Es ist Nacht im Südschwarzwald. Im Örtchen Maulburg macht Bürgermeisterin Jessica Lang Feierabend. Der Tag hatte es in sich, wie so oft. Bis spät führt sie noch Job-Interviews – über Stunden. Und dann, endlich zu Hause bei ihrem Freund, setzen die Wehen ein.
„Ich habe bis zum Tag der Geburt gearbeitet“, sagt die 36-Jährige. Acht Monate später gluckst Tochter Mathilda auf ihrem Schoß und blickt hoch zu ihren Eltern, die Augen weit aufgerissen. Längst ist das Paar wieder voll im Dienst, bis zu 80 Stunden pro Woche. Denn auch Langs Partner ist Bürgermeister. Das Rathaus von Philipp Lotter, 38, steht acht Kilometer weiter im Dorf Hausen.
„Dass wir ein Bürgermeisterpärchen sind und ein gemeinsames Kind haben, ist heute noch eine Besonderheit“, sagt Lotter. Ein Bürgermeisterkollege aus dem Nachbarkreis hätte ihnen gesagt: „Das schafft ihr nicht.“ Doch Lotter wehrt sich: „Solche Aussagen sind fatal – und sie stimmen nicht. Wir beweisen, dass es geht.“
Im Gespräch mit WELT sprechen die Vollzeitpolitiker darüber, wie sie Job und Familie zusammenbringen.
„60-Stunden-Woche ist die Regel“
„Ich versuche, Vorbild zu sein“, sagt Lang. Sie will weg vom „verstaubten Bild der Männer“ in diesem Amt. Bürgermeisterin sein und ein Kind haben: „Das funktioniert.“ Seit zwei Jahren ist sie parteilose Chefin im Maulburger Rathaus. Lotter wurde vor knapp drei Jahren Bürgermeister von Hausen. Er ist bei der SPD.
Kennengelernt haben sie sich schon vorher bei einem Event. Da waren beide noch Sachbearbeiter in der Region. Die Lokalpolitik ist ihr Traumjob: „Du tust sehr direkt etwas für die Menschen: vom Baum pflanzen bis Kita-Plätze schaffen oder die Schule sanieren“, sagt Lotter. „Demokratie ist dort wirklich nah dran an den Menschen“, so Lang.
Die Orte haben nur wenige Tausend Einwohnende, der Workload ist trotzdem immens. „Hier läufst du durch den Ort und wirst in nahezu allen Belangen angesprochen. Die Bürgerinnen und Bürger kennen dich“, sagt Lang.
Sitzungen, Besuche bei Vereinen, Feste, Generalversammlungen, Empfänge: „Eine 40-Stunden-Woche habe ich nicht mehr erlebt, seit ich im Amt bin.“ Auch bei Lotter sei eine 60-Stunden-Woche die Regel, Tendenz steigend. Denn ein großer Arbeitgeber hat kürzlich sein Werk in Hausen geschlossen. 250 Arbeitsplätze hingen daran. Als Bürgermeister muss Lotter ein neues Gewerbe ansiedeln. Das kostet Zeit.
„Gleichzeitig darf ich andere Themen nicht vernachlässigen“, sagt er. „Am Ende bleibt vieles an der Bürgermeisterin oder am Bürgermeister hängen – sie sind vor Ort verantwortlich.“
Hobbys und Freizeit stecken zurück
Der Tag beginnt um sechs Uhr, da stehen sie auf. Um acht sind die Bürgermeister meist in ihren Büros. „Kein Arbeitstag ist gleich“, so Lang. Zwischen Jour fixes und Auswärtsterminen bietet sie auch eine „Bewegte Bürgersprechstunde“ an. Heißt: Sie besucht die Maulburgerinnen und Maulburger. Termin reiht sich an Termin. „Ein Arbeitstag hat schnell zehn bis 14 Stunden.“
Hobbys und Freizeit stecken oft zurück. Lotter sei zum Beispiel früher dreimal pro Woche joggen gegangen. „Dazu Krafttraining, im Sommer Kajak, viel Wandern.“ Das sei vorbei. „Ich habe 20 Kilo zugenommen, seit ich im Amt bin.“
Deshalb stand Familienplanung für Lang und Lotter nicht auf der Agenda. Lang erinnert sich: „Ich überlege mir sehr genau, ob ich in so ein pflichtintensives Amt einsteige, wenn ich gerade aktiv eine Familie gründen will.“ Als sie dann ihre Tochter erwarteten, waren Überraschung und Freude groß. „Für uns war klar: Wir ziehen an einem Strang und bekommen das hin.“
Wie sieht das im Alltag konkret aus? „Wenn man ein Kind im Arm hält, will man alles richtig machen“, sagt Lang. „Wir organisieren uns und sprechen uns ab. Jeder steckt mal zurück – auch bei privaten Wünschen, etwa abends etwas mit Freunden zu machen.“
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.
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