Wer in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten in Deutschland an den jährlichen Demonstrationen zum Christopher Street Day teilgenommen hat, weiß, wie selten dort Islamismus und Homosexuellenfeindlichkeit im konservativ-orthodoxen Alltagsislam thematisiert werden.

Zwar erleben viele Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transpersonen in deutschen Großstädten hassmotivierte Gewalt nicht nur von Herkunftsdeutschen, sondern insbesondere von fundamentalistisch gesinnten jungen Männern aus muslimischen Familien. Doch auf dem größten Event der Community wird diese Bedrohung meistens ausgespart und bewusst tabuisiert.

Die Schwulenfeindlichkeit fundamentalistischer Christen wird auf LGBT-Pride-Veranstaltungen hierzulande zwar immer wieder zu Recht skandalisiert. Doch eine spezifische Ideologiekritik des politischen Islam muss man auf den meisten dieser Demonstrationen mit der Lupe suchen. Viele Organisatoren sind auf dem islamistischen Auge blind. Andere schweigen über diese Gefahr für die Freiheit und Sicherheit der eigenen Community – aus falscher Toleranz, aus Angst vor falschen Rassismusvorwürfen.

Vielfach hat man sich längst andere Gegner gesucht, zum Beispiel Christdemokraten. Etwa auf dem CSD Köln wurden die Teilnehmer des CDU-Trucks Anfang Juli dieses Jahres immer wieder ausgebuht. Unvergessen ist in der Community etwa die Ablehnung von großen Teilen der Unionsfraktion bei der Bundestagsabstimmung zur Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare im Jahr 2017.

Dies in Erinnerung zu rufen und konservative Familien- und Geschlechterpolitik zu kritisieren, ist durchaus legitim. Doch hier wurden diejenigen ins Visier genommen, die sich innerhalb der CDU für eine Stärkung schwul-lesbischer Themen einsetzen. Und wer die CDU ausbuht, gleichzeitig aber zum Islamismus schweigt, macht sich lächerlich.

Jedenfalls ist es eine absurde Prioritätensetzung, gegenüber demokratischen Konservativen demonstrative Härte zu zeigen, während man beim islamischen Extremismus auffallend zurückhaltend bleibt. Konfrontation dort, wo sie gesellschaftlich weitgehend risikolos ist, und Vorsicht dort, wo die Gegnerschaft zu sexueller Selbstbestimmung besonders fundamental ausfällt. Diese selektive Empörung ist schwer erträglich.

LGBT-Veranstaltungen immer wieder Anschlagsziel

Vor knapp vier Wochen hat nun ein als islamistischer Gefährder eingestufter 21-Jähriger, geboren und aufgewachsen in Berlin sowie Sympathisant der Terrororganisation „Islamischer Staat“, beim CSD in seiner Heimatstadt eine 65-jährige Frau ermordet und 31 weitere Menschen zum Teil schwer verletzt.

Wer die Augen vor islamistischem Schwulenhass nicht verschlossen hat, kann über den Anschlag leider nicht überrascht sein. Neben jüdischen und israelischen Einrichtungen wurden auch LGBT-Veranstaltungen in Europa und den USA in den vergangenen Jahren immer wieder zu Anschlagszielen des islamistischen Terrorismus.

Beim Internationalist Queer Pride (IQP) Berlin, der sich als „antikoloniale, antirassistische und antikapitalistische“ Alternative zum Mainstream-Event versteht und bei dem Israel-Hass zum Programm gehört, war nach dem Anschlag in Berlin allerdings lediglich die Rede von einem „abscheulichen Akt patriarchaler, homophober und transphober Gewalt“ – Islamismus blieb gänzlich unerwähnt.

Gleiches gilt für ein Statement des Community Dyke* March. Darin ist die Rede von „schrecklichen Nachrichten“. Über die Ideologie des Täters ist nichts zu lesen – dafür von einer Sorge vor der „Instrumentalisierung durch rechte und konservative Kräfte, um gegen muslimische Menschen zu hetzen“.

Selbstverständlich ist eine Kritik an einer solchen Instrumentalisierung durch Rechtsaußen berechtigt; selbstverständlich darf es keine Hetze und keinen Kollektivverdacht gegen Muslime geben; und selbstverständlich ist der Hinweis richtig, dass CSDs in Deutschland und anderen europäischen Ländern in den vergangenen Jahren immer wieder auch von Rechtsextremisten angegriffen wurden.

Diese Kritik wird aber völlig unglaubwürdig, wenn man es nicht einmal nach einem Terroranschlag schafft, die in diesem Fall dahinterstehende Ideologie zu benennen und zu verurteilen.

Als Reaktion auf den Anschlag fand in Berlin am Dienstag ein Benefizkonzert für die Schwulenberatung Berlin und CSD-Initiativen im ländlichen ostdeutschen Raum statt. Laut „Tagesspiegel“ und „tip“ wurde dort von den Künstlern zwar auch über Islamismus gesprochen. Folgt man dem Bericht der „taz“, waren die Prioritäten aber andere.

„Nach dem Angriff auf den CSD wird die Berliner Columbiahalle zum Ort queerer Wut auf Friedrich Merz“, heißt es dort. Die Dragqueen Barbie Breakout zeigte sich demnach „scheiße wütend auf die Regierung, die unsere Gelder kürzt“. Ihre Dragqueen-Kollegin Gloria Viagra rief zur „Besetzung von Parteizentralen“ auf und der Rapper Baran Kok, Initiator des Konzerts, „solidarisierte sich mit Palästina“.

Aus dem Publikum ertönten „Merz leck Eier“-Sprechchöre, schreibt die „taz“ weiter. Das ist die aktuelle Lieblingsparole junger Linker, obwohl sie auf einen klassischen Mechanismus schwulenfeindlicher Beleidigungen zurückgreift: Einem Mann wird eine gleichgeschlechtliche sexuelle Handlung zugeschrieben, um ihn herabzuwürdigen. Homosexualität wird so zum Instrument der Demütigung – unreflektiert von Hunderten skandiert auf einem „queeren Solidaritätskonzert“.

Die Initiative Queer Nations hatte nach dem Anschlag hingegen eine Stellungnahme veröffentlicht, die klarstellte: Die islamistische Bedrohung „aus Angst vor falschen Vorwürfen“ zu verschweigen, lasse die Betroffenen im Stich. „In Berlin tut man sich schwer, offen und vor allem konstruktiv über die Gefahren für LGBTIQ zu sprechen, die von islamistisch ideologisierten Männern ausgeht“, schrieben die Autoren.

Und im Statement des Vorstands des Berliner CSD hieß es immerhin, man benenne „islamistischen Terror klar und ohne Relativierung“. Es wäre konsequent, wenn der Vorstand die Gefahr, die für die LGBT-Community von radikalen Muslimen ausgeht, im nächsten Jahr auf der Bühne der Hauptstadt-Pride thematisieren würde.

Politikredakteur Frederik Schindler berichtet für WELT über die AfD, Islamismus, Antisemitismus und Justiz-Themen. Zweiwöchentlich erscheint seine Kolumne „Gegenrede“. Seit Februar 2026 erscheint wöchentlich sein Podcast „Inside AfD“ .

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