Die Großinvasion der Ukraine hat den Nachbarländern Russlands gezeigt, dass die einstige Führungsnation in der Region immer mehr zum politischen Risiko wird. Länder wie Moldau verstärken ihre Bemühungen um einen EU-Beitritt, andere sehen neue Argumente für eine geopolitische Diversifizierung jenseits der klassischen Machtblöcke.

Allen gemeinsam ist die Vorstellung, dass es im Umgang mit Russland nicht weitergehen darf wie bisher – allein schon wegen der Wirtschaft. Ein schwächer werdendes, von China abhängiges Russland ohne westliche Investitionen ist heute ein weniger attraktiver Partner als noch vor zehn Jahren. Ein Überblick über die Fliehkräfte zeigt, was für Moskau auf dem Spiel steht.

Moldau

Trotz des großen innenpolitischen Konfliktpotenzials hält Moldau am proeuropäischen Kurs fest. Russland gilt für die Gesellschaft im vierten Jahr des offenen Krieges in der Ukraine vor allem als Gefahr, nicht als Partner. Seit Sommer 2022 ist das Land EU‑Beitrittskandidat, die offiziellen Verhandlungen wurden im Juni 2024 eröffnet. Im Oktober 2024 ging das Referendum für einen Beitritt knapp für die Pro-Europäer aus.

Bei den Parlamentswahlen im September 2025 konnte sich die Partei der Aktion und Solidarität von Präsidentin Maia Sandu deutlich behaupten – trotz starker Wahleinmischung aus Russland.

Laut einer Recherche der New York Times gibt Wladimir Putin aber nicht auf. Nach der Unterjochung der Ukraine stehe Moldau auf Platz zwei seiner Eroberungsliste, sowohl um die Ukraine aus dem Westen unter Druck zu setzen, als auch um die EU zu destabilisieren, schreibt die US‑Zeitung.

Dabei scheint Russland anders als früher mehr auf das Training von potenziellen Saboteuren aus Moldau zu setzen, statt auf politischen Druck seitens der traditionell russlandfreundlichen abtrünnigen Teilrepublik Transnistrien.

Armenien

Auch in Armenien war russische Einmischung zuletzt erfolglos. Die Partei Zivilvertrag von Premier Nikol Paschinjan bekam bei der Parlamentswahl im Juni die Mehrheit der Stimmen, obwohl Putin eine indirekte Wahlempfehlung für einen seiner Gegner ausgesprochen hatte. Paschinjan übt sich zwar gegenüber Putin in freundlicher Rhetorik, aber für ihn und die meisten Armenier ist klar: Auf Russland kann man nicht mehr zählen.

Die Enttäuschung über ausbleibende russische Hilfe gegen Aserbaidschans Rückeroberung von Bergkarabach und die Vertreibung der dort lebenden Armenier seit 2020 ist groß. Paschinjan will sein Land in die EU führen und sucht die sicherheitspolitische Zusammenarbeit mit Frankreich, die seit diesem Jahr als strategische Partnerschaft verbrieft ist. Ein weiterer wichtiger Partner ist Indien, das zum wichtigen Rüstungslieferanten für das kaukasische Land avanciert ist.

Russland pocht darauf, dass Armenien bis Ende des Jahres ein Referendum über eine EU‑Mitgliedschaft abhält – und sich so klar zur EU oder zur von Moskau geführten Eurasischen Wirtschaftsunion bekennt. Paschinjan lehnt das ab, weil das Land bislang keinen Antrag auf einen EU-Beitritt gestellt hat.

Die geopolitische Trennung von Moskau wird nicht einfach. Ein großer Teil der armenischen Exporte geht bislang nach Russland. Überdies kontrollieren russische Staatskonzerne die armenische Eisenbahn und Teile der Energieinfrastruktur.

Aserbaidschan

Die Rückeroberung von Bergkarabach war überraschenderweise auch für Baku einer der Gründe für die Distanzierung von Russland. Moskau hielt den Konflikt jahrzehntelang in der Schwebe und bewaffnete beide Seiten. Mit der Niederlage Armeniens fiel auch Moskaus wichtigster Hebel gegen Aserbaidschan weg.

Trotz der schwelenden außenpolitischen Spannungen nach dem versehentlichen Abschuss einer aserbaidschanischen Linienmaschine durch die russische Flugabwehr 2024 sagt sich Baku nicht ganz von Moskau los. Russland wird zu einem Partner unter vielen in einer diversifizierten außenpolitischen Strategie.

Zum Hauptpartner ist inzwischen die Türkei avanciert, die auch mit Drohnenexporten einen wichtigen Beitrag zur Rückeroberung von Bergkarabach leistete. Ein weiterer strategischer Partner und Waffenlieferant ist Pakistan. Mit China herrscht eine strategische Partnerschaft, vorwiegend im Bereich erneuerbarer Energien.

Zugleich nähert sich Aserbaidschan nach US-Vermittlung Armenien an. Die Ratifizierung des 2025 von Donald Trump angestoßenen Friedensabkommens steht aber noch aus. Erstmals seit Jahrzehnten gibt es wieder zaghaften Transitverkehr zwischen den beiden Ländern.

Auch die Europäer, Bakus wichtigster Handelspartner, umgarnen Ilham Alijews Autokratie und kaufen aserbaidschanisches Gas. Vor den Menschenrechtsverletzungen des Regimes verschließt die EU die Augen. Fünf Vertreter der Regierung der aufgelösten selbsterklärten Karabach-Republik Arzach verbüßen nach einem Schauprozess in Aserbaidschan eine lebenslange Strafe.

Regimekritiker wie Ali Karimli werden inhaftiert und unter unmenschlichen Bedingungen festgehalten. Mitglieder seiner Familie berichteten WELT zuletzt, dass ihm bei großer Hitze in Baku Wasser vorenthalten werde. Er habe erheblich an Gewicht verloren, wirke zudem äußerst ängstlich, emotional erschöpft und stehe unter starker psychischer Belastung. Seine verzweifelte Botschaft: „Sie bringen mich hier um.“

Kasachstan

Kasachstan war schon unter dem Vorgänger des amtierenden Präsidenten Kassym-Jomart Tokajew der Vorreiter der „Multi-Vektor-Außenpolitik“ im postsowjetischen Raum: Russland, China, die USA und die EU bilden die Vektoren. Wie schon unter dem langjährigen, selbsterklärten „Vater der Nation“, Nursultan Nasarbajew, der nach Massenunruhen und einem von Russland unterstützten Machtwechsel Anfang 2022 von der Bildfläche verschwand, ist das reichste zentralasiatische Land eine personalistische Autokratie.

Kasachstan lebt vom Export von Öl, Uran, Zink und weiteren Mineralien und präsentiert sich als eine aufstrebende Mittelmacht, die neben großen geopolitischen Akteuren auch um gute Beziehungen zur Türkei, Japan, Südkorea und den Golfmonarchien bemüht ist.

Dieser Kurs schwächte Russlands Rolle im Land über Jahre. Die Krim-Annexion und die Großinvasion der Ukraine schafften neue Argumente für eine vorsichtige Distanzierung von Russland. Dennoch bleibt der große nördliche Nachbar wichtig, sowohl sicherheitspolitisch als auch als Transitroute für wichtige Exporte wie Öl, wobei sich Kasachstan zunehmend um die Diversifizierung der Routen bemüht.

Um die Abhängigkeit auszugleichen, setzt Tokajew einerseits mehr auf China, vor allem bei Technologie und Transitrouten, und versucht gleichzeitig, die Machtansprüche Chinas und Russlands mit guten Beziehungen zum Westen und seinen asiatischen Partnern auszutarieren. Schon jetzt ist die EU Kasachstans größter Handelspartner.

Am Sonntag wählen die Kasachen erstmals nach einer Verfassungsreform ein neues Parlament. Rund 12,6 Millionen Wahlberechtigte sind aufgerufen, die 145 Abgeordneten des neuen Einkammerparlaments zu bestimmen.

Usbekistan

Die ersten anderthalb Jahrzehnte nach der Unabhängigkeit betrieb das gasreiche Usbekistan eine isolationistische Außenpolitik. Der Autokrat Islam Karimow misstraute sowohl Russland als auch dem Westen. Nach Karimows Tod vor zehn Jahren übernahm Premierminister Schawkat Mirsijojew das Präsidentenamt und öffnete das Land für Investitionen, ohne es zu demokratisieren.

Auf wichtige Posten setzt er Mitglieder seiner Familie. Experten zufolge trägt seine Rhetorik inzwischen Züge des von Karimow bekannten Personenkults. Investoren schreckt das bislang nicht ab.

Der größte Geldgeber mit Investitionen im Wert von mehr als zehn Milliarden Dollar ist heute China, gefolgt von Russland, den Golfstaaten und der Türkei – aber auch den Europäern.

Außenpolitisch orientiert sich Mirsijojew am Beispiel Kasachstans. Russland als Partner bleibt wichtig, aber nicht alternativlos. Wichtigster Handelspartner und größter Käufer der usbekischen Gasexporte ist inzwischen China.

Pavel Lokshin ist Russland-Korrespondent. Im Auftrag von WELT berichtet er seit 2017 über Russland, die Ukraine und den postsowjetischen Raum.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.