft bereits, und Moskau wird sie noch verstärken. Russland kann diesen Krieg nur dank der Männer führen, die es rekrutiert. Der Krieg kann nicht durch Deeskalationsmaßnahmen beendet werden, sondern nur durch eine Gegeneskalation, also durch eine Erhöhung des finanziellen, wirtschaftlichen und vor allem militärischen Drucks.

FRAGE: Halten Sie einen russischen Angriff mit taktischen Atomwaffen für realistisch?

Podoljak: Das würde unverzüglich eine globale Krise mit unabsehbaren Folgen auslösen. Man muss Russland deutlich machen, dass bereits der Gedanke daran unzulässig ist und dass dies unumkehrbare Konsequenzen für Russland und für Putin persönlich hätte.

FRAGE: Eine Frage zur Lage an der Front: Nähern sich die Russen Slowjansk?

Podoljak: Die Front ist stabil, es gibt wirksame Gegenoffensiven. Moskau hat taktische oder strategische Ziele im Donbass und anderswo. Aber uns ist klar, wie wir verhindern können, dass es diese verwirklicht. Vor zwei Monaten hatten sie monatlich 27.000 bis 29.000 Tote und Verwundete zu verzeichnen. Jetzt sind es 35.000 bis 38.000.

Dieser Text erschien zuerst in der italienischen Zeitung „La Repubblica“, wie WELT Mitglied der Leading European Newspaper Alliance.

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