Ein Fan der Windkraft war Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) noch nie. Er hält sie für eine „Übergangstechnologie“. Die „hässlichen“ Windturbinen könnten irgendwann wieder abgebaut werden, wenn dereinst die Kernfusion oder auch eine neue Atomkraft-Generation die Stromversorgung sicherstellen. So sieht er es. Als lästiges, wenn auch derzeit noch nötiges Übel betrachtet der Sauerländer vor allem die landschaftsprägenden Anlagen im Inland. Windparks auf dem Meer hingegen, die deutlich mehr Strom liefern können als diejenigen an Land, sind aus seiner Sicht „von zentraler Bedeutung“ für die europäische Energieversorgung. Erst recht dann, wenn man mit dem Offshore-Strom vor den Küsten per Elektrolyse auch noch in großen Mengen „grünen“ Wasserstoff erzeugt.
Am Montag will Merz der Offshore-Windkraft in Hamburg – im Rathaus und in der Handelskammer – eine ganz große Bühne bereiten. Zum „Nordsee-Gipfel“ hat die Bundesregierung Staats- und Regierungschefs sowie Energieministerinnen und Energieminister aus Belgien, Dänemark, Frankreich, Großbritannien, Irland, Luxemburg, den Niederlanden und Norwegen eingeladen, zudem die Europäische Kommission und erstmals auch Island und die Nato. Auch sollen mehr als 100 Personen aus Unternehmen am Gipfel teilnehmen.
Es ist der dritte Nordsee-Gipfel seit dem Beginn des Ukrainekrieges im Jahr 2022 und der erste, den Deutschland ausrichtet. Politik und Wirtschaft in Europa sind alarmiert. Mit seinem Angriff auf die Ukraine fiel Russland als Energielieferant weg. Und nun scheint auch noch die transatlantische Partnerschaft zu zerbrechen. Die USA sind aber nicht nur die tragende Militärmacht in der Nato, sie sind auch ein wichtiger Energielieferant, vor allem von tiefgekühltem, verflüssigtem Erdgas (LNG), mit dessen Import Europa einen Teil der früheren russischen Erdgaslieferungen ausgleicht. Vieles, auch die Energielieferungen, steht angesichts der neo-imperialen Politik von US-Präsident Donald Trump derzeit auf dem Spiel – vor allem auch mit Blick auf den von ihm brachial eingeforderten Zugriff auf Grönland durch die Vereinigten Staaten.
Beim Ausbau der erneuerbaren Energien steht deshalb längst nicht mehr nur der Klimaschutz im Fokus, sondern vor allem mehr Energiesicherheit für Europa: „Ziel des Nordsee-Gipfels ist es, den Ausbau von Windenergie auf See durch eine enge Kooperation im Nordseeraum effizienter und kostengünstiger voranzutreiben“, sagt ein Sprecher des Bundeswirtschaftsministeriums. „Dadurch steigern wir die Energieunabhängigkeit Europas, senken die Stromkosten und stärken die heimische Offshore-Windindustrie.“ Geplant ist neben einer Reihe anderer Beschlüsse auch eine „Hamburg Declaration“ der Staats- und Regierungschefs.
Alle Teilnehmer verbinde das Ziel, sagt Merz, „die Nordsee zum größten Reservoir für saubere Energie weltweit auszubauen“. Europa strebt die Installation von 300 Gigawatt Offshore-Leistung bis 2050 allein in der Nordsee an, hinzu kommen die Windparks in der Ostsee. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) sagt: „Nur durch Offshore-Kooperationsprojekte können wir das volle Energiepotenzial der Nordsee wirtschaftlich effizient heben. Dadurch tragen wir wesentlich zu einer stabilen und bezahlbaren Energieversorgung in Europa bei und sichern damit den Wirtschaftsstandort Europa.“ Um den „Schutz der kritischen Infrastruktur“ soll es bei der Konferenz in Hamburg gehen, um die „Schaffung geeigneter Investitionsbedingungen für die Offshore-Windenergie“ und um die „grenzüberschreitende Planung und Finanzierung von Windparks auf See und den dazu gehörenden Stromnetzen“.
Deutschland als Gastgeber wird sich dabei an seiner eigenen Bilanz bei der Offshore-Windkraft messen lassen müssen. Die aber ist nicht gut. Nach einem ersten deutlichen Rückschlag beim Offshore-Windkraft-Ausbau am Ende des vergangenen Jahrzehnts versuchte die von 2021 bis 2025 regierende Ampelkoalition, der Branche neuen Schub zu geben. Doch die Wirtschaft kann das nötige Ausbautempo nicht erreichen, es mangelt an Flächen, Fachkräften, Landanschlüssen – und vor allem an einem belastbaren Regulierungsrahmen.
„Bei vielen Themen hakt es besonders auf der deutschen Seite noch ordentlich, etwa bei der Flächenplanung mit Bezug auf die Leistungsdichte von Offshore-Windparks oder bei der unzureichenden Finanzierung von Schwerlastterminals. Hier ist vor allem die Bundesregierung gefragt, die eigentlich zuständigen Länder zu unterstützen“, sagt Hans Sohn, Leiter der Stabsstelle Politik und Kommunikation beim Bundesverband Windenergie Offshore (BWO), der die Interessen der Windparkbetreiber vertritt: „Unsere Erwartung an den Nordsee-Gipfel ist, dass wir mehr Planungssicherheit bekommen und dass sich die Staats- und Regierungschefs darauf einlassen, eine Verstetigung in der Wertschöpfungskette zustande zu bringen.“ Bestimmte Themen seien für eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit besonders gut geeignet, etwa ein Abgleich von Ausschreibungsmengen pro Jahr für neue Offshore-Windpark-Areale oder die Erweiterung von schwerlastfähigen Hafenflächen.
Derzeit sind im deutschen Teil von Nord- und Ostsee rund 1670 Offshore-Windturbinen mit dem Netz verbunden, ihre Gesamtleistung umfasst rund 9500 Megawatt, umgerechnet 9,5 Gigawatt. Die Ampelkoalition wollte bis 2030 eine installierte Leistung in den deutschen Seegebieten von 30 Gigawatt erreichen, Fernziel der früheren Bundesregierung waren 70 Gigawatt bis 2045. Doch die seinerzeit festgelegten Bedingungen erscheinen dafür nicht als belastbares Fundament: „Die ursprünglich geplanten 30 Gigawatt Offshore-Windkraft-Leistung bis 2030 werden wir nach heutigem Stand 2032 erreichen“, sagt Sohn. „Bis 2030 – mit Ausnahme von 2027 – werden jährlich etwa zwei Gigawatt hinzukommen, von 2030 an dann vier bis fünf Gigawatt im Jahr. Die ursprüngliche Planung von 40 Gigawatt im Jahr 2035 könnte dann sogar leicht übertroffen werden, wenn der Hochlauf gelingt.“
Genau daran gibt es viele Zweifel. Bei der jüngsten Ausschreibung des Bundes für neue Offshore-Windpark-Flächen in der Nordsee im August ging kein einziges Gebot ein. Und trotz unveränderter Bedingungen will der Bund schon im Februar die nächste Ausschreibung laufen lassen. Scheitert auch die, wäre das ein miserables Signal an die Branche und an die internationalen Finanzmärkte. Kritische Punkte aus Sicht der Wirtschaft sind: Das zuständige Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) hat die Bebauung bestimmter Flächen so eng geplant, dass sich die Windturbinen durch den Effekt der „Verschattung“ gegenseitig den Wind wegnehmen. Das müsste aus Sicht der Windparkbetreiber wieder auf eine geringere Dichte entzerrt werden. Obendrein fordert die Branche vom Bund, einen finanziellen Absicherungsmechanismus mit dem Namen „Contract for Difference“ einzuführen: Liegt der aktuelle Strompreis unter einem definierten Mindestpreis, gleicht der Bund den Windparkbetreibern die Differenz aus. Liegt der Preis darüber, zahlen die Windparkbetreiber Geld an den Bund.
Ohne Reformen droht der Offshore-Windkraft erneut das, was die Branche einen „Fadenriss“ nennt: Die Entwicklung und Realisierung neuer Windparkprojekte kommt weitgehend zum Erliegen, hoch spezialisierte Unternehmen der Lieferkette an den deutschen Küsten geben auf. „Das Risiko besteht für Deutschland definitiv“, sagt Karina Würtz, Geschäftsführerin der Stiftung Offshore-Windenergie in Hamburg. „Zusätzlich zu der gescheiterten Ausschreibung vom August 2025 und der ausgesprochen schlechten Perspektive für die kommenden Ausschreibungen aufgrund eines fehlgeleiteten Ausschreibungsdesigns, erscheinen bereits die seit 2023 vergebenen Projekte aus heutiger Sicht nicht wirtschaftlich. Solange hier große Fragezeichen an der wirtschaftlichen Realisierbarkeit bestehen, werden diese Projekte keine finale Investitionsentscheidung treffen und keine Aufträge vergeben.“ Bei einer Ausschreibung im Juli 2023, bei der unter anderem der Energiekonzern BP den Zuschlag erhalten hatte, flossen dem Bund zwar 12,6 Milliarden Euro für die Nutzungsrechte an den Windparkflächen zu. Auch wegen der Höhe dieser Zuschläge aber steht infrage, ob die Unternehmen ihre Projekte rentabel umsetzen können.
Der Nordsee-Gipfel in Hamburg könnte eine Grundlage dafür legen, die Dinge auf europäischer Ebene zu vereinfachen und den Ausbau der Offshore-Windkraft wieder zu beschleunigen. Denn auch die EU kommt mit dem Ausbau von Meereswindparks nicht so voran, wie erhofft. Bis 2030 sollen in der Europäischen Union 60 Gigawatt Offshore-Windkraft-Leistung am Netz sein, derzeit sind es aber nur etwa 33 Gigawatt. Ein Ausbau im Turbo-Tempo in den kommenden vier Jahren erscheint eher unrealistisch, wenn die Politik die Bedingungen nicht verbessert. Auch Europas größter Offshore-Windkraft-Standort Großbritannien muss noch zulegen, um sein Ziel von bis zu 50 Gigawatt installierter Leistung bis 2030 zu erreichen. Derzeit sind rund 16 Gigawatt am Netz und Projekte mit weiteren 13 Gigawatt vergeben.
Im Unterschied zu Deutschland, sagt Karina Würtz, setze Großbritannien bei seinen Ausschreibungen allerdings „nicht auf eine kurzfristige Maximierung von staatlichen Auktionserlösen, sondern auf eine langfristig angelegte Großskalierung der Branche mitsamt ihrer Lieferketten, inklusive einer nationalen Wertschöpfungskomponente“. Deutschland hingegen hat zentrale Fähigkeiten wie etwa den Bau von Umspannwerken für Offshore-Windparks – den sogenannten Konvertern – mit dem „Fadenriss“ am Ende des vergangenen Jahrzehnts ins Ausland verloren. Solche Produktionen zurückzuholen, bedarf unter anderem auch finanzieller Absicherungen durch die öffentliche Hand.
Auch die IG Metall drängt den Bund, einen vereinfachten und belastbaren Regulierungsrahmen zu schaffen. Sie rechnet der Offshore-Windkraft-Branche derzeit insgesamt rund 35.000 Arbeitsplätze zu. Deutschlandweit stellen Unternehmen Produkte und Dienstleistungen für die Offshore-Windkraft her. Hamburg ist ein Zentrum für die Planung und den Betrieb von Meereswindparks mit rund 3000 Beschäftigten in diesem Wirtschaftszweig. „Unsere Betriebe brauchen jetzt Aufträge, nicht wieder neue Ankündigungen für die Zukunft“, sagt Daniel Friedrich, Bezirksleiter der IG Metall Küste in Hamburg. „Wer es ernst meint, muss Ausbau-Ziele jetzt politisch bekräftigen und mit handfesten Maßnahmen unterlegen – mit klaren Zeit- und Zielvorgaben, stabilen Regeln und einer soliden Finanzierung.“
Mit der europäischen Vernetzung von Offshore-Windparks soll jenes „größte Reservoir für saubere Energie weltweit“ entstehen, von dem Kanzler Merz spricht. Doch auch bei der Realisierung dieser Idee, die in der Branche seit Jahren diskutiert wird, bleibt viel zu tun. „Die Vernetzung ist aktuell bis auf einige wenige Projekte eher überschaubar“, sagt Würtz. „Der Nordsee-Gipfel soll dafür auf der Planungs- und Finanzierungsseite weitere, dringend benötigte Impulse setzen. Das sind allerdings keine kurzfristig lösbaren Aufgabenstellungen, sondern sie werden einen langen Atem brauchen.“
Das Bremer Unternehmen trend:research stellt in seiner neuen Studie für den deutschen Markt mit Blick auf das Jahr 2030 fest: „Der aktuelle Ausbaustand von 9,5 Gigawatt sowie die in Bau, Projektierung und Planung befindlichen Projekte lassen eine installierte Leistung von 20 bis 22 Gigawatt erwarten.“
Wie es beim Ausbau in den Jahren danach weitergeht, hängt aus Sicht von trend:research von etlichen Faktoren ab – vor allem auch davon, wie stark die künftig eingesetzten Windturbinen sein werden. Die ersten deutschen Onshore-Windparks in der Nordsee waren am Ende der Nullerjahre mit Windturbinen bestückt worden, die 3,5 bis fünf Megawatt leisten. Nach einem harten technologischen Wettbewerb pendelt sich derzeit eine Anlagengröße von 15 Megawatt als temporärer Standard ein.
Doch der – kapitalintensive – Konkurrenzkampf um die stärkste Windturbine geht weiter. Siemens Gamesa will eine Anlage mit 21,5 Megawatt Leistung in Serie bringen. „Die durchschnittliche Größe einer neu installierten Turbine ist ein wesentlicher Faktor für die Szenarien“, schreibt trend:research. Das gelte auch für das sogenannte „Repowering“, den Austausch kleinerer durch größere Windturbinen. Klar ist dabei längst: China will auch den Offshore-Windkraft-Markt technologisch anführen. Der chinesische Hersteller Dongfang stellt inzwischen eine Offshore-Windturbine mit 26 Megawatt Leistung her.
Olaf Preuß ist Wirtschaftsreporter von WELT und WELT AM SONNTAG für Hamburg und Norddeutschland. Er berichtet seit ihren Anfängen vor mehr als 30 Jahren über die Offshore-Windenergie in Deutschland und Europa.
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