Wer an Soziopathen denkt, hat vielleicht das Bild von Patrick Bateman aus „American Psycho“ oder vom Serienmörder Ted Bundy vor Augen. So verständlich das ist – so sehr führt es in die Irre.
Der Ausdruck „Soziopath“ hat sich in der Alltagssprache festgesetzt, taucht aber in der aktuellen Krankheitsklassifikation ICD-11 der Weltgesundheitsorganisation nicht auf. Dort werden die entsprechenden Merkmale als „dissoziale Persönlichkeitsstörung“ geführt, im Amerikanischen als „antisoziale Persönlichkeitsstörung“ (ASPD). Mit psychopathischen Zügen gibt es Überschneidungen; diese haben in der Regel aber drastischere Auswirkungen und eine deutlichere genetische Komponente.
Wie viele Menschen sind Soziopathen? Studien in Großbritannien etwa zeigen, dass ein Prozent der britischen Bevölkerung die Kriterien für eine dissoziale Persönlichkeitsstörung erfüllt; Schätzungen für andere Länder wie Deutschland bewegen sich in einem ähnlichen Rahmen. Männer sind mit einer Häufigkeit von bis zu vier Prozent deutlich häufiger betroffen als Frauen. Noch stärker ist die Konzentration mit 50 bis 80 Prozent bei männlichen Häftlingen – und auch auffällig viele Führungskräfte in Unternehmen finden sich unter den Betroffenen.
Fachleute betonen, Soziopathie sei ein Spektrum. Wer sein Verhalten erkenne, verstehe und daran arbeite, könne ein sozialverträgliches, erfülltes Leben führen. Das sind sieben Merkmale von Soziopathen:
1. Sie nutzen ihr Charisma zu ihrem eigenen Vorteil
Ein Soziopath überlegt oft, wie er eine Gelegenheit zu seinem persönlichen Vorteil nutzen kann. In seinen scheinbar charmanten Worten steckt allerdings oft wenig Aufrichtigkeit.
Der britische Psychotherapeut Sumeet Grover formuliert es so: „Wenn er Sie in seine Welt hineinzieht, verschafft ihm das Macht und ein Gefühl von Größe. Es lenkt davon ab, was in ihm selbst vorgeht. Sein Selbst ist zerklüftet; deshalb fühlt er anders als die meisten Menschen. Er kann charmant, glaubwürdig und sympathisch wirken, während es ihm oft an echtem Einfühlungsvermögen und Reue mangelt.“
Grover erklärt weiter, dass die genaue Ursache der Soziopathie zwar nicht bekannt sei. Es werde jedoch angenommen, dass sowohl genetische als auch umweltbedingte Faktoren eine Rolle spielen, darunter Erziehungsstile, Missbrauch und Vernachlässigung. „Bestimmte Verhaltensmerkmale können bereits bei Kindern im Alter von sieben Jahren beobachtet werden“ – etwa die Misshandlung von Tieren oder schutzbedürftigen Menschen, destruktives Verhalten in der Schule, Brandstiftung oder Diebstahl. „Forschungsergebnisse legen nahe, dass bei 40 Prozent der männlichen und 25 Prozent der weiblichen Jugendlichen mit einer Störung des Sozialverhaltens später im Erwachsenenalter eine antisoziale Persönlichkeitsstörung diagnostiziert wird.“
2. Sie lehnen sich gegen Autoritäten auf
Wer versucht, einem Soziopathen etwas vorzuschreiben oder sich ihm in den Weg zu stellen, dem zeigt er innerlich den Mittelfinger. Der Soziopath ist Meister der Täuschung und nimmt eher rechtliche Konsequenzen in Kauf, als sich zu fügen. Oft handelt er unverantwortlich, ohne Schuldgefühle, Reue oder Gewissensbisse. Da es sich um ein Spektrum handelt, begehen manche Betroffene möglicherweise grausame Taten, während andere eher zu Bagatelldelikten wie der Nichtzahlung überfälliger Bußgelder oder Ladendiebstahl neigen und im Nachhinein sogar Scham dafür empfinden können.
Lisa Orban, klinische Psychologin, hält bei weniger schweren Fällen Gesprächstherapien für vielversprechend. Die kognitive Verhaltenstherapie eignet sich ihrer Einschätzung nach, um Zwänge und schädliche Gedankenmuster zu bearbeiten, die Akzeptanz- und Commitment-Therapie, um mit bestimmten Überzeugungen und Gefühlen umzugehen, und sich davon nicht beherrschen zu lassen. Ihre Einschränkung: „Der Erfolg steht und fällt damit, ob der Patient sein Handeln überhaupt reflektiert und wirklich bereit dazu ist, sich zu verändern.“
3. Sie tun sich schwer mit langfristigen Beziehungen
Soziopathen können instinktive Regungen wie Wut, Angst oder Traurigkeit empfinden. Schwer tun sie sich mit gelernten Emotionen wie Scham, Schuld, Zuneigung und vor allem Empathie. Innerlich halten sie den Rest der Menschheit für Verlierer – nach außen hin nutzen sie ihren manipulativen Charme und ihre fehlende soziale Unsicherheit dafür, um andere zu beeinflussen.
Sie spiegeln das Verhalten ihres Gegenübers und ernten dafür die Aufmerksamkeit und Bewunderung, die sie unbedingt wollen. Sobald es aber um dauerhafte, tragende Beziehungen geht, zeigt sich ihr Vorgehen als das, was es ist: eine Performance ohne Substanz.
Tharaka Gunarathne, klinischer Psychiater, ergänzt: „Jemand mit ASPD kann zwar Bindungen eingehen, doch diese sind oft oberflächlich und eher von persönlichem Gewinn als von gegenseitiger Fürsorge getrieben.“ Die Art von Liebe, die auf Empathie, Verletzlichkeit und emotionaler Gegenseitigkeit beruhe, sei in der Regel beeinträchtigt.
„Dies hängt teils mit der Verdrahtung des Gehirns zusammen. Die Amygdala – die uns hilft, emotionale Signale zu deuten – zeigt bei Menschen mit ASPD oft eine verminderte Aktivität. Ihre Kommunikation mit dem präfrontalen Kortex – dem Kontrollzentrum unseres Gehirns, das uns bei moralischen Urteilen und langfristigem Denken hilft – ist zudem häufig gestört. Liebe wird nur nachgeahmt, aber die Tiefe dahinter fehlt.“
4. Sie spielen mit dem Feuer
Studien zeigen, dass Soziopathen aufgrund einer verminderten Aktivität der Amygdala Risiken häufig unterschätzen und eine verzögerte Reaktion auf Angst zeigen. Gefahr ist für sie ein Instrument, um sich lebendig zu fühlen.
In ihren Memoiren „Sociopath“ schreibt die US-amerikanische Autorin Patric Gagne über ihr eigenes risikoreiches Verhalten. Dazu habe gezählt, Autos zu stehlen und spätnachts durch die Straßen von Los Angeles zu fahren, in Häuser einzubrechen und an Beerdigungen von Fremden teilzunehmen.
Ihre These: Soziopathen fühlten nicht so wie die meisten anderen Menschen. Was bleibe, sei Apathie – eine Leere, die sie zu zerstörerischen Handlungen treibe. Gagnes Therapeut sagt in ihrem Buch: „Der unbewusste Wunsch des Soziopathen, überhaupt etwas zu spüren, ist das, was ihn zu aggressivem und destruktivem Verhalten bringt.“
5. Sie haben dich im Blick und versuchen, dich zu dominieren
Einem Soziopathen entgeht nur sehr wenig. Kontrolle und Macht sind ihm wichtiger als Nähe und Partnerschaft. Er will dominieren, die Stimmung und die Situation diktieren, wobei er sich kaum oder gar nicht um die Bedürfnisse oder Wünsche Anderer kümmert.
Nicht selten schlägt das ins Obsessive um, bis hin zum Stalking. In Extremfällen kippt der Kontrollzwang in Aggression, mitunter auch in Gewalt. Wer schwächer ausgeprägte Züge zeige, könne tragfähige Beziehungen führen, so Psychiater Gunarathne. Wer mit einem Soziopathen zusammenlebe, müsse klare, nicht verhandelbare Grenzen setzen.
Sein Rat: „Lassen Sie sich nicht auf den Versuch ein, den anderen zu ‚reparieren‘. Konzentrieren Sie sich auf das, was Sie in der Hand haben: Ihre Reaktion, Ihre Grenzen, Ihr Netz aus Menschen, die zu Ihnen halten. Suchen Sie professionelle Hilfe, wenn nötig. Charme und Selbstsicherheit können überwältigen – aber wenn Sie emotional dauerhaft draufzahlen, ist das ein Signal, einen Schritt zurückzutreten.“
6. Sie meinen Bitten um Entschuldigung selten ernst
Wer aus Fehlern lernen will, muss sich für die Folgen seines Handelns interessieren. Soziopathen mögen zwar um Entschuldigung bitten – vor allem, wenn es zweckdienlich ist oder Vertrauen schafft –, aber sie meinen es selten ernst. Sie erleben die Entschuldigung eher als Unterwerfung oder als Bedrohung ihrer Überlegenheit. Viel eher schieben sie die Schuld auf andere und lassen diese glauben, alles sei deren Fehler.
Die Psychologin Orban sagt dazu: „Auch ohne Reuegefühl können Menschen mit ASPD Recht und Unrecht voneinander unterscheiden und die Reaktionen ihrer Umgebung lesen. Diese Fertigkeiten können trainiert werden, auch wenn die Fähigkeit zur Empathie begrenzt bleibt.“
7. Sie verdrehen die Wahrheit
Es gibt niemanden, den ein Soziopath lieber mag als sich selbst, und wenn es dem Ziel dient, walzt er alles um sich herum nieder. Steht die Wahrheit im Weg, wird sie zurechtgebogen. Partner von Soziopathen beschreiben oft das Gefühl, verrückt zu werden, weil ihr Gegenüber die Wahrheit so sehr manipuliert habe, dass niemand mehr erkennen könne, was real ist und was nicht.
Ute Liersch, Psychologin an einer Londoner Privatklinik, arbeitet mit Frauen, die sich aus solchen Beziehungen zu befreien versuchen. Das sei alles andere als einfach, sagt sie. Oft durchlebten diese Frauen eine äußerst brutale Scheidung – und ihr „manipulatives Gegenüber“ setze sein ganzes Repertoire ein, um zu bekommen, was es will. „Studien zeigen inzwischen: Das Gehirn verändert sich unter einem kontrollierenden Partner ähnlich wie unter Drogeneinfluss. Man wird buchstäblich abhängig. Deshalb ist es so schwer, sich zu lösen. Ich sehe Frauen, die quälende Entzugserscheinungen durchstehen.“ Eine solche Trennung könne zermürbend sein, körperlich wie seelisch.
Dieser Text erschien zuerst in der WELT-Partnerpublikation „Telegraph“. Übersetzt und redaktionell bearbeitet von Uma Sostmann.
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