Hier steht sie, die derzeit modernste Containerbrücke Deutschlands im regulären Hafenbetrieb. Es ist die riesige Stahlkonstruktion des Herstellers Liebherr mit der Nummer CB44 auf dem HHLA-Containerterminal Altenwerder in Hamburg. Von hinten fährt ein Automatikfahrzeug an die Brücke heran. Ein Greifer hebt den Container automatisch auf eine Plattform der Brücke herauf. Dort senkt sich ein zweiter Greifer herab, um die Box auf den Frachter „Scalar“ zu laden, der am Kai liegt.

Menschen sind auf der Containerbrücke oder rund um sie herum nicht zu sehen. Gesteuert wird die Anlage vom Bürogebäude des Terminals Altenwerder aus. Dort sitzt Brückenfahrer Kay Stolzenburg vor vier Bildschirmen und bringt mit professioneller Ruhe einen Container nach dem anderen von und an Deck des Schiffes. Auf den herkömmlichen Containerbrücken sitzen Stolzenburg und seine Kollegen stundenlang in gekrümmter Haltung, wenn sie auf das Schiff herabschauen. Die Ausleger der bislang üblichen Brücken, unter denen die Kanzeln der Fahrerinnen und Fahrer entlangfahren, vibrieren bei jeder Bewegung. Doch das wird auf vielen Terminals in einigen Jahren Vergangenheit sein.

Auf dem Terminal Altenwerder hat die Zukunft bereits begonnen. Alle 14 Containerbrücken des modernsten Hamburger Containerterminals werden bis 2030 durch ferngesteuerte Brücken ersetzt. Die ersten drei sollen bis Februar in den Betrieb integriert werden. Seit Monaten werden dafür im MaCo-Schulungszentrum auf dem Terminal Brückenfahrerinnen und -fahrer zu Fernsteuerern fortgebildet.

„Mit dieser Investition stärken wir die Wettbewerbsfähigkeit unserer Anlagen und schaffen die Grundlage für effiziente und zukunftssichere Prozesse“, sagt der neue HHLA-Vorstandsvorsitzende Jeroen Eijsink, der den Hafenlogistik-Konzern seit Oktober führt. „Gleichzeitig begleiten wir die technische Weiterentwicklung mit umfassenden Qualifizierungsmaßnahmen, damit unsere Beschäftigten die neuen Technologien erfolgreich in den Betrieb integrieren können.“ Einen „niedrigen zweistelligen Millionenbetrag“ koste jede der neuen Containerbrücken, die ersten dieser Systeme waren mit einem Spezialschiff Ende 2024 zur Installation auf dem Terminal nach Altenwerder gebracht worden.

Melanie Leonhard (SPD), Hamburgs Senatorin für Wirtschaft, Arbeit und Innovation, hebt die Bedeutung des Projektes für den gesamten Hafen hervor: „Um Deutschlands größten Hafen fit für die Zukunft zu machen, schaffen wir die Voraussetzungen für eine moderne Infrastruktur und zeitgemäße Abläufe. Die Automatisierung zählt wesentlich dazu, weil sie die Effizienz und Leistungsfähigkeit nachhaltig erhöht“, sagt sie. „Zugleich verändern sich Berufsbilder, und die Arbeit im Hafen entwickelt sich mit dem technischen Fortschritt. Kontinuierliche Aus- und Weiterbildung sowie die Qualifizierung der Beschäftigten sind also entscheidend.“

Die fortschreitende Automatisierung der Hafenabläufe – von Containerbrücken über die Transportfahrzeuge bis hin zu den Steuerungssystemen für die logistischen Abläufe – hat eine ähnliche Bedeutung wie vor Jahrzehnten der Umstieg vom Stückguttransport auf den Container. Ein Hafen wie Hamburg muss bei dieser technologischen Innovation mitziehen, um nicht gegen direkte Konkurrenzhäfen wie Rotterdam und Antwerpen, Wilhelmshaven oder Bremerhaven zurückzufallen. Um wie viel produktiver die ferngesteuerten Containerbrücken genau arbeiten, gibt die HHLA aus Wettbewerbsgründen nicht preis. Tatsächlich geht es darum, mit jeder dieser Brücken dauerhaft einen Umschlag von mehr als 30 Containern in der Stunde zu erreichen. Heutzutage liegen die HHLA-Containerterminals in Hamburg noch teils deutlich darunter.

Mindestens ebenso wichtig wie die Geschwindigkeit beim Containerumschlag ist auch ein anderer Faktor: Die HHLA ringt, wie jedes andere Unternehmen, um Fachkräfte, und sie muss in den kommenden Jahren die besonders geburtenstarken Jahrgänge ersetzen, die in den Ruhestand gehen. Ohne eine fortschreitende Automatisierung der Hafenarbeit wird das – bei einem erhofften, deutlich steigenden Containerumschlag – nicht möglich sein. Um ihre Arbeitsplätze auf den Terminals – vor allem auch in Altenwerder – müssen sich die Männer und Frauen deshalb keine Sorgen machen, sagt Eijsink: „Mit Stellenabbau hat dieses Programm hier nichts zu tun.“

Die Fernsteuerer sitzen in modern eingerichteten Büros. Sie können miteinander sprechen, zwischendurch einen Kaffee trinken, auf die Toilette gehen. Welch ein Kontrast zur heutigen Arbeitsrealität auf einer Containerbrücke, mit langen Wegen hin und zurück auf das Großgerät bei jedem Wetter, mit einsamen Stunden in der Brückenkanzel, mit Rückenschmerzen von der Fehlhaltung im Steuersitz.

Erstaunlich ist es deshalb, dass die ferngesteuerten Brücken in Hamburg erst jetzt Betrieb genommen werden. Die starke Mitbestimmung der Arbeitnehmer bei der HHLA sei ein Grund dafür, sagt Melanie Leonhard, aber auch die Integration der Brücken auf einem bereits bestehenden Terminal. Als der neu gebaute Containerterminal Altenwerder im Jahr 2002 in Betrieb ging, war er der modernste der Welt, speziell wegen der Automatikfahrzeuge, die zwischen den Containerbrücken und dem Containerlager hin und her fahren. Sie werden durch Transponder im Boden gesteuert und ersetzten die hochbeinigen Containerstapler, die sogenannten Van Carrier, die auf den allermeisten anderen Containerterminals weltweit auch heutzutage noch fahren.

Einige Jahre später allerdings verlor Altenwerder den Status als modernster Containerterminal. Auf neu gebauten Anlagen wie dem Terminal des Maersk-Konzerns im Rotterdamer Hafenerweiterungsgebiet Maasvlakte 2 etwa wurden neben anderen Automatiksystemen von Beginn an auch ferngesteuerte Containerbrücken installiert. Auch Terminals in Asien, etwa in Singapur, arbeiten inzwischen mit solchen Brücken.

Auf den beiden anderen Hamburger Containerterminals der HHLA, dem Burchardkai und dem Tollerort, wird es in absehbarer Zeit noch keine ferngesteuerten Containerbrücken geben, sagte Eijsink. Das liege an den jeweiligen Gesamtsystemen der Terminals. Allerdings werde die HHLA am größten Hamburger Terminal, dem Burchardkai, künftig stärker teilautomatisierte Brücken installieren. Jedoch wird dort, anders als bei der Brücke CB44 in Altenwerder, auch künftig noch die vertraute Fahrerkanzel unter dem Ausleger hin und her fahren.

Olaf Preuß ist Wirtschaftsreporter von WELT und WELT AM SONNTAG für Hamburg und Norddeutschland. Er berichtet seit mehr als 35 Jahren über die maritime Wirtschaft, über Schifffahrt, Häfen und Werften.

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