New York am Donnerstagmittag: Während ein paar Blocks weiter zehntausende New Yorker eine Art Blockparty feiern, findet vor dem Rathaus die wohl größte Amtseinführung eines Bürgermeisters statt, die die USA je gesehen hat. Hunderttausende im ganzen Land schauen zu, ist der selbsterklärte Sozialist Zohran Mamdani für viele Amerikaner doch schon vor seinem Amtsantritt mehr als ein einfacher Bürgermeister: Nicht wenige sehen den in Uganda geborenen Sohn indischer Eltern als Nachwuchshoffnung der Demokratischen Partei.
Mehr als eine halbe Stunde dauert die Rede Mamdanis. Immer wieder wird er dabei von Jubelstürmen und lauten „Yeahs“ der Menge unterbrochen. „Heute beginnt eine neue Ära“, ruft New Yorks Bürgermeister vom Podium und reckt seine Faust in die Luft. Es gehe nun darum, Vertrauen wiederherstellen, bei denjenigen, die den Glauben in die Demokratie verloren haben. Und es gehe darum, wem die Stadt gehört: „Den Reichen und gut vernetzten – oder denjenigen, die unsere U-Bahnen reparieren, Parks aufräumen und Essen servieren.“ Er werde der Bürgermeister für alle New Yorker sein, betont Mamdani. „Auch für diejenigen, die Donald Trump gewählt haben“ – und die nun enttäuscht seien von der politischen Führung.
Bislang dominiert der Hype um den Aufstieg Mamdanis, der weit über die USA hinausstrahlt und linke Parteien auch in Europa auf Wahlsiege hoffen lässt. Auch die Freude vieler New Yorker scheint grenzenlos, wird Mamdani doch gerade unter den jungen Linksliberalen der Stadt mittels allerlei Merchandise und Memes zur neuen politischen Ikone stilisiert. „Hot Girls for Zohran“ ist im „Big Apple“ mittlerweile ein beliebter Schriftzug auf T-Shirts und Taschen geworden.
Doch bei all den Vorschusslorbeeren steigt das Risiko des Scheiterns. Mamdanis Versprechen vom billigeren Leben und mehr sozialer Gerechtigkeit werden auf lokaler Ebene schwer durchzusetzen sein. Die meisten seiner Pläne lassen sich nur durch Umverteilung und Steuererhöhungen realisieren.
Zudem braucht er für Vorhaben wie der „kostenlosen Kinderbetreuung“ grünes Licht des Bundesstaates. Andere Projekte, etwa in der Infrastruktur, sind von Bundesmitteln aus Washington abhängig, die letztendlich Donald Trump freigeben muss – oder kappen kann.
Mit der gewachsenen Popularität – einige politische Beobachter vergleichen Mamdani schon mit dem Barack Obama der frühen Zweitausenderjahre – wächst auch das Risiko der Enttäuschung. Denn ein Durchmarsch dürfte die Amtszeit des 34-Jährigen kaum werden. So sind viele Konflikte schon vorprogrammiert, bevor Mamdani überhaupt sein neues Büro im Rathaus nahe der Wall Street bezieht.
Da ist der Plan der Steuererhöhungen, der die Wirtschaft verärgert und ein geplanter Mietendeckel, der Immobilienentwickler und Investoren zittern lässt.
Da ist die mächtige New Yorker Finanzelite, die im Wahlkampf gegen Mamdani Gelder zusammenzog. Bemerkenswert: Obwohl viele der Spender den Republikanern nahestehen, die Walmart-Milliardärin Alice Walton beispielsweise, überwiesen sie Geld an den Gegenkandidaten Andrew Cuomo, ebenfalls ein Demokrat: Nicht aus politischer Überzeugung, sondern einfach, um die Wahl Mamdanis zu verhindern. Die Gelder sind nun weg, der als uncharismatisch aber einflussreich geltende Cuomo wird seine politische Karriere wohl in naher Zukunft beenden.
Und schon vor der Amtseinführung sorgten mehrere Postenbesetzungen Mamdanis für Aufsehen. Neu im Amt ist etwa Lillian Bonsignore als Chefin der New Yorker Feuerwehr: Sie ist erst die zweite Frau an der Spitze der Organisation und lebt offen lesbisch. Tesla-Chef Elon Musk, schon seit Langem einer der wichtigsten Akteure im amerikanischen Kulturkampf, lenkte mit einem Post auf „X“ die Aufmerksamkeit auf die Personalie. „Menschen werden deshalb sterben“, schrieb er. „Unter Beweis gestellte Erfahrung ist wichtig, wenn Leben auf dem Spiel stehen.“
Anstatt die Provokation zu ignorieren, ging Mamdani darauf ein. Er habe Bonsignore ernannt, weil sie lange im Rettungsdienst gearbeitet habe. „Sie wissen schon, das sind die Mitarbeiter, die mindestens 70 Prozent aller Notrufe bei der Feuerwehr von New York bearbeiten“, schrieb er. Und weiter: „Es ist keine Überraschung, dass die Milliardäre, die unsere Wirtschaft manipulieren, seit unserem Sieg bei den Vorwahlen Angst vor unserer Bewegung haben.“
Hier deutet sich der nächste Konflikt an: Ähnlich wie sein politisches Vorbild Bernie Sanders zog Mamdani gegen „Amerikas Oligarchen“ in den Wahlkampf. Gemeint sind damit superreiche Unternehmer und die Chefs der Tech-Konzerne. Die sind spätestens seit der krachenden Wahlniederlage der Demokraten jedoch in der Mehrzahl ins Trump-Lager gewechselt und können mit linker Umverteilungspolitik denkbar wenig anfangen.
Mamdanis kumpelhafter Besuch bei Donald Trump im Weißen Haus vor einigen Wochen sollte deshalb nicht darüber hinwegtäuschen: Die USA stehen in diesem Jahr vor einer politischen Richtungsentscheidung. Statt diplomatischen Gesten – wie beim Besuch im Oval Office inszeniert – stehen noch härtere Auseinandersetzungen zwischen links und rechts bevor.
Immer wieder geht es dabei auch um Israel. Robert S. Tucker beispielsweise, der ehemalige Feuerwehrkommissar New Yorks, hatte nach der Bürgermeisterwahl im November sein Rücktritt erklärt. „Ein Faktor“ dafür seien Ansichten Mamdanis zu Israel gewesen, so Tucker.
Catherine Almonte Da Costa wiederum, eine wichtige Mitarbeiterin im Übergangsteam des Bürgermeisters, wurde bereits vor Amtsantritt wieder aussortiert. Sie trat zurück, nachdem etwa zehn Jahre alte antisemitische Online-Posts von ihr öffentlich wurden, in denen sie unter anderem von „geldhungrigen Juden“ sprach.
Mamdani, der einst den Begriff einer „globalen Intifada“ als Bezeichnung für den palästinensischen Widerstand gegen die israelische Besatzung als legitim bezeichnete, unterstützt zudem die BDS-Bewegung, die allgemein hin als antisemitisch gilt. Darüber hinaus haben mindestens 20 Prozent der Mitglieder des Verwaltungsteams Mamdanis Verbindungen zu israelfeindlichen Gruppierungen – das jedenfalls suggeriert eine Analyse der Anti-Defamation League (ADL), eine New Yorker Organisation, die gegen Diskriminierung und Diffamierung von Juden antritt.
New York ist die Stadt mit der größten jüdischen Bevölkerung weltweit, noch vor Tel Aviv. Der Umgang mit der Gemeinde wird ein weiteres Spannungsfeld für den neuen Bürgermeister. Mamdani – sich der Wirkmacht starker Bilder stets bewusst – tingelte in den vergangenen Monaten deshalb von einer Synagoge zur anderen und betonte, er wolle ein guter Bürgermeister „für alle New Yorker“ sein. Zudem sprachen prominente Juden in New York ihre Unterstützung für den Kandidaten aus.
Doch abseits dieser Foto-Diplomatie spitzen sich die Auseinandersetzungen rund um den Nahost-Konflikt auch in der amerikanischen Gesellschaft weiter zu. Im November beispielsweise erschütterten gewaltsame Proteste die Park East Synagoge in Manhattan. Pro-Palästina-Demonstranten lauerten dort Mitgliedern der jüdischen Gemeinde auf, gerieten mit der Polizei aneinander, als sie auf den Eingang des Gebäudes zu drängten. Die Polizeichefin der Stadt entschuldigte sich im Nachhinein: Die Beamten hätten die Gemeinde nicht ausreichend geschützt. Mamdani wiederum tritt nun als Vermittler auf, der die Wogen glätten will. Die Proteste verurteilte er in einem Online-Post. Ob der Vermittlungsversuch gelingen wird, werden die kommenden Monate zeigen.
Eins jedenfalls ist jetzt schon sicher: Mamdanis Amtsantritt gibt die politische Richtung für die Midterm-Wahlen vor, die diesen Herbst anstehen. Der Urnengang wird zum wichtigen Stimmungstest für die Trump-Regierung, die in Umfragen zuletzt eingebüßt hat. Viele Amerikaner sind von ihrem Präsidenten enttäuscht. Hatte Trump als Kandidat doch „sinkende Preise ab Tag Eins meiner Präsidentschaft“ versprochen, ist nach einem Jahr im Amt das Gegenteil eingetreten. Als Folge seiner grobschlächtigen Zoll-Politik ziehen Lebenshaltungskosten weiter an, die Inflation liegt knapp über drei Prozent.
Der Unmut darüber, dass das Leben vieler Amerikaner nur noch über Schulden finanzierbar ist, wächst. Wieder schlägt sich die Inflation in Wahlergebnissen nieder – dieses Mal gegen Amtsinhaber Trump. Das zeigt nicht nur der Sieg Mamdanis. So haben die Demokraten in den 268 Landkreisen, Städten und Gemeinden, in denen im November Landes- und Kommunalwahlen stattfanden, durchschnittlich 10 Prozentpunkte zugelegt.
Beispielsweise in Jersey City, wo nun der linke Demokrat James Solomon Bürgermeister wird. Wie grundlegend diese Veränderung aussehen könnte, zeigt sich nicht nur an der Ostküste, wo die Demokraten traditionell stark abschneiden. Auch in Regionen, die tief republikanisch geprägt sind, haben Kandidaten links der Mitte gute Chancen auf wichtige Ämter. Beispielsweise Ruwa Romman, die Gouverneurin von Georgia werden will. Die 32-jährige Demokratin palästinensischer Herkunft engagierte sich einst gegen Kamala Harris Präsidentschaftskandidatur, weil sie einen Abbruch der Beziehungen zu Israel forderte.
Junge Kandidaten, oft migrantisch geprägt, versuchen nun vielerorts das Erfolgsmodell Mamdanis zu kopieren: Umverteilung durch Steuererhöhungen, regulatorische Eingriffe in den Wohnungsmarkt, mehr Sozialstaat gepaart mit heftiger Israel-Kritik. Eine Strategie, die zwar kurzfristig Siege verspricht, bundesweit jedoch auch nach hinten losgehen könnte. Denn Kandidaten weit links der Mitte, die in den urbanen Zentren des Landes Erfolge feiern, sind für andere große Wählerschichten in den USA oft untragbar.
Stefan Liebich, Chef der Rosa-Luxemburg-Stiftung in New York, hält hingegen den Linksruck in der Demokratischen Partei für die richtige Taktik, um gegen das Trump-Lager zu gewinnen. Der ehemalige Bundestagsabgeordnete der Linkspartei zeigt sich überzeugt: „Mit einer Politik der Mitte und der Zurückhaltung werden die Demokraten nicht ins Weiße Haus zurückkehren.“ Spätesten 2028 wird sich zeigen, ob er mit dieser Analyse recht behalten wird.
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.
Jan Klauth ist US-Korrespondent mit Sitz in New York.
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