Frank Luntz ist einer der erfahrensten Demoskopen des Landes. Er arbeitete für Republikaner wie Rudy Giuliani und Newt Gingrich. Regelmäßig bildet er sogenannte „Focus Groups“, in denen er Wähler befragt. Im Gespräch mit europäischen Reportern erklärt er, welche Schwierigkeiten die Republikaner haben.

WELT: Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Meinungsforscher Trump wieder einmal unterschätzen?

Frank Luntz: Die Umfragen sind grauenhaft. Ich denke, sie sind so schlecht wie seit 2016 nicht mehr. Die Stimmen für die Republikaner werden unterschätzt, weil deren Wähler nicht kooperativ sind. Sie denken, dass das System gegen sie manipuliert ist, und deswegen antworten sie nicht. Ich bin sehr nervös, dass auch ich in meinen eigenen Umfragen die sogenannten versteckten Stimmen für Trump nicht akkurat abbilde und sie erst am Wahlabend sichtbar werden. Ich denke, die Umfragen haben das nicht im Griff.

Demoskop Frank Luntz

WELT: Angenommen, die Umfragen sind einigermaßen genau, dann wäre es im Rennen um den Senat in Bundesstaaten wie Texas, Kansas, Iowa und Alaska für die Demokraten möglich, zu gewinnen. Noch vor zwei Jahren waren das tiefrote Staaten, in denen Trump mit über zehn Punkten Vorsprung gewann. Wie ist diese Verschiebung zu erklären?

Luntz: Die Menschen sind unzufrieden mit dem Status quo und sie wollen einen Wechsel. Sie wollen eine Regierung, die Ergebnisse liefert, sie mit dem Respekt behandelt, den sie verdienen, und die Republikaner verfehlen das gerade, weshalb die Menschen eine Veränderung fordern. Das Geheimnis der Demokraten für ihre Rückkehr an die Macht beruht auf der Frustration derjenigen, die knapp unterhalb der Mittelschicht leben, was ihre Aufstiegsmöglichkeiten, ihre Fähigkeit, Geld beiseitezulegen, und ihr gutes Leben angeht – wobei „gutes Leben“ für jeden etwas anderes bedeutet. Für manche bedeutet es ein Bier am Ende des Tages. Für andere bedeutet es die Möglichkeit, ihre Enkelkinder ein paar Mal im Jahr zu besuchen. Für wieder andere ist es eine besondere Reise, ein neuer Anzug oder die Möglichkeit, ihre Kinder zuverlässig zum Fußballtraining zu fahren, ohne Angst haben zu müssen, dass das Geld für Benzin ausgeht. Das gute Leben. Es ist eine individuelle Definition, und das Einzige, was die amerikanische Öffentlichkeit derzeit eint, ist das Gefühl, dass es heute weiter entfernt ist als je zuvor. Und die Mehrheit sieht derzeit in den Demokraten eher diejenige Partei, die ihnen dieses gute Leben wieder ermöglichen kann, als in den Republikanern, aber ich muss betonen: Das ist kein Erfolg der Demokraten. Wenn man sich die Zahlen ansieht, sind die Demokraten nicht beliebt. Die Menschen sind von ihrem Programm nicht überzeugt. Sie wissen immer noch nicht genau, was sie tun werden.

WELT: Warum profitieren sie dennoch?

Luntz: Die Demokraten steigen, weil die Republikaner fallen. Bill Clinton hat 1992 gesagt: „Ich fühle euren Schmerz.“ Die Republikaner verleugnen, dass die Wähler leiden – und jetzt werden sie am Wahltag selbst leiden.

WELT: Was machen die Republikaner falsch?

Luntz: Neben der Bezahlbarkeit, die sie nicht thematisieren, ist es der Iran-Krieg, der nicht endet, und der Glaube bei vielen Menschen, dass ihnen Versprechen gemacht wurden, die nicht eingelöst werden. Trump hatte die wirkungsvollsten ersten 100 Tage, die je ein Präsident seit Franklin Roosevelt im Jahr 1933 gehabt hat. Er hat vieles verändert, aber er hat es nicht ausreichend erklärt.

WELT: Weiß Trump also nicht mehr, was die Menschen wollen?

Luntz: Er ist gut dabei, authentisch zu sein. Wir haben alle gedacht, dass ihn alle möglichen Dinge disqualifizieren. Das war 2016 nicht der Fall und das war 2024 nicht so. Man darf seine Fähigkeit, Menschen zu erreichen, nicht unterschätzen. Dennoch muss ich betonen, dass es bei diesen Wahlen um Bezahlbarkeit geht und wenn man das nicht adressiert, ist man in diesem Wahlkampf wenig glaubwürdig.

WELT: Viele demokratische Kandidaten beschuldigen die Regierung der Korruption. Verfängt das?

Luntz: Es gewinnt an Relevanz. Der Grund ist das Gefühl, dass andere Menschen reich werden, während man selbst auf der Stelle tritt.

WELT: Trumps Rhetorik wird immer profaner und derber. Er kann es beispielsweise nicht lassen, über den Hintern des republikanischen Senatskandidaten in Ohio, Jon Husted, zu sprechen. Wie reagieren die Wähler darauf?

Luntz: Trump ist deutlich ungehobelter im Vergleich zu 2016 und seine Wähler lieben das, weil er authentisch ist und sie es satthaben, dass jemand von oben herab zu ihnen spricht. Was er aber derzeit tun sollte, ist versuchen, Wähler zu erreichen, die nicht zu seiner Basis gehören. Das ginge aber weniger über seine Ehrlichkeit, sondern über seine Errungenschaften.

WELT: Wie wird Trump reagieren, wenn die Republikaner beide Häuser des Kongresses verlieren, und wie können die Demokraten ihn einschränken?

Luntz: Er wird sehr frustriert sein und sich für zwei Jahre wie in Geiselhaft fühlen. Aber Trump hat gelernt, wie er mit den verschiedenen Ebenen der Macht umgehen muss. Es wären sehr angespannte zwei Jahre und es wird die Fähigkeit des Landes unterminieren, zusammenzuarbeiten und geeint zu sein.

WELT: Was lässt sich von diesen Midterms für 2028 ablesen?

Luntz: Ich denke nicht, dass irgendein Republikaner von dem Wahlkampf profitiert hat. Die Aktien einiger demokratischer Senatskandidaten sind möglicherweise etwas gestiegen, aber die Wähler wollen 2028 jemanden mit Regierungserfahrung, einen Gouverneur.

Gregor Schwung berichtet für WELT seit 2025 als US-Korrespondent aus Washington, D.C. Zuvor war er als Redakteur in der Außenpolitik-Redaktion in Berlin für die Ukraine zuständig.

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