Der österreichische Militärexperte Markus Reisner blickt kritisch auf die schwindende Unterstützung der Ukraine durch die Vereinigten Staaten. „Es ist doch sehr nachdenklich machend, wenn die mächtigste Macht der Welt, nämlich die USA plötzlich von den Ukrainern abfallen, weil sie andere Interessen haben und damit den Ukrainern nicht die Möglichkeit geben, sich zu wehren und sie quasi den Russen ausliefern“, beanstandete der Oberst im Interview bei WELT TV. „Das Traurige ist natürlich daran, dass Europa hier kaum in der Lage ist, das zu kompensieren.“
Nach beinahe fünf Jahren Krieg sei dies eine „Schande“, urteilte Reisner. Bisher hätten die USA etwa Patriot-Raketen zur Flugabwehr an den überfallenen Staat geliefert. Das habe jedoch „massiv nachgelassen“. Mit dem Luftverteidigungssystem SAMP/T verfügten die Europäer über ein ähnliches System, dessen Produktionsrate in den vergangenen Jahren jedoch nicht wesentlich gesteigert worden sei. „Hätte man das getan, könnte man jetzt zum Beispiel zumindest hier kompensieren“, kritisierte der Militärhistoriker.
Auch die europäische Fähigkeit zur Aufklärungstätigkeit sei „bei weitem nicht“ so ausgebaut wie in den Vereinigten Staaten. In den vergangenen Tagen hatte die Ukraine berichtet, dass die Satellitenunterstützung von Starlink des Raumfahrtunternehmens SpaceX gedrosselt worden sei, mit dessen Hilfe das ukrainische Militär etwa Drohnen fernsteuert. Elon Musk hatte US-Präsident Donald Trump als verantwortlich dafür erklärt.
Die Drosselung sei nach etwas mehr als einem Tag wieder aufgehoben, heißt es in Berichten aus der Ukraine am Donnerstag. Die Funktion des militärischen Pakets von Starlink – Starshield – bei schnellen Bewegungen sei wiederhergestellt, meldeten mehrere ukrainische Medien unter Berufung auf Quellen im Verteidigungsministerium.
Bei WELT TV hob Reisner die Bedeutung von Starlink für die Ukrainer hervor, um sich gegen russische Luftangriffe zu wehren. In den vergangenen 48 Stunden sei die Kommunikation nur eingeschränkt möglich gewesen. Der frühere Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow habe gesagt, dass das Satellitennetzwerk „im Prinzip das Blut ist in den Adern der ukrainischen Streitkräfte“, schilderte der Oberst. „Ohne Starlink geht hier gar nichts.“
Europa sei zwar technologisch dazu in der Lage, Starlink zu ersetzen, es fehle jedoch am politischen Willen, beklagte Reisner. Zudem sei der Kontinent mit einer bislang unbekannten Qualität des Krieges konfrontiert. „Wir haben im Prinzip hier das sogenannte Dreieck des Terrors, das Russland hier anwendet“, führte der Historiker aus. „Wir haben schnell fliegende, jetgetriebene Drohnen. Wir haben schwer zu detektierende Marschflugkörper. Und wir haben kaum abzufangende ballistische Raketen.“ Es sei vonnöten, „endlich die Lage wirklich ernst zu beurteilen“.
Hinsichtlich des Diesel-Deals, den Trump mit Wladimir Putin verabschiedet hatte, fühlt sich der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj betrogen, wie er am Mittwoch gegenüber dem britischen Moderator Piers Morgan gestand. Für Reisner sei der Vorgang absehbar gewesen. Anhand einiger Streitigkeiten sei früh erkennbar geworden, dass Trump und Selenskyj nicht zusammenkämen.
„Trump macht es wie folgt: Er übt einerseits Druck auf die Russen aus, indem er die Ukraine mit Zieldaten unterstützt hat – bis jetzt. Und andererseits, indem er auch der Ukraine nicht die notwendigen Patriot-Raketen zum Beispiel gibt, um sich gegen die russischen Angriffe zu wehren“, erklärte Reisner. Damit wollten die US-Amerikaner beide Seiten zu einem Waffenstillstand oder zumindest zu Friedensverhandlungen zwingen.
Nachgeben müsse jene Partei, der als Erstes die Ressourcen ausgingen. „Und wenn sich das Verhältnis jetzt zwischen Selenskyj und Trump nicht verbessert“, mahnte Reisner, „dann kann es sein, dass das die Ukraine ist“.
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