Ein schwer verwundeter ukrainischer Soldat ist mit einer Drohne aus der Luft von der Front gerettet worden. Die ukrainische Armee verbreitete in dieser Woche die Videoaufnahmen der Aktion.
Der 49-jährige Kostiantyn Wlassenko hatte zuvor beide Beine verloren. Eines davon habe er selbst abgetrennt, berichtete er in einem Interview des ukrainischen Senders ICTV im Militärkrankenhaus in Charkiw. Mehrere Versuche, ihn auf dem Boden zu evakuieren, waren den Angaben des Krankenhauses zufolge gescheitert.
„Das rechte Bein habe ich im April verloren, und im Mai habe ich mir dann das linke selbst abgeschnitten“, sagte der Soldat.
Wlassenko hatte nach dem von der ukrainischen Nachrichtenagentur Ukrinform verbreiteten Krankenhausbericht einen Beobachtungsposten im Frontabschnitt Kupjansk in der Region Charkiw gehalten. Wlassenko soll sich insgesamt fast 500 Tage an der Front befunden haben.
Russische Soldaten hätten seinen Kameraden durch Sprengstoffabwürfe von Drohnen getötet. Er selbst sei verwundet allein auf der Stellung zurückgeblieben.
Russische Soldaten sollen ihn zur Aufgabe gedrängt haben
Nach Wlassenkos Darstellung versuchten russische Soldaten, ihn mit einer wiederholt abgespielten Lautsprecherbotschaft zur Aufgabe zu bewegen. „Kumpel, wir wissen, dass du hier bist. Deine Kameraden werden dir nicht helfen“, habe es darin geheißen. Ihm seien Gefangenschaft, ein späterer Austausch und die Rückkehr nach Hause in Aussicht gestellt worden.
„Obwohl sie mir anboten, mich zu ergeben, konnte ich mir das nicht erlauben“, sagte Wlassenko. Er habe die Aufforderung zurückgewiesen. Anschließend hätten die russischen Kräfte zwei Panzerabwehrminen auf seine Stellung abgeworfen.
Währenddessen versorgten ihn seine Kameraden nach Angaben des Krankenhauses per Drohne mit Lebensmitteln, Wasser und Medikamenten. Darunter seien Antibiotika, Schmerzmittel und ein Desinfektionsmittel gewesen. Diese Versorgung sei entscheidend für sein Überleben gewesen, erklärte der behandelnde Arzt Wolodymyr Kuprijantschuk.
Mehr als 15 Kilometer unter einer Drohne
Nachdem mehrere Rettungsversuche unter anderem mit unbemannten Bodenfahrzeugen gescheitert waren, planten ukrainische Einheiten eine Evakuierung aus der Luft. Dafür wurde ein in der Ukraine hergestellter Hexakopter des Typs Ayudag-6, auch „Heavy Shot“ genannt, umgebaut. Das Fluggerät verfügt über sechs Rotoren.
Dutzende Menschen und Einheiten mehrerer Brigaden und Armeekorps sollen nach Angaben der Beteiligten an der Vorbereitung und Absicherung beteiligt gewesen sein. Dazu gehörten Drohneneinheiten, Artillerie, elektronische Kampfführung und Flugabwehr. „Es gab keinen anderen Weg, ihn zu retten“, sagte Artem Bohomolow, Kommandeur des 10. Armeekorps.
Der Flug führte dem Hersteller zufolge über mehr als 15 Kilometer – unter Bedingungen anhaltender elektronischer Störungen und laufender Luftkämpfe. Das Krankenhaus bezeichnete den Einsatz als erste derartige Evakuierung eines Verwundeten per Drohne in diesem Krieg.
Am Vortag der Rettung hatten die Helfer für Wlassenko ein Handyvideo aufgenommen. Darin erklärten sie ihm, wie er die Ausrüstung anlegen und sich am Fluggerät befestigen sollte. Über eine Kamera an der Drohne konnten die Retter prüfen, ob er startbereit war.
Im Krankenhaus wurde Wlassenko zunächst über mehrere Tage stabilisiert und anschließend mehrfach operiert. Nun stehen nach Angaben der Klinik die Versorgung mit Prothesen, Rehabilitation und psychologische Unterstützung an.
Seine Retter bezeichnet der Soldat als seine „Engel“. Durchgehalten habe er wegen seines Glaubens an Gott und auch wegen seiner Kameraden: Das Wissen, dass jemand an ihn denke und ihn niemand aufgegeben habe, habe ihn getragen.
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