Wer nicht in die gesetzliche Rentenkasse einzahlt, muss in Deutschland anderweitig für die Zeit nach dem Arbeitsleben vorsorgen. Für Menschen, die in freien Berufe tätig sind, sind Versorgungswerke zuständig. Dort werden Einzahlungen verwaltet, das Kapital soll durch möglichst risikofreie Anlagen vergrößert werden. Doch genau da verspekulierte sich die Bayerische Versorgungskammer (BVK) massiv.

Wie WELT AM SONNTAG im vergangenen September berichtete, hat sich die Kammer mit US-Investments verzockt. Sie soll etwa 1,6 Milliarden Euro in Immobilienprojekte investiert haben, die sich weit weniger gut entwickelten als gedacht. Darunter sind demnach prestigeträchtige Objekte in Manhattan oder Miami sowie die bekannte Transamerica-Pyramide in San Francisco, eines der Wahrzeichen der kalifornischen Küstenmetropole. Allein für das Jahr 2024 mussten mehr als 160 Millionen Euro auf ein 800-Millionen-Euro-Investment abgeschrieben werden – eine Summe, die nach eigenen Angaben womöglich auf 690 Millionen Euro steigen könnte.

Die BVK hat als Reaktion ihre Compliance-Richtlinien verschärft. Vom zuständigen Immobilienchef, der wiederum Kontakt zum US-Immobilienentwickler Michael Shvo gehalten hatte, hat sich das Haus mittlerweile getrennt. Shvo war bereits wegen steuerrechtlicher Probleme mit dem US-Gesetz in Konflikt geraten. Das hatte die BVK aber offenbar zu spät bemerkt.

Nun droht der Kammer allerdings einem Bericht der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ) zufolge neuer Ärger. Mieter und Käufer der missglückten US-Immobilienprojekte haben demnach mittlerweile eine Klage gegen Michael Shvo wie auch die BVK in den USA eingereicht und fordern Schadenersatz. Anwalt der Kläger in den USA ist ausgerechnet ein früherer Anwalt von Donald Trump.

Und auch Shvo selbst hat in den USA laut Medienberichten eine Forderung gegen die BVK eingereicht, weil ihm angeblich noch Gebühren in Höhe von 85 Millionen Dollar zustehen. Dazu heißt es laut „SZ“ von der BVK, es sei bisher keine Klage zugestellt worden und deshalb äußere man sich nicht dazu.

Aber es drohen noch weitere kritische Fragen. So sollen die beiden bekannten Anwälte Peter Mattel und Stephan Greger, die sich auch um die Aufklärung von Wirecard bemüht haben, in Bayern eine „Interessengemeinschaft Versorgungswerke“ gegründet haben. Sie soll demnach weitere Auskünfte zu diesen und weiteren Deals erfragen, um die BVK im Zweifel auch auf Schadenersatz zu verklagen.

Greger hatte bereits im September einen Katalog mit 40 Fragen an die BVK eingereicht, auf die er aus seiner Sicht nur unzureichende Antworten erhalten habe. Im Antwortschreiben, das der „SZ“ vorliegt, betont die BVK, dass die „unabhängige Aufarbeitung des Sachverhalts für die BVK oberste Priorität“ habe. Auch sei der „verantwortungsvolle Umgang“ mit den Geldern die „oberste Pflicht“.

Bayerisches Innenministerium weist Verantwortung von sich

Das Bayerische Innenministerium von Minister Joachim Herrmann (CSU), das bei der BVK den Vorstand bestellt und den Geschäftsplan inklusive des Anlageplans genehmigen muss, weist Verantwortung von sich. Im vorliegenden Fall habe keine „aufsichtliche Zuständigkeit“ bestanden, außerdem gebe es keine risikolosen Anlagen, zitiert die SZ das Haus. Von der BVK sei die Staatsanwaltschaft München eingeschaltet worden, die Vorermittlungen eingeleitet hat. Auch wurden Prozesse abgeändert, um ähnliche Fälle in Zukunft zu verhindern.

Die Bayerische Versorgungskammer ist mit Kapitalanlagen im Wert von etwa 117 Milliarden Euro eine der größten öffentlichen Pensionskassen Deutschlands. Sie kümmert sich um rund 2,7 Millionen Versicherte, viele davon von Beruf Ärzte oder Anwälte.

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