Harald Mannheim, 53, gehört zu den bekanntesten Managern an der Schnittstelle von Bundeswehr, Rüstungsindustrie und Digitalisierung. Der ehemalige Generalstabsoffizier der Bundeswehr war in Führungspositionen bei Rheinmetall und Airbus Defence and Space tätig. Seit Juni 2026 leitet er den neu geschaffenen Geschäftsbereich Defence von Schwarz Digits, der IT- und Digitalsparte der durch Lidl und Kaufland bekannten Handelsgruppe.

WELT: Herr Mannheim, Sie sehen Demokratie und Wirtschaft durch Europas digitale Abhängigkeit von außereuropäischen Technologien gefährdet. Warum diese dramatische Lagebewertung?

Harald Mannheim: Weil es um Souveränität geht. Demokratie, Wirtschaft und gesellschaftlicher Zusammenhalt hängen von Selbstbestimmung, Handlungsfreiheit und Wahlfreiheit ab. Vordergründig reden wir über Warenströme und Politik. Dahinter stehen aber Daten, Informationen, Vernetzung. Der Zugriff darauf und die Möglichkeit, sie zu beeinflussen, sind die Grundlage von Handlungsfreiheit. Dabei geht es nicht um Autarkie, sondern um Autonomie. Auch die Unternehmen der Schwarz-Gruppe wollen nicht alles selbst machen. Aber wir wollen selbst bestimmen können, mit wem wir Informationen und Daten teilen. Wenn wir sagen, bestimmte Daten sind nur für uns vorgesehen, dann müssen wir das auch verlässlich durchsetzen können.

WELT: Über 70 Prozent der Cloud-Nutzung der Verteidigungsindustrie laufen laut Studien über die amerikanischen Anbieter Microsoft, Google und Amazon, die dem sogenannten Cloud Act unterliegen: Sie müssen Daten auf Anfrage amerikanischer Behörden herausgeben, auch wenn die Server in Europa stehen. Ein Risiko?

Mannheim: Diese Unternehmen unterliegen der US-Gesetzgebung. Sie können eine hundertprozentige Datenhoheit in Europa gar nicht garantieren. Deshalb muss man sich fragen: Möchte ich souverän über meine Daten verfügen, künstliche Intelligenz auf meinen Daten laufen lassen und Entscheidungen selbstbestimmt treffen können? Wenn die Antwort „Ja“ lautet, dann brauchen wir in Deutschland und Europa souveräne Cloud-Architekturen, eigene Rechenzentren und cyberresiliente Produkte – unabhängig von außereuropäischen Anbietern.

Harald Mannheim, Rüstungsunternehmer

WELT: Die USA sind Deutschlands wichtigster militärischer Verbündeter. Warum sollte die Bundeswehr amerikanischen Cloud-Anbietern misstrauen?

Mannheim: Ich bin ein großer Anhänger transatlantischer Kooperation, habe selbst Teile meiner militärischen Ausbildung in den USA absolviert. Aber auch unter Freunden möchte ich selbst bestimmen können, worüber ich spreche und was ich teile. Es geht um Selbstbestimmung, nicht um Abschottung.

WELT: Gibt es ein Bewusstsein für diese Risiken in Deutschland und Europa?

Mannheim: Nicht ausreichend. Viele Menschen, ob privat, in Behörden oder Firmen, klicken Datenschutzbestimmungen weg, ohne sie zu lesen. Dabei geht es um sensible Unternehmensdaten, Patente, Ermittlungsdaten, nachrichtendienstliche Informationen oder militärische Planungsdaten. Solche Informationen teilt man gelegentlich auch mit Verbündeten oder Geschäftspartnern. Aber bewusst und nicht ungefragt. Zur Veranschaulichung sage ich immer: Ich habe gern Gäste zu Hause. Aber ich möchte entscheiden, wer zum Grillen kommt. Dass jemand ungefragt in meinem Garten sitzt und meinen Grill benutzt, will ich nicht. Bei uns in den Unternehmen der Schwarz-Gruppe haben wir deshalb früh begonnen, unsere eigene Cloud „STACKIT“ aufzubauen. Denn über das Problem nur zu reden, löst es nicht. Wir wollten eine Alternative schaffen. Es ist nun an Politikern und Managern, zu entscheiden, ob sie diese Alternative zu US-Diensten nutzen wollen.

WELT: Viele verbinden die Schwarz-Gruppe mit Lidl und Kaufland. Wieso tummelt sich eine Handelsgruppe im Bereich der sicherheitsrelevanten Cloud-Architektur?

Mannheim: Wir gehören vielerorts zur kritischen Infrastruktur. Es gibt 14.500 Filialen von Lidl und Kaufland in 34 Ländern, davon über 4000 in Deutschland. Damit stellen wir einen erheblichen Teil der Lebensmittelversorgung sicher. Wir tragen also Verantwortung für die Versorgungssicherheit der Bevölkerung im Alltag, aber auch im Spannungs- und Verteidigungsfall.

Als im Januar 2026 in Berlin der Strom durch Sabotage über Tage ausfiel, konnten unsere Filialen nach wenigen Tagen der Schließung binnen kürzester Zeit weiterarbeiten und Menschen versorgen. Nicht nur Licht und Kühlung liefen weiter, sondern auch die digitalen Kassensysteme. Das ist unter anderem das Ergebnis einer hochverfügbaren und cyberresilienten Infrastruktur. Diese Erfahrungen übertragen wir nun auf Sicherheitsbehörden, Streitkräfte und andere Akteure der kritischen Infrastruktur. Wir verkaufen keine Technologie, die wir nicht selbst genutzt haben. Wir müssen jeden Tag beweisen, dass unsere Systeme im 24/7-Betrieb funktionieren.

WELT: Wie erklären Sie einem Bundeswehr-General, was Ihre Cloud kann, was Amazon, Microsoft oder Google nicht leisten können?

Mannheim: Diese Hyperscaler haben Milliarden investiert und sehr gute Technologien aufgebaut. Wir sehen uns als souveräne europäische Alternative und wollen uns sportlich mit ihnen messen. Für das Militär ist Souveränität der Schlüssel. Es geht um Datenhoheit, Kryptografie, Zugriffsrechte und die Kontrolle darüber, wer welche Informationen sehen darf. Also um digitale Überlebensfähigkeit. Das ist bei uns mit Zentrale, Logistikzentren und Filialen nicht viel anders als bei Streitkräften mit Hauptquartier, vorgeschobenen Gefechtsständen und Truppenkörpern in Bewegung. Es braucht ein Rechenzentrum mit hoher Leistung, verlegefähigen Lösungen etwa in Containern, und am Ende das einzelne Fahrzeug oder den einzelnen Soldaten. Der entscheidende Punkt ist: Auch wenn Teile dieser Struktur ausfallen oder abgeschnitten werden, muss der Betrieb weiterlaufen. Die Nutzer müssen weiterhin Zugriff auf die Informationen haben, die sie unmittelbar benötigen.

WELT: Wie weit sind Sie bei den notwendigen Geheimschutz-Zulassungen?

Mannheim: Wir stehen kurz vor der Zulassung für Verschlusssachen nur für den Dienstgebrauch, also „VS-NfD“. Und zwar für echte Cloud-Architekturen – nicht für das, was ich gelegentlich etwas provokativ „Keller-Cloud“ nenne, also abgeschottete Systeme. Es geht um moderne, vernetzte Cloud-Strukturen, die kollaboratives Arbeiten ermöglichen. Perspektivisch wollen wir weitere Geheimhaltungsstufen erreichen. Dafür braucht es nicht nur Technik, sondern auch neue Betriebs- und Sicherheitskonzepte.

WELT: Gibt es bereits Projekte mit der Bundeswehr?

Mannheim: Einzelne Vorhaben kann ich aus Sicherheits- und Geheimhaltungsgründen nicht kommentieren. Wir arbeiten aber bereits gemeinsam an Projekten. Nicht alles läuft direkt zwischen uns und den Beschaffungsbehörden. So arbeiten wir mit Industriepartnern der Bundeswehr wie Hensoldt zusammen und bringen dort IT-Infrastruktur und Rechenleistung für deren Sensor- und Radarsysteme ein. Wir konzentrieren uns zunächst auf Deutschland und die Nato, neben Streitkräften auch auf Nachrichtendienste, Polizei, Katastrophenschutz oder die Betreiber kritischer Infrastruktur.

In manchen Bereichen wird noch immer mit sehr einfachen Mitteln wie Clipboards und Filzstift gearbeitet, was manchmal auch notwendig ist. Wenn wir aber Daten automatisiert zusammenführen und Entscheidern schneller bereitstellen, können sie deutlich effizienter handeln. Zeit ist in sicherheitskritischen Lagen oft der entscheidende Faktor.

WELT: Die Bundeswehr tut sich mit der Digitalisierung landbasierter Operationen schwer. Können Sie helfen?

Mannheim: Ich kann nicht kommentieren, ob derzeit etwas schiefläuft oder was man bislang hätte anders machen sollen. Aber im Ausblick sind wir natürlich bereit, mit an der Seite zu stehen. Hier bringen wir eine ganze Menge Fähigkeiten und Expertise mit. Wir könnten Cyber-, IT-Infrastruktur und Rechenleistung bereitstellen. Für Führungsfähigkeit und Kommunikation gibt es spezialisierte Partner. Entscheidend ist, dass man Infrastruktur, Konnektivität, Lagebild und Führung als Gesamtsystem betrachtet und nicht getrennt voneinander.

WELT: Wie passt Schwarz Digits in den Multi-Cloud-Ansatz der Bundeswehr? Dort wird beispielsweise auch mit Google gearbeitet.

Mannheim: Es wird nie nur eine Cloud geben. Streitkräfte arbeiten mit unterschiedlichen Nationen und Partnern zusammen und verfügen über die verschiedenen Dimensionen Land, Luft, See, Cyber und Weltraum. Deshalb braucht man eine übergreifende Architektur, die verschiedene Clouds verbindet und interoperabel macht. Gleichzeitig reden wir über Systeme, die 40 oder 50 Jahre genutzt werden. Man kann nicht einfach alles alle paar Jahre austauschen wie bei einem privaten Handy. Man muss bestehende Systeme integrieren und neue standardisiert hinzufügen. Es geht hier auch um den verantwortungsvollen Umgang mit Steuergeld.

WELT: Die Bundeswehr hat begrenzte Personalressourcen. Wie kann Digitalisierung da helfen?

Mannheim: Personal wird auf absehbare Zeit ein Engpass bleiben. Deshalb müssen wir vorhandene Kräfte effizienter einsetzen. Der eigentliche Hebel liegt in Informationshoheit und Vernetzung. Nur Drohnen allein gewinnen keinen Konflikt. Nur Panzer auch nicht. Daten werden zur zentralen Ressource. Entscheidend ist, dass Informationen schnell verfügbar sein müssen und sinnvoll genutzt werden können. Wer bessere Informationen hat, kann vorhandene Mittel deutlich effizienter einsetzen – und damit gewinnen. Digitalisierung kostet Geld. Aber es ist eine Investition in die Zukunft, unsere Sicherheit und Wehrhaftigkeit und letztlich in unsere Demokratie.

Der politische Korrespondent Thorsten Jungholt schreibt seit vielen Jahren über Bundeswehr und Sicherheitspolitik.

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