Bei den Warnungen vor der AfD konnte es Deutschlands Konzernlenkern lange nicht laut und schrill genug sein. Doch eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Zusammenarbeit mit der TU Dresden zeigt, dass diese Warnrufe nicht nur ineffektiv sind, sondern womöglich das Gegenteil bewirken: Es entstehe eine Solidarisierung mit der Partei, beziehungsweise eine Trotzreaktion des „jetzt erst recht“, berichtet das „Handelsblatt“.

Die Forscher erhoben zunächst, wie die Deutschen überhaupt reagieren, wenn Firmenchefs die AfD als Gefahr für den Standort oder die Gesellschaft darstellen. Das Ergebnis offenbarte eine Kluft: Während AfD-Anhänger klassische Forderungen der Firmenchefs (etwa nach niedrigeren Steuern) zu über 70 Prozent sogar unterstützen, hält nur jeder fünfte AfD-Sympathisant politische Attacken auf „seine“ Partei für angemessen. Mehr noch: Durch die Kritik der Wirtschaftsbosse entstehe der besagte „Backlash-Effekt“, der die Bindung eher stärke als schwäche.

Für die Analyse „CEO-Aktivismus zum Schutz der liberalen Demokratie. Eine empirische Vermessung von Wahrnehmung und Wirkung“ wurden im Sommer 2025 mehr als 5000 Bundesbürger befragt. Als eine Art „Initialzündung“ für das Engagement der prominenten Wirtschaftslenker bewerteten die Wissenschaftler dabei das viel beachtete Treffen von Politiker der AfD mit Rechtsextremisten im Jahr 2023 in einer Villa in Potsdam sowie die sich daran anschließende Medienberichterstattung bei „Correctiv“ und in den öffentlich-rechtlichen Medien.

Joe Kaeser, Reinhold Würth, Siegfried Russwurm – alle gegen die AfD

Der „Kampf gegen Rechts“, zu dem unter anderem die damalige Innenministerin Nancy Faeser (SPD) aufforderte, sei dann auch von den Wirtschaftsbossen erwartet worden, schreiben die Autoren der Studie. Tatsächlich kam es zu etlichen, teils markigen Ansagen bekannter Firmenlenker. „Wer die AfD wählt, entscheidet sich für den Verlust des Wohlstands unseres Landes“, sagte etwa Joe Kaeser, Aufsichtsratsvorsitzender von Siemens Energy, in einem Interview. Der Unternehmer Reinhold Würth schrieb in einem persönlichen Brief an die Belegschaft seines Unternehmens: „Die Partei strebt eine ‚Demokratur‘ oder eine Diktatur an.“ In der Studie wird BDI-Präsident Siegfried Russwurm zitiert: „Das Programm der AfD schadet unserem Land. Es schadet der Wirtschaft“. Ebenso gibt es ein Zitat von BDA-Präsident Rainer Dulger: „Ich habe von der AfD auch noch keine Antwort auf die Frage gesehen, wie wir die Fachkräftelücke füllen wollen, die uns die Alterung der Gesellschaft bringt.“

Diese „ungewöhnlich klare parteipolitische Kritik aus den Firmenzentralen“ sei deutlich wahrgenommen worden, analysieren die Macher der Untersuchung. Im Dezember 2024 gaben rund vier von zehn Menschen in Deutschland an, ihnen wäre das Engagement von Unternehmen gegen die AfD bekannt. Unter AfD-Anhängern habe dies sogar fast jeder zweite angegeben, schreiben die Autoren unter Bezug auf ihnen vorliegende Meinungsumfragen. Die Schärfe und gesellschaftliche Breite der Kritik sowie die den Wirtschaftslenkern unzweifelhaft zugeschriebene Kompetenz hätten eine gewisse Wirksamkeit der Worte erwarten lassen können.

Der „Backlash“-Effekt

Doch in den Befragungen ergab sich dann ein anderes Bild: Der „CEO-Aktivismus“ wie es schon im Titel der Studie hieß, hatte diverse unerwartete Nebeneffekte.

Zunächst einmal entdeckten die Forscher bei ihren Befragungen eine ausgeprägte Differenz zwischen den klassischen Forderungen der Wirtschaftslenker nach weniger Abgaben und einen Bürokratieabbau – diese kamen auf Zustimmungswerte von über 70 Prozent – und den Angriffen auf die AfD. Wenig überraschend: Insbesondere bei den Anhängern der AfD fanden die Ökonomen und Meinungsforscher ein „ausgeprägtes Misstrauen gegenüber etablierten politischen Akteuren“. Gleichzeitig brachte diese Gruppe „Unternehmen jedoch relativ mehr Vertrauen entgegen als Anhänger von Parteien links der Mitte“.

Bei den Sympathisanten der Rechtsaußenpartei konnte laut der Befragung nur ein Fünftel die Kritik der Wirtschaftsbosse überhaupt nachvollziehen. Die Kritik verpuffte offenbar und steigerte womöglich sogar die Solidarität mit der Partei. Wörtlich heißt es in der Studie: „Gleichzeitig führt öffentliche Kritik an der AfD vonseiten der Unternehmensvertreter nicht dazu, dass sich die Parteigänger von ihr abwenden. Vielmehr lassen sich ‚Backlash‘-Effekte nachweisen: Werden AfD-Sympathisanten mit der AfD-Kritik von Geschäftsführern konfrontiert, sinkt das Vertrauen in das entsprechende Unternehmen. Zudem verstärkt sich teilweise die Nähe zwischen Partei und Anhängerschaft – und das unabhängig davon, wie die Kritik der CEOs an der Partei formuliert ist.“ Dieser „Backlash-Effekt“ gehe sogar so weit, dass das Vertrauen und die Sympathie in und für eine Firma oder Marke umgehend sinke, sobald sich deren Chef klar gegen die AfD ausgesprochen habe.

Ebenfalls bemerkenswert: Laut den Autoren der Studie machen die Wirtschaftsbosse mit ihrer AfD-Kritik noch nicht einmal Punkte bei den Anhängern des linken Lagers (Grüne, SPD, Linkspartei). Anhänger dieser Parteien und Gruppierungen begrüßten Attacken auf die AfD zwar immer, doch diese bewegten letztlich wenig: „Die Ansagen der Chefs bestätigen hier lediglich ein Weltbild, das ohnehin schon feststeht“, analysiert das „Handelsblatt“ trocken.

Schluss mit den „Fensterreden von oben“, heißt es nun

Das IW und die TU-Forscher raten den Wirtschaftslenkern deshalb zu einer neuen Strategie im Umgang mit der AfD. Mit den abgehobenen „Fensterreden von oben“, die als „belehrend“ empfunden werden könnten, müsse Schluss sein. Stattdessen sei eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Argumenten und Positionen der Partei, aber auch ihrer Anhänger zu empfehlen. Der politisch anders gepolte Gesprächspartner müsse ernst genommen, die eigene Position aber klar vertreten werden, heißt es. Wichtig sei auch, konkret für das eigene Unternehmen und dessen Bedürfnissen zu argumentieren.

Zugleich werden die Konzernlenker ausdrücklich dazu ermutigt, sich im öffentlichen Diskurs weiterhin zu Wort zu melden. „Die Positionierung des CEO gibt der Belegschaft wie der Öffentlichkeit Orientierung“, heißt es in der Studie. Deren wirtschaftspolitische Kritik müsse jedoch „maßvoll, sachlich und verantwortungsbewusst“ formuliert werden. „Zugespitzte oder delegitimierende Kritik birgt das Risiko unbeabsichtigter Polarisierungs- und Mobilisierungseffekte und kann politische Ränder indirekt stärken.“

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