Gitanas Nauseda ist seit 2019 Präsident Litauens. Davor war der Wirtschaftswissenschaftler unter anderem Chefvolkswirt der SEB, Litauens größter Bank. Nauseda beherrscht die deutsche Sprache und forschte für seine Doktorarbeit auch an der Universität Mannheim.

WELT traf den Präsidenten in Düsseldorf, kurz nachdem er mit Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst den NRW Resilience Summit eröffnete. Im Anschluss traf er im Rahmen des Deutsch-Litauischen Wirtschaftsforums auf deutsche Wirtschaftsvertreter, unter anderem Armin Papperger, den Vorstandsvorsitzenden von Rheinmetall.

WELT: Herr Präsident, Polen hat seine Grenze zur russischen Exklave Kaliningrad aus Sorge vor weiteren Provokationen militärisch verstärkt. Auch Litauen grenzt an Kaliningrad. Wie schätzen Sie die Lage ein?

Gitanas Nauseda: Wir haben Geheimdienstinformationen über mögliche Provokationen erhalten und auch wir haben unsere Maßnahmen intensiviert, um die Grenze abzusichern, so wie Polen. Diese jüngste Entwicklung jedoch ist nur ein Teil eines größeren Bildes.

WELT: Sie wollen auf Russlands hybride Kriegsführung gegen Europa hinaus?

Nauseda: Richtig. Dazu zählen eine ganze Reihe von Maßnahmen: illegale Migration, Wetterballons, die in unseren Luftraum eindringen, Drohnen, die aus der Ukraine oder Russland kommen. Manchmal ist es schwierig zu sagen, wo hybride Operationen enden und wann wir von kinetischen Operationen (militärische Kampfhandlungen; Anm. d. Red.) sprechen sollten – denn es können schließlich Menschen zu Schaden kommen. Beim letzten Vorfall mit einer Drohne war es großes Glück, dass niemand vor Ort war. Die Drohne traf einen Baum und explodierte. Das Beispiel zeigt, dass wir immer noch Lücken in unserer Luftverteidigung haben. Aber wir beschleunigen die Beschaffung von Abwehr- und auch Aufklärungssystemen, vor allem von Anti-Drohnensystemen. Wir sind sehr ehrgeizig. In der zweiten Jahreshälfte 2027 werden wir noch besser aufgestellt sein.

WELT: Russland verliert in der Ukraine monatlich Zehntausende Soldaten und erzielt kaum Geländegewinne. Dennoch – oder gerade deshalb – könnte Putin versucht sein, den Krieg auf Nato-Gebiet auszuweiten. Wie groß ist diese Gefahr?

Nauseda: Ich denke nicht, dass Russland derzeit zu großangelegten Operationen bereit ist. Russlands Ressourcen sind auf dem ukrainischen Schlachtfeld gebunden – und dort ist Russland nicht erfolgreich. Doch Putin testet uns und geht dabei immer weiter auf Artikel 5 zu, dem Beistandsversprechen der Nato. Die Russen möchten sehen, ob wir reagieren oder eben nicht. Diese Aktionen hybrider Kriegsführung werden weitergehen. Nicht nur an der Nato-Ostflanke, sondern auch in Deutschland, Dänemark und anderen Ländern. Noch einmal: Russland prüft, wie entschlossen wir sind und ob wir eine kollektive Antwort geben, wenn bestimmte Grenzen überschritten werden.

WELT: Wie lange kann Russland den Krieg in der Ukraine in dieser Intensität fortführen?

Nauseda: Im Oktober hat Russland etwa 45.000 Soldaten verloren. Das ist eine gewaltige Zahl. In den Monaten zuvor waren es laut unserer Einschätzung jeweils rund 35.000. Auch das sind enorme Verluste, die sich kaum ausgleichen lassen. Eine große Mobilisierung scheint Putin derzeit jedoch aus politischen Gründen auszuschließen. Dazu wird Russland selbst angegriffen – die Ukraine zerstört erfolgreich russische Energieinfrastruktur. Zivile Infrastruktur greift die Ukraine nicht an. Dennoch bleibt in Russland das „Engagement“ für diesen Krieg hoch oder zumindest gibt es keine großen Proteste dagegen. Putin ist ein „Maximalist“. Halbe Sachen sind für ihn keine Option. Putin geht es nicht nur um den Donbass und Luhansk. Sein ursprüngliches Ziel war die Einnahme Kiews und damit die Kontrolle über die gesamte Ukraine. Die Strategie hat sich geändert, das Ziel nicht. Solange Putin über genügend Ressourcen verfügt, wird er weitermachen. Die wirtschaftliche Lage in Russland verschlechtert sich, doch der Kreml schert sich wenig um den Lebensstandard der Bevölkerung.

WELT: Sie schließen also aus, dass Russland ein Interesse daran hat, Waffenstillstands- oder Friedensverhandlungen mit der Ukraine zu führen?

Nauseda: Die russische Führung sieht derzeit keine Notwendigkeit, Verhandlungen aufzunehmen – zumindest nicht vor dem Frühjahr 2027. Russland wird die Wintermonate nutzen und versuchen, die Ukraine durch Luftangriffe auf ihre Städte weiter unter Druck zu setzen. Deshalb müssen wir der Ukraine weiterhin militärisch helfen, vor allem mit Mitteln zur Luftverteidigung. Zugleich müssen wir dazu beitragen, ihre Energieinfrastruktur wieder aufzubauen.

WELT: Werden die Ukraine und Russland unter Vermittlung der USA dennoch anfangen, zu verhandeln?

Nauseda: Die Russen werden nur so tun, als verhandelten sie. Ich vertraue ihnen nicht. Die Einschätzungen der baltischen Staaten und Polens zu Russland haben sich immer wieder als richtig erwiesen. Russland wird Forderungen stellen, die für die Ukraine von vornherein inakzeptabel sind, damit die sogenannten Verhandlungen scheitern. Wenn die Ukraine diesen Winter übersteht – und davon bin ich überzeugt –, steigen 2027 die Chancen auf ernsthafte Gespräche. Früher rechne ich nicht damit.

WELT: Die USA unterstützen die Ukraine nicht mehr mit Waffen und drängen auf eine Lockerung der Russland-Sanktionen. Wird sich dieser Kurs nach den Verlusten der Republikaner bei den Zwischenwahlen ändern?

Nauseda: Die Handlungen unseres größten Verbündeten sind manchmal schwer vorherzusagen. Einige lassen sich mit den Zwischenwahlen erklären, etwa der Diesel-Deal oder die Entscheidung der USA, Düngemittel aus Belarus zu importieren. Jeder weiß, dass diese Importmengen angesichts der Größe des US-Marktes kaum ins Gewicht fallen. Schließlich beziehen die USA rund 80 Prozent ihrer Düngemittel aus Kanada. Warten wir ab, was jetzt kommt. Ich möchte mich aber nicht zu sehr auf die USA konzentrieren. Die Wahlen dort haben die politischen Mehrheiten verändert – nicht aber die geografische Lage Litauens. Wir haben Russland und Belarus als Nachbarn und müssen selbst für unsere Sicherheit sorgen – natürlich mit Unterstützung unserer Verbündeten. Wir haben amerikanische Truppen im Land und arbeiten sehr gut mit Deutschland zusammen. Bis Ende nächsten Jahres wird eine vollständige deutsche Brigade in Litauen einsatzbereit sein. Das ist für uns sehr wichtig. Die Kombination aus amerikanischen und deutschen Soldaten auf litauischem Boden ist für mich der bestmögliche Zustand.

WELT: In Deutschland wurde wiederholt berichtet, dass sich nicht genügend Freiwillige für die Brigade finden. Bleibt es dennoch beim geplanten Termin für die volle Einsatzbereitschaft?

Nauseda: Ja, alles läuft nach Plan, teilweise sind wir sogar schneller als vorgesehen. Deutschland verlegt seine Truppen schrittweise nach Litauen. Derzeit sind rund 2000 deutsche Soldaten vor Ort, etwa 40 Prozent der Brigade. Darüber hinaus ist Deutschland ein wichtiger Waffenlieferant. Rheinmetall etwa baut in Litauen eine Munitionsfabrik, die 2027 die Produktion aufnehmen soll. Auch KNDS Deutschland errichtet eine Fabrik in Litauen...

WELT: ...ein Montagewerk, Ihr Land schafft 48 Leopard‑2‑Kampfpanzer an…

Nauseda: …wir bauen also unsere Zusammenarbeit mit der deutschen Rüstungsindustrie aus und wollen auch mehr gemeinsam mit der Ukraine produzieren. Wir haben ein Abkommen über Drohnen unterzeichnet und wollen gemeinsam in die Massenproduktion einsteigen. Davon sollen sowohl die Ukraine als auch unsere eigenen Streitkräfte profitieren. Vergessen wir nicht: Die Ukraine kann ihre Erfahrungen vom Schlachtfeld direkt einbringen. Das ist für uns ein großer Vorteil.

WELT: Sie fordern stets härtere Sanktionen gegen Russland. Polen schlägt nun Sekundärsanktionen gegen alle vor, die weiter Geschäfte mit Russland machen. Was halten Sie davon?

Nauseda: Das ist richtig und notwendig. Werden Sanktionen umgangen, verlieren sie ihren Sinn. Die EU hat bereits 21 Sanktionspakete verabschiedet – und dennoch liegt die russische Wirtschaft nicht am Boden. Das zeugt nicht von ihrer Stärke, sondern von unserer mangelnden Einigkeit und Entschlossenheit.

WELT: Wie kann Europa seine Sanktionen wirksam verschärfen oder gar Sekundärsanktionen einführen, wenn Weltmächte wie die USA und China nicht mitziehen?

Nauseda: Das ist schwierig. Wir müssen den Sanktionsdruck erhöhen, auch wenn einzelne Mitgliedstaaten dies auf EU-Ebene erschweren. Obwohl Viktor Orban nicht mehr Ungarns Regierungschef ist, vertreten einige Länder weiterhin abweichende Positionen. Wir müssen weitermachen und die Ukraine finanziell und militärisch unterstützen. Das ist unsere Pflicht, denn in der Ukraine wird auch um unsere Freiheit gekämpft.

Philipp Fritz berichtet im Auftrag von WELT seit 2018 als freier Korrespondent in Warschau über Ost- und Mitteleuropa.

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