Die ukrainische Hauptstadt Kiew ist erneut von russischen ballistischen Raketen getroffen worden – nach Angaben von Präsident Wolodymyr Selenskyj erneut ohne Vorwarnung der Verbündeten. Die internationalen Partner der Ukraine hätten keine Hinweise auf einfliegende Raketen gegeben, sagte Selenskyj am Dienstag. Dies sei auch am Vortag der Fall gewesen. Die Geschosse seien erst im Anflug auf Kiew von den Radaren entdeckt worden.

Fünf ballistische Raketen trafen Selenskyj zufolge zivile Infrastruktur in der Hauptstadt, einen Wohnblock sowie ein Heizkraftwerk. Das neunstöckige Wohngebäude ging nach dem Treffer in Flammen auf. Laut Bürgermeister Vitali Klitschko gab es mindestens zwei Tote und mehr als 20 Verletzte.

Die ersten Explosionen waren dem Nachrichtenportal „The Kyiv Independent“ zufolge unmittelbar nach Auslösung des Luftalarms zu hören. Am Morgen darauf wurde eine weitere Angriffswelle gemeldet, deren Folgen zunächst unklar waren.

Der Anschlag in Kiew am Dienstag traf unter anderem einen Wohnblock. Laut Bürgermeister Vitali Klitschko gab es mindestens zwei Tote und mehr als 20 Verletzte

Den russischen Angreifern werde es zu einfach gemacht

Selenskyj nannte den Beschuss „besonders niederträchtig“ und betonte, dass Geheimdienstinformationen von Partnern über solche Angriffe „dazu beitragen, Leben zu retten“. Welche Partner er meinte, sagte er nicht. „Das ist überhaupt nicht gerecht, wenn die Russen Energieanlagen zerstören und die Ukraine nicht einmal Warnungen vor dem Start ballistischer Raketen erhält“, schrieb er auf Telegram.

Auf X schrieb Selenskyj: „Wir bitten Amerika und JEDEN auf der Welt, der die Augen vor der Realität nicht verschließt, dazu auf, zu reagieren – und zwar entschlossen. Russland hat die Chance auf eine Deeskalation vertan und sich eindeutig dafür entschieden, seinen wahnsinnigen Vernichtungskrieg fortzusetzen.“

Trump weist Vorwürfe aus Kiew zurück

US-Präsident Donald Trump widersprach der Darstellung, die USA teilten grundsätzlich keine Informationen. „Wir helfen ihnen und teilen Geheimdienstinformationen“, sagte er Journalisten im Weißen Haus. Die USA wollten den Krieg beenden und arbeiteten dafür mit der Ukraine und Russland zusammen.

Die Ukraine verließ sich in ihrem seit 2022 andauernden Abwehrkampf gegen Russland bislang primär auf Aufklärungsdaten des US-Militärs, aber auch auf die anderer Nato‑Staaten. Zuletzt nahmen die Spannungen zwischen Trump und Selenskyj zu. Der US-Präsident hatte den ukrainischen Staatschef scharf kritisiert und einen möglichen Wechsel an der Spitze der Ukraine angesprochen.

Trump und Selenskyj während der UN-Generalversammlung im September. Zuletzt nahmen die Spannungen zwischen den beiden wieder zu

Ukraine fehlt Munition für Patriot-Systeme

Verschärft wird die Lage durch akuten Munitionsmangel der ukrainischen Streitkräfte. Während es ihnen an Geschossen zur Raketenabwehr fehlt, hat Russland die Angriffe auf Kiew und andere Städte verstärkt. In Charkiw wurden nach Angaben Selenskyjs vier Menschen bei einem Angriff auf ein Wohngebäude getötet und 41 weitere verletzt.

Als effektivste Abwehr gegen ballistische Raketen, die wegen ihrer hohen Geschwindigkeit besonders schwer abzufangen sind, gelten die in den USA produzierten Patriot-Systeme. Die ukrainische Armee hat mehrere davon, aber nicht genügend Munition. Ein Grund dafür: Der Krieg der USA und Israels gegen den Iran hat die weltweiten Munitionsbestände zusätzlich verknappt.

Selenskyj kritisiert Hauptstadt, Klitschko wehrt sich

Da Russland immer wieder die Energieversorgung angreift, drohen der Zivilbevölkerung im Winter Strom- und Heizungsausfälle. Selenskyj warf den Hauptstadtbehörden in einer Videobotschaft schlechte Vorbereitung vor. „Jeder Kiewer sieht, dass die Stadt wirklich nicht vorbereitet ist“, sagte er und griff damit Kritik in sozialen Netzwerken auf. Die Lage sei schlechter als in den Wintern der vorherigen Kriegsjahre, schon einzelne Drohnenangriffe führten zu Strom- und Wasserausfällen. Probleme gebe es bei Schutzräumen, der Vorbereitung von Schulen, dem Bau von Schutzanlagen für wichtige Objekte und beim öffentlichen Nahverkehr.

„Kiew hängt anderen Regionen bei der Umsetzung der Stabilitätspläne hinterher“, sagte Selenskyj, ohne Klitschko beim Namen zu nennen. Klitschko wies die Vorwürfe zurück und verwies auf die besonders harten Angriffe der vergangenen Wochen. „Das Stadtoberhaupt trägt nicht die Verantwortung für die Flugabwehr“, sagte er Journalisten. Kiew sei das Hauptziel russischer Angriffe, er selbst Opfer einer Kampagne, die ihn durch ein loyalereres Stadtoberhaupt ersetzen solle.

Klitschko sprach von einem Angriff auf die kommunale Selbstverwaltung: Landesweit habe die Zentralregierung bereits 300 missliebige Bürgermeister ersetzt. Klitschko und Selenskyj gelten als politische Gegner und tragen ihren Konflikt immer wieder öffentlich aus. Der Präsident kritisiert regelmäßig Klitschkos Amtsführung, Klitschko wirft Selenskyj einen autoritären Regierungsstil und die Aushöhlung der Demokratie vor.

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