Der Umweg rund um Südafrika kostet die Linienreedereien je Richtung zehn Tage Zeit. Das erschwert und verteuert die Passage auf den weltweit wichtigsten Handelsrouten zwischen Asien und Europa erheblich. Grund dafür ist, dass die mit Iran verbündete Huthi-Armee im Jemen seit Ende 2023 die internationale Schifffahrt im Roten Meer beschießt und auch Schiffe kapert und versenkt. Die schiitischen Huthi sehen das als ihren Beitrag der Solidarität mit Hamas und Hisbollah in deren Krieg gegen Israel.

Einzelne Reedereien wie Maersk aus Dänemark und CMA CGM aus Frankreich haben in den vergangenen Wochen testweise wieder Frachter durch den Suezkanal und ins Rote Meer geschickt – allerdings mit militärischem Geleitschutz zum Beispiel durch die französische Marine.

Deutschlands führende Reederei Hapag-Lloyd betreibt gemeinsam mit Maersk seit Februar 2025 die Allianz Gemini Cooperation. Nach Angaben der beiden Reedereien fährt Gemini derzeit zu mehr als 90 Prozent pünktlich, dieser Wert sei weit höher als bei allen konkurrierenden Linienverbindungen. Gemini setzt insgesamt rund 350 Schiffe von Hapag-Lloyd und Maersk ein.

Hapag-Lloyd beobachte die Lage am Suezkanal genau, man rechne aber nicht damit, kurzfristig ebenfalls wieder Schiffe durch die weltweit wichtigste künstliche Wasserstraße zu schicken, sagte Hapag-Lloyd-Chef Rolf Habben Jansen am Montagabend in Hamburg im Gespräch mit Medien: „Mit Begleitschutz würde Hapag-Lloyd wieder durch den Suezkanal fahren. Aber damit können wir derzeit nicht sicher planen, weil die Kapazitäten für die Begleitung von Containerschiffen bei Weitem nicht ausreichen.“

Würde man die Liniendienste um Afrika herum kurzfristig wieder durch das Mittelmeer und den Suezkanal führen, entstünde dadurch ein erhebliches Risiko für die Transportkette, sagte Habben Jansen: „Wenn wir dann nach zwei bis drei Wochen schon wieder feststellen, dass es nicht geht, und erneut umplanen müssen, dann haben wir Chaos zum Beispiel in den europäischen Häfen. Damit zerstört man Lieferketten.“ Es sei deutlich besser, „vorsichtig zu sein“. Denn auch die Situation im Iran sei nicht stabil und könne sich auf die Lage am Roten Meer und die Suezkanal-Passage auswirken.

Die Gemini Cooperation hat sich nach Habben Jansens Einschätzung für beide Reedereien sehr bewährt: „Wir hatten insgesamt ein gutes Jahr bei Hapag-Lloyd.“ Das Transportvolumen der Reederei sei stärker gewachsen als der Markt insgesamt. Kernelement der Gemini Cooperation ist das aus der Luftfahrt entlehnte „Hub and spoke“-Konzept. Die Ladung wird von den großen Interkontinentalschiffen zu Häfen gebracht, die als Verteilzentren dienen. Von dort aus bringen relativ große Zubringerschiffe die Ladung auf direktem Weg in einen Zielhafen. Von dort werden die Container auf noch kleineren Schiffen oder auf dem Landweg weiterverteilt.

Der Kosten- und Nutzeneffekt des „Hub and spoke“-Konzeptes basiert vor allem darauf, dass die Überseeschiffe und die großen Verteilerschiffe mit hoher Auslastung in relativ kurzer Zeit nur wenige Terminals anlaufen. Die Verteilzentren sind dabei möglichst durchgehend Terminals, die einer der beiden Reedereien selbst gehören oder mit denen langfristige Kooperationsverträge bestehen. Hapag-Lloyd will die Zahl seiner Terminalbeteiligungen von derzeit 22 auf mindestens 30 bis zum Jahr 2030 ausbauen.

Hapag-Lloyd nutzt in diesem Kontext mittlerweile sehr stark vor allem auch den JadeWeserPort in Wilhelmshaven, Deutschlands einzigen Terminal, den auch die weltweit größten Containerschiffe voll beladen ohne Begrenzungen beim Tiefgang anlaufen können. Durch die Gemini Cooperation verzeichnet der JadeWeserPort nach mehr als zehn Jahren Stagnation seit seiner Eröffnung mittlerweile einen deutlichen Aufschwung, mit einem Containerumschlag von rund 1,5 Millionen Einheiten (TEU) im vergangenen Jahr: „Wir investieren in den Terminal in Wilhelmshaven, weil wir glauben, dass wir dort noch mehr Volumen realisieren können“, sagte Habben Jansen. Hapag-Lloyd hält am JadeWeserPort einen Anteil von 30 Prozent, 70 Prozent gehören dem Terminalbetreiber Eurogate.

Der Hapag-Lloyd-Chef erwartet, dass auch andere führende Reedereien das „Hub and spoke“-Konzept in den kommenden Jahren einführen werden. Die Branche fahre derzeit meist mit einer Pünktlichkeit der interkontinentalen Liniendienste von nur 60 bis 65 Prozent.

Olaf Preuß ist Wirtschaftsreporter von WELT und WELT AM SONNTAG für Hamburg und Norddeutschland. Er berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten über die maritime Wirtschaft, über Schifffahrt, Werften und Häfen.

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