Nach den Sanktionen gegen Russland hat sich Kasachstan zum drittwichtigsten Öllieferanten der Europäischen Union entwickelt: Der Zentralasiatische Staat lieferte im vergangenen Jahr fast so viel Rohöl wie die beiden führenden Exporteure USA und Norwegen. Doch mit der Entfernung wachsen offenbar auch die Unsicherheiten.
Denn das größte Binnenland der Erde hat aktuell Schwierigkeiten, das Schwarze Gold außer Landes zu bringen: Zu Beginn der Woche brachen zwei Brände auf dem größten Ölfeld des Landes „Tengiz“ aus. Der Betreiber, US-Energiemulti Chevron, legte die Produktion komplett still und setzte die Exporte aus. Wann die Lieferungen wieder aufgenommen werden können, wurde auch am Dienstag nicht mitgeteilt. Das Feld „Tengiz“ produziert rund 40 Prozent der Exportmengen Kasachstans.
Öl aus Kasachstan fließt auch nach Deutschland: Der unter Treuhand stehende russische Energiekonzern Rosneft Deutschland importiert das Rohöl aus Zentralasien, um es in seiner Raffinerien PCK in Schwedt an der Oder zu verarbeiten. Die Versorgung Nordost-Deutschlands, einschließlich Berlins und des Hauptstadtflughafens BER hängen von den Benzin- und Kerosinlieferungen der PCK zu 90 Prozent ab.
Ukrainische Drohne beschädigt Exportterminal
Auf Nachfrage erklärte ein Sprecher von Rosneft Deutschland, die PCK-Lieferungen seien von den Problemen in Kasachstan kaum betroffen: Man beziehe den Brennstoff vor allem aus dem „Karachaganak Field“ im Westen Kasachstans.
Allerdings gehören auch die Raffinerien Bayernoil und Miro Karlsruhe zu den Importeuren. Das Rohöl aus Kasachstan wird normalerweise vom „Caspian Pipeline Consortium“ über die CPC-Leitung um das Kaspische Meer herum an die russische Schwarzmeerküste transportiert und dort auf Tanker verladen. Die Ladung wird im italienischen Hafen Triest gelöscht und über die „Transalpine Ölleitung“ (TAL) Richtung Bayern und Baden-Württemberg geschickt.
Diese Route war allerdings schon im Dezember unter Druck gekommen, als ein ukrainischer Drohnen-Angriff auf den russischen Schwarzmeerhafen Noworossiysk auch die dortigen Terminalanlagen Kasachstans zum Teil zerstörte.
Auch Anfang Januar waren die Liefermengen aus Zentralasien erneut zurückgegangen. Jetzt kommt auch noch das Produktions-Aus des größten Ölfeldes hinzu. Die Lage in Kasachstan entwickle sich von „schlecht“ in Richtung „schlechter“, kommentierte Javier Blas, führender Energieexperte der Agentur Bloomberg die Entwicklung. Insgesamt würde die Produktion um 900.000 Barrel (Fass mit 159 Litern) einbrechen.
Eine Minderversorgung der süddeutschen Raffinerien könnte zu regionalen Preissteigerungen führen. Aktuell ist der internationale Rohölmarkt zwar sehr gut versorgt, doch sind Raffinerien in der Regel technisch auf die Verarbeitung einer bestimmten Rohölsorte eingestellt. Es bedeutet einen zeitlichen Aufwand und Kosten, die Anlagen auf andere Qualitäten umzustellen, „über Nacht“ ist dies nicht möglich. Eine Sprecherin des Bayerischen Wirtschaftsministeriums erklärte, die Lage prüfen zu lassen.
Die regionalen Ölpreise in Europa sind bereits betroffen, berichtet die Agentur Bloomberg. Ausschlaggebend dafür seien die geringeren Fördermengen der kasachischen CPC-Sorte. Produktionsausfälle in Libyen und in einigen Nordseefeldern hätten ebenfalls dazu beigetragen. „WTI Midland, eine wichtige Sorte für die Festlegung des globalen Referenzpreises Dated Brent, wurde am Dienstag mit einem Aufschlag von 2,90 US-Dollar gehandelt – dem höchsten Wert seit über einem Jahr“, meldet Boomberg. Auch der Preis für Azeri Light, eine beliebte Sorte bei Raffinerien im Mittelmeerraum, erreichte ein Einjahreshoch.
„Während die Ölmärkte zu Jahresbeginn von Versorgungsrisiken infolge der Unruhen im Iran und in Venezuela dominiert wurden, hat Kasachstan die gravierendsten kurzfristigen Störungen zu verzeichnen“, heißt es bei Bloomberg. Die Kürzungen dort seien „mengenmäßig erheblich – die Verladungen sind in diesem Monat gegenüber dem ursprünglichen Plan um fast die Hälfte zurückgegangen.“
Die Bedeutung Kasachstans für die deutsche Energieversorgung hatte zuletzt deutlich zugenommen, meldet auch der Fachdienst der Agentur Reuters: Nach Angaben des Pipeline-Betreibers Kaztransoil flossen 2025 über die russische Druschba-Pipeline 2,146 Millionen Tonnen kasachisches Öl in die Bundesrepublik. Dies entspreche einem Anstieg von 44 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Russland stellt Kasachstan diese Pipeline zur Durchleitung zur Verfügung.
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.
Daniel Wetzel ist Wirtschaftsredakteur in Berlin. Er berichtet über Energiewirtschaft und Klimapolitik. Er wurde 2007 vom Verein Deutscher Ingenieure (VDI) mit dem Robert-Mayer-Preis ausgezeichnet und vom Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität Köln 2009 mit dem Theodor-Wessels-Preis.
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