• In Norwegen und Brasilien, wo freie Haftformen weit verbreitet sind, liegen die Rückfallquoten bei 15-20 Prozent.
  • In Sachsen sind die Plätze im offenen Vollzug nur zu etwa einem Drittel belegt, das will Justizministerin Constanze Geiert ändern.
  • In Thüringen gibt es keinen offenen Vollzug, in Sachsen-Anhalt wird derzeit eine Kooperation mit Sachsen geplant.

Wohngruppe statt Gefängnis: ein Projekt für inhaftierte Frauen im sächsischen Mohorn. Bildrechte: ARD-WISSEN

Mohorn ist ein kleiner Ort im Triebischtal westlich von Dresden. Auf einem kleinen Bauernhof können hier bis zu vier Frauen mit Freiheitsstrafe leben, die einen großen Teil ihrer Haftstrafe bereits hinter sich haben. Eingeschlossen werden sie hier nicht. Sie leben begleitet von Sozialpädagoginnen in einer kleinen Wohngemeinschaft: Hühner füttern und Eier holen, Putzen, Kochen, Arbeiten. So sollen die Frauen selbstständig Strukturen erlernen und auf das Leben nach der Haftstrafe vorbereitet werden.

Das Projekt "Halbe Treppe" für erwachsene Frauen gibt es seit zweieinhalb Jahren. Männliche Strafgefangene haben schon seit vier Jahren die Möglichkeit zum sogenannten Vollzug in Freien Formen. Zuerst wurde die alternative Haft in Sachsen schon vor mehr als zehn Jahren Jugendstraftätern ermöglicht. 22 Plätze gibt es laut Ministerium insgesamt – zehn davon werden aktuell genutzt. In Sachsen ist der Vollzug in Freien Formen als dritte Form neben offenem und geschlossenem Vollzug fest im Gesetz verankert. Deutschlandweit gibt es nur wenige solcher Projekte – Sachsen war das erste Bundesland, das die freien Formen für erwachsene Straftäter eingeführt hat.


Norwegen und Brasilien sind Vorbilder für freie Haftformen

Was in Sachsen im ganz kleinen Rahmen für wenige möglich ist, ist in Norwegen schon lange Standard. In der aktuellen ARD-Doku "Gefängnisse abschaffen?" erzählt der Regierungsberater und langjährige Gefängnis-Direktor Are Høidal wie die Rückfallquoten von über 70 Prozent in den Achtzigerjahren auf rund 20 Prozent gesenkt werden konnten: "Es gibt so viele Veränderungsmöglichkeiten in einem Gefängnis: Bringt die Insassen zum Nachdenken, schickt die Leute in die Schule, gebt ihnen sinnvolle Arbeit, behandelt sie freundlich. Wir haben Kontaktbeamte, so etwas wie Paten für die Gefangenen." Die Wärter von früher seien jetzt Sozialarbeiter.

Auch in Norwegen leben die Gefangenen zunächst hinter verschlossenen Gefängnistüren. Aber wer sich engagiert und an die Regeln hält, bekommt Stück für Stück mehr Freiheiten – muss zum Beispiel nur noch nachts in die Zelle. Bis sie am Ende ähnlich wie im sächsischen Mohorn in sogenannten "Halfway Houses" wohnen dürfen. Tagsüber gehen sie arbeiten oder in die Schule. Respekt und Menschlichkeit würden dabei groß geschrieben, sagt Høidal.

In Deutschland begeht etwa die Hälfte der Strafgefangenen nach ihrer Haft erneut eine Straftat. Die Rückfallquote variiert allerdings stark je nach Haftzeit, Art der Tat und Alter der Häftlinge. Und auch wenn die Rückfallstatistiken verschiedener Länder sich schwer vergleichen lassen, ist der Unterschied zwischen 20 und 50 Prozent deutlich.

Auch in Brasilien gibt es ein erfolgreiches Modell, erzählt Pedro Holzhey, Vorsitzender des Vereins SET-FREE, der sich für Gefangene einsetzt und auch eine Niederlassung in Sachsen hat. Holzhey hat sich selbst ein Bild von den sogenannten APAC-Reintegrationszentren gemacht. "Wir als Verein favorisieren das APAC-Modell, das sich seit über 50 Jahren in Brasilien sehr bewährt hat und Rückfallquoten von rund 15 Prozent aufweist."

Wärter und Waffen gibt es in den APAC-Zentren nicht. Das Modell basiere auf bedingungsloser menschlicher Wertschätzung, erklärt Holzhey. Der Einzelne werde so ermutigt, auch wertschätzend mit anderen Menschen umzugehen. Wichtige Pfeiler des Programms sind zudem Solidarität untereinander, Arbeit, die Vermittlung sozialer Werte, spirituelle Angebote sowie das Mitwirken von Gesellschaft und Familie. Es gebe auch hier einen geschlossenen, einen halboffenen und einen offenen Teil der Haft.

Verein: Deutsche Justiz braucht mehr Mut

Aber was sagt Holzhey denen, die Opfer schwerer Straftaten geworden sind oder deren Angehörigen? Und denen, die sich Sicherheit und Strafe wünschen? Auch die Auseinandersetzung mit Schuld kann Strafe sein, meint Holzhey. Letztlich profitiere die Gesellschaft, wenn die Straftäter nicht rückfällig werden und es keine weiteren Opfer gibt.

Auch die Auseinandersetzung mit Schuld kann Strafe sein.

Pedro HolzheyVorsitzender des Vereins SET-FREE

"Es sind erwiesenermaßen alle ambulanten Maßnahmen erfolgreicher als der geschlossene Vollzug und die meisten Gefangenen, also die mit Vermögensdelikten, Ersatzfreiheitsstrafen und Strafen bis zu einem Jahr, stellen keine Gefahr für die Allgemeinheit dar", sagt Holzhey. Deshalb wünscht er sich mehr Mut von der deutschen Justiz, mehr Gefangene im offenen Vollzug und in freien Formen unterzubringen.

Gefangene in Sachsen
  Aktuelle Belegung Belegungsfähigkeit (Kapazität)
Gefangene insgesamt 2.930 3.755
Geschlossener Vollzug 2.751 3.309
Offener Vollzug 77 326
Vollzug in freien Formen 15 22
Andere 87  

(Quelle: Justizministerium Sachsen, Juli 2025)


Zumindest die freien Plätze füllen will Sachsens Justizministerin Constanze Geiert. Die CDU-Politikerin sagte MDR AKTUELL, außer in der JVA Waldheim sei der offene Vollzug nur zu etwa einem Drittel belegt. "Ja, dort würde ich auch sehr bestärken, dass wir das gerade zum Ende einer Haftstrafe hin mehr ausnutzen, dass der offene Vollzug tatsächlich auch als Chance der Resozialisierung genutzt wird, um ein allmähliches Entlassen in die Freiheit zu ermöglichen."

Freier Vollzug in Sachsen wird nicht ausgeweitet

Den Vollzug in freien Formen hält Geiert für einen wichtigen Baustein für die Resozialisierung, der beibehalten werden muss. Doch größer werden soll er aktuell nicht: "Wir sollten eher die Formen, die wir im Augenblick haben, stärken und den Fokus darauf legen, dass wir wirklich Gefangene, die dafür geeignet sind, erstmal in den Einrichtungen unterbringen, die wir haben, als dass wir sagen, wir bauen aus." Aktuell sind sieben Plätze frei.

Bei weitem nicht alle Gefangenen eigneten sich für diese Form, betont Geiert. Die Regel bleibe der geschlossene Vollzug, es gehe es auch um den Schutz der Bevölkerung. Mehr Geld bekommen die laufenden Projekte aber: Im vor kurzem beschlossenen Doppelhaushalt Sachsens sind mehrere hunderttausend Euro mehr als zuvor eingeplant.

Mit Blick auf Norwegen sagt Ministerin Geiert: Das Land habe mit weniger Bevölkerung und Bevölkerungsdichte ganz andere Voraussetzungen. Ganz Norwegen hat rund 3.000 Gefangene, Deutschland knapp 60.000. Der Vollzug in freien Formen sei sehr personalintensiv, so Geiert. Rein praktisch wäre es aktuell gar nicht möglich, ihn in weit größerem Maße einzuführen.

Freier Vollzug in Sachsen-Anhalt und Thüringen?

In Sachsens Nachbarländern Sachsen-Anhalt und Thüringen gibt es keine derartigen Projekte. Das Thüringer Justizministerium schreibt auf Anfrage: "Vielmehr ist es das Ziel […], die Resozialisierung von Straftätern zu verbessern und die Rückfallquote zu senken. Ob und inwieweit 'der alternative Strafvollzug' hierbei helfen kann, werden wir prüfen." Und: man schaue sich den Jugendstrafvollzug in Freien Formen in Sachsen an, ob das auch für Jugendstrafgefangene in Thüringen in Betracht kommen könnte.   

Einen Schritt weiter ist Sachsen-Anhalt. In einer Kooperation mit Sachsen beabsichtige man, den Vollzug in freien Formen im Jugendvollzug zu testen, heißt es aus Sachsen-Anhalts Justizministerium. Geeignete Gefangene könnten dann zeitweise in einer Einrichtung in Sachsen untergebracht werden. In vielen Bereichen würden Maßnahmen allerdings bereits umgesetzt, z. B. mit Blick auf den Wohngruppenvollzug in der Jugendanstalt Raßnitz oder bei der Unterbringung im offenen Vollzug.

In Sachsen läuft gerade eine Evaluierung der drei Projekte des Vollzugs in freien Formen. Im Herbst will das Justizministerium Bilanz ziehen, ob und wie sich die alternative Haftform bewährt hat.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.