Zu Beginn des fünften Kriegsjahres befindet sich Russlands Wirtschaft in einer schwierigen Phase. Und doch dürften die mancherorts wieder kursierenden Nachrichten über ihren baldigen Tod, um es in Anlehnung an den US-Schriftsteller Mark Twain zu formulieren, abermals stark übertrieben sein. Das waren sie in den vergangenen Jahren reichlich oft. Am meisten zu Beginn des Angriffskrieges gegen die Ukraine am 24. Februar 2022.

Damals ging eine Schockwelle durch die Büros der Ökonomen von Moskau über Washington bis Berlin. Selbst ein Absacken um 20 Prozent schien manchen denkbar. Letztendlich kam alles ganz anders. Doch warum hatte sich die Mehrheit so geirrt? Und was macht Russland bis heute so widerstandsfähig?

Dass die Wirtschaft im ersten Kriegsjahr nur um 1,4 Prozent schrumpfte, obwohl im Handumdrehen beispiellose Tausende westliche Sanktionen eingeführt worden waren, die bis heute auf knapp 24.000 angewachsen sind, erschien anfänglich wie ein Wunder. Man habe die Mechanismen einer solchen neuen Situation erst sukzessive verstanden, sagte später Oleg Vjugin, Ex-Vizechef der russischen Zentralbank und von Anfang an einer der nüchternsten Kommentatoren, im Gespräch mit WELT. Das starke Wachstum von jeweils über vier Prozent in den Jahren 2023 und 2024 hat dann schon weniger verwundert, das starke Abbremsen 2025 auf ein Prozent übrigens auch nicht.

Viele Schlupflöcher

Geht man der Resilienz auf den Grund, so findet man eine der Ursachen in der Konzeption der westlichen Sanktionen selbst. Denn auch wenn bislang kein Land solch umfangreichen Sanktionen unterworfen worden war, so waren sie letztlich doch wohldosiert. „Viele der bestehenden Schlupflöcher sind darauf zurückzuführen, dass die sanktionierenden Länder die negativen Folgen für ihre eigene Wirtschaft so gering wie möglich halten wollen“, sagt Vasily Astrov, Russlandexperte des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW), im Gespräch mit WELT.

Astrov nennt als Beispiel, dass zu Kriegsbeginn zwar die großen russischen Banken von SWIFT, dem Nachrichtensystem für den internationalen Zahlungsverkehr, ausgeschlossen wurden, die in Russland verbliebenen westlichen Banken aber nicht. Der Import russischen Urans oder Titans für die Flugzeugproduktion sei ebenfalls nicht sanktioniert. Und die Beschränkungen gegen den russischen Ölexport hat man erst knapp ein Jahr nach Kriegsbeginn eingeführt – auch aus der berechtigten Befürchtung heraus, dass eine ruckartige Reduktion russischen Öls, das ja zehn Prozent der global geförderten Menge ausmacht, zu einer Preisexplosion führt.

„Die Sanktionen hätten die russische Wirtschaft nur dann unterminieren können, wenn sie alle in ihrem derzeitigen Umfang in den ersten drei bis vier Wochen des Krieges verhängt worden wären“, sagt Vladislav Inozemtsev, einst Wirtschaftsberater des Kremls und heute in Washington lebender Mitgründer des Zentrums für Analysen und Strategien in Europa (Case), auf Anfrage. „Durch die sukzessive Einführung der Sanktionen aber gab der Westen Russland die Möglichkeit, Wege zur Umgehung zu finden und sich an die veränderten Bedingungen anzupassen.“

Gerade in der Anpassungsfähigkeit selbst sieht Inozemtsev fast den wichtigsten Grund für die Resilienz: „Die privaten Unternehmer wollten überleben und ihr Geschäft erhalten. Und sie sind es gewohnt, unter den Bedingungen eines starken Wettbewerbs mit sehr geringen Margen zu arbeiten“. Die Fähigkeit kommt nicht von ungefähr. „Die Unternehmer haben durch die vielen Krisen eine solche Kompetenz darin erworben, bei unbekannten Situationen sehr schnell zu verstehen, was zu tun ist“, sagt die Moskauer Ökonomin Natalja Subarewitsch im Gespräch: „Ich komme aus dem Staunen nicht heraus, wie diese Leute sich halten.“

Re-Export westlicher Güter über andere Länder

Im Nu wurden Produktionen umgestellt. Im Nu auch neue Logistikketten aufgestellt. Gewiss, ohne die Mitwirkung Chinas und anderer Staaten des sogenannten globalen Südens, der bei den Sanktionen nicht mitmachte, wäre das alles nur bedingt erfolgreich gewesen. Zum einen fungierten und fungieren diese Staaten als Hubs für den Re-Export westlicher Güter – auch sanktionierter wie Halbleiterchips – nach Russland. Zum Anderen wurde neben China gerade Indien zum wichtigsten Käufer russischen Öls, nachdem Europa seine Einkäufe in Russland gekappt hatte.

Ökonom Astrov weist darüber hinaus auf den wenig beachteten Umstand hin, dass die Bedeutung des Globalen Südens für Russland auch insofern gewachsen ist, als das Gewicht dieser Länder in der globalen Wirtschaft zuungunsten des Westens deutlich zugenommen hat. Auch für Russland überragt China –, das sich als Teil des Globalen Südens versteht – dabei alle. Infolge des Ukraine-Kriegs hat China Europa als vormals größten Handelspartner der Russen abgelöst. Einzig, im Unterschied zu Europa investiert China in Russland so gut wie gar nicht.

Das muss der russische Staat auf weite Strecken selbst machen. Und das macht er seit Kriegsbeginn auch ausgiebig. Das Geld fließt hauptsächlich in den Rüstungssektor und in den Sold der Soldaten. Das hat nicht nur die Löhne auf dem gesamten Markt hochgetrieben, was wiederum in den Konsum floss. Es hat auch andere, zivile Sektoren mitgezogen und so dazu beigetragen, den wegfallenden Export zu kompensieren. Wie Astrov hebt auch Inozemtsev den fiskalischen Impuls als zentrale Voraussetzung für Russlands Resilienz hervor, wobei sie in der Höhe der Militärausgaben von 7,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts noch lange keine Kriegswirtschaft, sondern höchstens eine partielle Kriegswirtschaft erkennen.

„Russland bereitet sich auf einen Wirtschaftskrieg vor“, hieß es 2019

Dass Russland sich diese Ausgaben überhaupt leisten konnte, lag wiederum in der eisernen Spardisziplin vor dem Krieg, durchgeführt vom hochprofessionellen Wirtschaftsblock im Establishment. „Russland bereitet sich auf einen Wirtschaftskrieg vor“, hatte Ex-Zentralbankvize Vjugin schon 2019 im Interview mit WELT gesagt.

Und auch in den ersten beiden Kriegsjahren habe sich der Wirtschaftsblock – die Zentralbank und das Finanzministerium – am effizientesten erwiesen, indem er die Situation mit dem Rubel, den Finanzen und der Übernahme westlicher Unternehmen gemeistert habe, betont Inozemtsev. „Das größte Versagen, so seltsam es auch klingt, haben Aufklärung und Geheimdienst FSB hingelegt, die Putin zu Kriegsbeginn völlig diskreditiert haben.“

Als Versagen des Westens sieht das Gros der Beobachter demgegenüber, dass viele reiche Russen – auch Oligarchen genannt – auf Sanktionslisten gesetzt und daher teilweise mit Dutzenden Milliarden Dollar nach Russland zurückgetrieben wurden. „Zum Teil erklärt das das hohe Investitionswachstum in Russland in den Jahren 2023 und 2024“, meint Astrov. Und Inozemtsev fügt hinzu, dass durch die Finanzsanktionen jene 60 Milliarden Dollar, die Russen pro Jahr im Urlaub und über E-Commerce in den Westen transferierten, nicht mehr aus dem Land fließen konnten.

Doch auch unabhängig davon zeigen Untersuchungen, dass Sanktionen gegen eine Wirtschaft von der Größe Russlands, die zudem in die Weltwirtschaft integriert ist, begrenzte Wirkung haben.

Und so wuchs Russlands Wirtschaft dank dieser Faktoren während des Krieges deutlich an. Mit der ruckartigen Abkühlung 2025 freilich, die sich laut Wirtschaftsminister Maxim Reschetnikow 2026 fortsetzen wird, hat eine neue Phase begonnen. „Die Party in Russlands Wirtschaft geht zu Ende“, sagt Ex-Zentralbankvize Vjugin. Russland zahle jetzt die Rechnung.

„Es gibt nur einen Grund für die Stagnation: Wladimir Putin und seine Idiotie

Ist manches davon logisch und erwartbar, zumal die Sanktionen zunehmend wirken, so einiges auch hausgemacht: Manch innerrussische Maßnahme scheint jetzt sogar jene Resilienz zu unterminieren, die bisher alles gerettet hat.

Für Astrov liegt die Hauptschuld bei der Zentralbank, die im Kampf gegen die Inflation den Leitzins von Oktober 2024 bis Juni 2025 auf – seines Erachtens unnötig hohen – 21 Prozent gehalten und seither nur langsam auf immer noch hohe 15,5 Prozent gesenkt hat.

Inozemtsev setzt weiter oben an: „Es gibt nur einen Grund für die Stagnation: Wladimir Putin und seine Idiotie“, sagt er. 2022 bis 2023 sei alles gut gelaufen, weil Zentralbank und Finanzministerium die Kontrolle hatten. „Doch dann gewannen die sowjetischen Idioten im Kreml die Oberhand, und statt der Liberalisierung der ersten Kriegsjahre strafften sie die Zügel. Anstatt die Kreditaufnahme zu erhöhen und die Inflation durch das Beiziehen von Geldern der Bevölkerung für marktfähige Kriegsanleihen zu senken, begann Putin, die Steuern zu erhöhen. Anstatt den Unternehmern mehr Freiheit zu gewähren, begann er, Selbstständige durch eine Erhöhung der Mehrwertsteuer in den Schattensektor zu drängen und erfolgreiche Unternehmen unter fadenscheinigen Vorwänden zu verstaatlichen.“

Und weiter: „Putin glaubt, dass die Wirtschaft dem Staat dienen muss, aber das ist ein Irrtum, und sein neuer Kurs ist viel gefährlicher als alle zuvor verhängten Sanktionen.“

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.

Eduard Steiner schreibt bei WELT vor allem über die russische Wirtschaft.

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