Es sind Meldungen eines beliebigen Tages in dieser Woche. Am Dienstag erklärt die Nato, eine aus Belarus eingedrungene, wahrscheinlich russische Drohne über Litauen abgeschossen zu haben. Die Drohne war mit Sprengstoff beladen. Dänemark teilte mit, dass ein russisches Kriegsschiff in der Ostsee nördlich von Rostock mit Leuchtspurmunition auf einen dänischen Militärhubschrauber geschossen habe, der sich auf einer Routinemission befand.

In den Niederlanden legte eine umfassende Sabotageaktion weite Teile des Zugnetzes lahm. Die Täter sind bisher unbekannt, aber Russland dürfte auf der Liste der Verdächtigen weit oben stehen.

In der Nacht zu Mittwoch teilte das US-Justizministerium mit, gegen einen Ring russischer Geheimdienstleute Anklage zu erheben, die Terror finanziert und Morde in den USA und in anderen Ländern geplant hätten. So sieht inzwischen eine ganz normale Woche im Westen aus.

Es ist inzwischen kaum mehr zu leugnen: Russlands Angriffe auf Nato-Staaten werden immer zahlreicher – und immer wagemutiger. Es gibt immer noch Politiker und Journalisten, die sie als „hybride“ Aktionen labeln, obwohl die Angriffe und Sabotageakte, etwa gegen Rüstungsfirmen in Europa, tatsächlich kaum noch als „hybrid“ bezeichnet werden können. Vielmehr haben sie inzwischen den Charakter niedrigschwelliger, echter Kriegsführung angenommen, etwa beim versuchten russischen Drohnenangriff am Flughafen Leipzig oder bei den Explosionen in bulgarischen Rüstungsunternehmen.

„Russland führt Krieg gegen Europa, selbst wenn Nationen, politische Anführer und Bürger es nicht glauben wollen. Je eher wir das anerkennen, desto eher können wir Maßnahmen ergreifen, um zu verhindern, dass es sich zu einem größeren Krieg ausweitet“, meint Ben Hodges, ehemaliger Oberkommandierender der US-Armee in Europa.

Europa tut sich jedoch weiter schwer, angemessen auf die russischen Angriffe zu reagieren. „Wir haben zu lange so getan, als ließen sich hybride Angriffe wie technische Störungen behandeln. Als vereinzelte Vorfälle. Als Probleme für Fachabteilungen. Doch für unseren Gegner sind sie systematische Teile eines großen Konflikts“, schreibt Sicherheitsexperte Nico Lange.

Bisher werden die russischen Angriffe vor allem unter dem Aspekt der inneren Gefahrenabwehr behandelt: Man versucht, wie in Leipzig, die Täter zu ermitteln, die Moskauer Urheberschaft juristisch nachzuweisen, und diskutiert dann, wie man sich in Zukunft besser schützen kann.

Laut Militärexperten müsste jedoch zusätzlich ein Abschreckungspotenzial aufgebaut werden, um Moskaus Kalkulationen zu verändern. Denn bisher zahlt Russland kaum einen Preis für seine Attacken – was ein Anreiz für Putin ist, damit fortzufahren.

„Müssen den Gegner empfindlich treffen können“

„Wir verstecken uns hinter dem Wort ‚hybrid‘ in der Hoffnung, dass es uns davor bewahrt, Gegenattacken zu unternehmen. Wir müssen endlich mit den Scheinmaßnahmen aufhören, denn sie laden Putin nur dazu ein, weiter zu eskalieren“, meint der ehemalige litauische Außenminister Gabrielius Landsbergis. Sicherheitsexperte Lange plädiert deshalb dafür, „die Logik klassischer Verteidigung und Abschreckung in die hybride Sphäre zu übertragen. Wir können Häufigkeit und Schwere der Angriffe gegen uns deutlich senken, indem wir der anderen Seite endlich Kosten auferlegen.“

Denn solange Putins zunehmende Eskalationen gegen Nato-Länder ohne Konsequenzen bleiben, gibt es auch keinen Grund für den Kreml, damit aufzuhören. Nur die eigene Resilienz zu erhöhen, also bessere Abwehrmaßnahmen zu ergreifen, reicht nach Einschätzung von Lange nicht aus. „Wir können nicht jedes Kabel schützen, nicht jeden Server perfekt abschirmen, nicht jeden Hafen, jede Bahnstrecke oder jede Stromleitung rund um die Uhr lückenlos überwachen“, so der Sicherheitsexperte. „Wenn wir Sicherheit haben wollen, müssen wir auch den Gegner empfindlich treffen können.“

Innerhalb der Nato wird inzwischen diskutiert, ob die niedrigschwelligen Angriffe Russlands ausreichen, um den Bündnisfall gemäß Artikel 5 des Nordatlantikvertrags auszurufen. In Europa besteht jedoch die Sorge, dass dies eine kriegerische Eskalation mit Moskau auslösen könnte, auf die das Bündnis derzeit nicht ausreichend vorbereitet ist. „Wir haben darüber nachgedacht, Artikel 5 auszurufen“, zitiert die WELT-Partnerpublikation „Politico“ einen osteuropäischen Diplomaten, „aber wir wollen nicht eskalieren und das könnte auch nach hinten losgehen, weil es Putin zeigen könnte, dass Trump nicht bereit ist, zu helfen“.

Unterhalb der Schwelle einer Nato-Reaktion fällt es in die Zuständigkeiten nationaler Regierungen und deren Geheimdienste, auf russische Attacken zu reagieren. Und damit tun sich viele Länder weiter schwer.

In Deutschland war es dem Auslandsnachrichtendienst BND bisher sogar verboten, selbst aktive Maßnahmen zu ergreifen. Das soll sich nun ändern. Ein entsprechender Gesetzentwurf wurde vom Kabinett Mitte August verabschiedet und befindet sich nun in den Bundestagsausschüssen.

Russische Kalkulationen beeinflussen

In einem Artikel für die Denkfabrik Carnegie Europe fordert Osteuropaexperte Maksym Beznosiuk, dass endlich Schluss sein müsse damit, jeden dieser Angriffe als Einzelfall zu betrachten und mit Ad-hoc-Maßnahmen zu reagieren. „Europa und die Nato sollten Moskaus Angriffe als Teil einer anhaltenden Kampagne betrachten, die ein Repertoire vorbereiteter Instrumente erfordert“, so Beznosiuk.

Die Nato müsse dafür eine hybride Reaktionszelle an der Ostflanke schaffen, einen „permanenten gemeinsamen Mechanismus, der Geheimdienstinformationen, schnelle Zuschreibung und vorab vereinbarte Reaktionsoptionen für den Fall von Sabotage, Cyberattacken, GPS-Störungen und Infiltrationen umfasst“. Die Verbündeten sollten sich auf ein abgestuftes Menü automatischer Konsequenzen einigen, mit denen auf russische Angriffe reagiert werden kann.

Am Ende geht es darum, russische Kalkulationen zu beeinflussen. „Moskau sollte vorher wissen, dass Angriffe auf kritische Infrastruktur, wiederholte Unterbrechungen der zivilen Luftfahrt oder koordinierte Störungen der Grenzregionen einen vorhersehbaren Preis haben – sei es in der Form von Sanktionen, Ausweisungen von Diplomaten, Aufbringung von Schiffen auf See, Cybergegenangriffen oder einer beschleunigten Stationierung von Truppen an der Ostflanke“, so Beznosiuk.

Juni 2026 bei Fehmarn: Die russische Korvette „Sobrasitelny“ eskortiert den Rohöltanker „Kira K“, der wegen des Transports von russischem Öl auf internationalen Sanktionslisten steht

Die Möglichkeiten für Gegenmaßnahmen sind vielfältig. „Das heißt nicht, dass wir Drohne gegen Drohne setzen sollten oder Hack gegen Hack“, meint Lange. Vielmehr gehe es darum, intelligente Antworten zu finden. „Wir können dort ansetzen, wo der Gegner es nicht erwartet und wo er verwundbar ist.“

Die EU könnte etwa russische Finanzströme stoppen und einfrieren, Tarnfirmen blockieren, und andere Maßnahmen ergreifen, die die Operationsfähigkeit des Gegners gezielt schwächen würden. Möglich wäre auch, russischen Schiffen den Zugang zu EU‑Häfen zu verwehren oder gegen die russische Schattenflotte vorzugehen – nicht militärisch, sondern indem man sie „aus Umweltgründen stilllegt oder gar einmal stoisch und langwierig die Arbeitsverträge und Steuersituation der gesamten Crew prüft, bis der Betrieb stockt“.

Solche Maßnahmen würden die in Europa weitverbreitete Angst vor einer Eskalation im Konflikt mit Russland mindern. „Das alles wäre nicht‑spiegelnde Abschreckung“, so Lange. „Wir können damit Russland treffen, ohne zu eskalieren. Und vor allem können wir damit zeigen, dass wir handlungsfähig sind. Das zwingt den Gegner, seine Kosten neu zu kalkulieren.“

Das Grundproblem bleibt bestehen: Viele Europäer verharren gegenüber Russland weiter in Denkmustern der Beschwichtigung. Dabei scheint es inzwischen nötig, sich wieder in die Logik des Kalten Krieges hineinzuversetzen, die sehr viel robustere Nervenkostüme und eine aktivere Eindämmungspolitik gegenüber dem russischen Imperium verlangte.

„Wir versuchen noch immer, einen Gegner zu besänftigen, der unsere Zurückhaltung als Einladung versteht“, kritisiert Lange. „Wir müssen uns endlich wehren.“

Clemens Wergin ist seit 2020 Chefkorrespondent Außenpolitik von WELT. Er berichtet vorwiegend über den Ukraine-Krieg, den Nahen Osten und die USA.

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