Seit gut zwei Monaten stehen die Türen des neuen Vorzeigeprojekts offen. Rund 61 Millionen US‑Dollar (52 Millionen Euro) hat das hochmoderne Hospital Rosales in der Hauptstadt San Salvador gekostet. „Medikamente. Behandlungen. Eingriffe. Operationen. Sogar die Krebsbehandlung. Kostenlos für jeden Patienten. Man muss nur vor der Tür erscheinen“, versprach El Salvadors Staatspräsident Nayib Bukele bei der Eröffnung des Krankenhauses im Juni vor Fernsehkameras.

In der Hauptstadt ist die Transformation des mittelamerikanischen Landes gut zu beobachten. Im einst schmuddeligen und lebensgefährlichen Zentrum San Salvadors steht inzwischen eine moderne Bibliothek – bezahlt von China – in einem rundherum restaurierten Areal. Wo früher Müllberge, Taschendiebstähle und Überfälle zum Alltag gehörten, lassen nun flanierende Eltern ihre Kinder spielen.

Bukele, seit 2019 Präsident des Landes, ist laut Umfragen der populärste Politiker Lateinamerikas. Im eigenen Land erreichen seine Zustimmungswerte rund 80 Prozent. Das von seiner Partei Nuevas Ideas dominierte Parlament winkt dank einer erdrückenden Mehrheit alle Projekte der Regierung durch.

Bukele-Spardosen auf einem Markt in San Salvador

So verhängte er einen Ausnahmezustand, um rund 90.000 mutmaßliche Banden- und Clanmitglieder der berüchtigten Mara-Gangs, die die Bevölkerung mit Erpressung und Gewalt terrorisierten, verhaften zu können. Sie landeten unter anderem im gefürchteten Hochsicherheitsgefängnis Cecot.

Weil sich darunter auch mutmaßlich ein paar Tausend Unschuldige befinden, kritisieren Kirche und Menschenrechtler diese Politik scharf. Für die überwiegende Mehrheit der Salvadorianer zählt aber zunächst, dass aus einem der gefährlichsten eines der sichersten Länder Lateinamerikas wurde.

Nun steht das kleine Land vor der nächsten Zäsur. Im vergangenen Jahr wuchs die Wirtschaft um 3,9 Prozent, im ersten Quartal 2026 sogar um 4,8 Prozent, teilt die Deutsch-Salvadorianische Handelskammer auf Anfrage mit.

Nach Angaben des Wirtschaftsministeriums auf Basis von Daten der Zentralbank stiegen die privaten Investitionen im vergangenen Jahr um 23 Prozent und die öffentlichen um 22 Prozent. Im ersten Quartal 2026 verzeichneten 17 von 19 Wirtschaftssektoren ein Wachstum.

Die Nummer zwei hinter Bukele ist El Salvadors Vizepräsident Félix Ulloa. Der wichtigste Faktor für wirtschaftliche Erholung sei die vom „Plan der territorialen Kontrolle“ (PCT) vorgesehene umfassende Strategie einer Befreiung des Landes von den kriminellen Aktivitäten der Banden, erklärt Ulloa auf Anfrage von WELT.

Vorausgegangen sei eine Analyse im Rahmen eines binationalen Abkommens zwischen El Salvador und den USA, die den Verlust des Bruttoinlandsproduktes durch bewaffnete Banden auf 10,5 Prozent beziffert habe.

„Die Sicherheit der Bürger, die Rechts- und institutionelle Sicherheit, soziale Investitionen zur Entwicklung des Humankapitals, ein unternehmensfreundliches Umfeld und politische Stabilität werden entscheidende Faktoren sein, um die Strategie für Entwicklung und Wirtschaftswachstum in El Salvador zu untermauern“, sagt Ulloa.

Anfragen aus Deutschland

Die deutsche Außenhandelskammer in San Salvador sieht für das Land vielversprechende Perspektiven. Die derzeitige Investitionsdynamik, die Entwicklung verschiedener Wirtschaftssektoren und das konkrete Interesse, das bei internationalen Unternehmen zu beobachten sei, würden eine gute Ausgangslage bilden, sagt Karla Klaus, Präsidentin der AHK El Salvador, im Gespräch mit WELT.

„Entscheidend wird nun sein, diese Dynamik nachhaltig beizubehalten und in langfristige private Investitionen, höhere Produktivität und qualifizierte Beschäftigung zu kanalisieren“, so Präsidentin Klaus.

Das Interesse am Standort El Salvador wachse: „Wir erhalten Anfragen aus Deutschland, Österreich, Belgien und weiteren europäischen Ländern.“ Das deutsche Unternehmen ZF Lifetec hat jüngst eine neue Produktionsstätte für automobile Sicherheitssysteme in El Salvador eröffnet.

Bukeles Politik der harten Hand ist allerdings sehr umstritten. Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International oder Human Rights Watch kritisieren, dass der seit Jahren geltende Ausnahmezustand den Rechtsstaat praktisch ausgehebelt habe. Niemand wisse, wie viele Menschen tatsächlich unschuldig im Gefängnis sitzen.

Ein neues Gesetz hat die Arbeit von Nichtregierungsorganisationen im Land erschwert. Viele, darunter auch Stiftungen deutscher Parteien, haben deshalb das Land verlassen müssen.

Häftlinge in einer Zelle im Cecot-Gefängnis

Weitere Indikatoren für autoritäre Tendenzen sind die Verhaftung der prominenten Menschenrechtsanwältin Ruth Lopez und die Flucht regierungskritischer Journalisten ins Exil, die über Geschäfte der Familie Bukele in El Salvador berichtet hatten.

Einer der letzten lauten Kritiker im Land ist Kardinal Gregorio Rosa Chávez. Er kommentierte zu Monatsbeginn die erneute Verlängerung des Ausnahmezustandes: Es gebe zwei Wege, um Frieden im Land zu erreichen: Der eine sei die Unterdrückung, der andere führe zur „wahren Freiheit“. Dieser zweite Weg sei der schwierigere, aber der einzig humane Weg.

Bukele hält seinen Kritikern und den NGOs entgegen, sie würden sich nur für die Rechte der Täter, aber nie für die Menschenrechte der ermordeten Opfer der Banden einsetzen. Inzwischen gibt es für den umstrittenen Ausnahmezustand sogar überraschende Unterstützung von der ehemaligen Regierungspartei FMLN. Rafael Aguirre, Präsidentschaftskandidat des linken Lagers, sagte der Zeitung „El Mundo“: „Ich bin für den Ausnahmezustand, er ist verfassungskonform.“

Tobias Käufer ist Lateinamerika-Korrespondent. Im Auftrag von WELT berichtet er seit 2009 über die Entwicklungen in der Region.

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