Im EU- und Nato-Land Bulgarien soll das neue Staatsoberhaupt in einer Stichwahl bestimmt werden. Wie aus einer Hochrechnung des bulgarischen Meinungsforschungsinstituts Mjara hervorgeht, erreichte keiner der Kandidaten schon im ersten Wahlgang die erforderliche absolute Mehrheit. Zudem lag die Wahlbeteiligung mit 22,2 Prozent weit unter den notwendigen mehr als 50 Prozent. Damit wird es am kommenden Sonntag eine Stichwahl zwischen den beiden Bestplatzierten geben – der jetzigen Präsidentin Ilijana Jotowa und Ex-Interimsregierungschef Andrej Gjurow.

Amtsinhaberin Jotowa kam den Angaben von Mjara zufolge auf 35 Prozent der Stimmen. Mit geringem Abstand landete Jotowas Herausforderer, der prowestliche Andrej Gjurow, auf dem zweiten Platz. Der promovierte Ökonom kam den Angaben zufolge überraschend auf 31,9 Prozent, obwohl allen Vorwahlumfragen zufolge Gjurows Abstand viel größer hätte sein sollen.

Es ist offen, ob und wie viele zusätzliche Stimmen Gjurow für die Stichwahl mobilisieren kann. Der 50-Jährige wird vom reformwilligen liberal-konservativen Oppositionslager unterstützt. Unklar ist auch, wo die Stimmen der Wähler ausgeschiedener Kandidaten bei der Stichwahl landen werden.

Wahl vor dem Hintergrund des Ukraine-Kriegs

Der Ukraine-Krieg tobt nur wenige Hundert Kilometer von Bulgarien entfernt. Vor der bulgarischen Schwarzmeerküste waren im Oktober vier Handelsschiffe mutmaßlich von Drohnen getroffen worden. Zudem wurden nahe der Hauptstadt Sofia Antennen des Satelliteninternetdienstes Starlink in Brand gesetzt, dessen Netz wichtiger Bestandteil der ukrainischen Verteidigung im russischen Angriffskrieg ist.

Der Kriegsschauplatz in Bulgariens unmittelbarer Nähe verleiht der bevorstehenden Stichwahl eine wichtige außenpolitische Dimension. Dabei werden die Wählerinnen und Wähler auch entscheiden, ob das südöstliche EU-Land an der Ostflanke der Nato stärker auf eine konsequent westliche Ausrichtung setzt, wie Andrej Gjurow erwarten lässt.

Eine zweite Option wäre, dass falls wiedergewählt, Ilijana Jotowa die zurückhaltende außenpolitische Linie der Regierung von Ministerpräsident Rumen Radew im Präsidialamt weiterleitet. Jotowa war Stellvertreterin von Ex-Präsident Radew vor dessen Rücktritt vom höchsten Staatsamt im Januar 2026.

Regierungschef Radew sprach sich gegen ein Ukraine-Tribunal aus, da Russland nicht besiegt sei. Zuletzt lehnte Radew eine Beteiligung seines Landes an einer neuen EU-Finanzhilfe für die Ukraine ab. Die frühere Journalistin Jotowa setzt sich in diesem Sinne immer wieder für eine Beendigung des Ukraine-Kriegs durch Verhandlungen ein.

Obwohl die bulgarische Präsidentin oder der Präsident direkt vom Volk gewählt wird, hat sie oder er relativ wenig Vollmachten. Das bulgarische Staatsoberhaupt kann zum Beispiel nicht, wie etwa der französische Präsident, den Regierungschef entlassen, ist aber Oberbefehlshaber der Streitkräfte.

Der Präsident in Sofia hat die Vollmacht, die bulgarische Staatsbürgerschaft zu verleihen oder zurückzunehmen. Außerdem stellt er Bulgariens Botschafter und Vertreter bei internationalen Organisationen auf Vorschlag der Regierung ein. Zudem hat er ein Vetorecht, um Gesetze an das Parlament zurückzuweisen. Deswegen sollten laut Opposition Staatsoberhaupt und Ministerpräsident nicht ein und demselben politischen Lager angehören.

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