Seit Mai 2025 ist der Hamburger CDU-Bundestagsabgeordnete Christoph Ploß Koordinator des Bundes für die maritime Wirtschaft und den Tourismus. Für Schifffahrt, Häfen und Werften hat Ploß seither neue Förderungen auf den Weg gebracht, zuletzt wurde das Großbürgschaftsprogramm des Bundes auf die Werften ausgeweitet. Mit WELT AM SONNTAG sprach Ploß über seinen Streit mit Hamburgs Erstem Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD), über seine Erwartungen an die Nationale Maritime Konferenz Ende April in Emden und über die Bedeutung der deutschen maritimen Wirtschaft in einer hochgradig unsicheren Weltlage.
WELT AM SONNTAG: Herr Ploß, wie ordnen Sie die wiederholten Attacken des Hamburger Ersten Bürgermeisters Peter Tschentscher (SPD) auf Sie ein, mit dem Argument, Sie unterstützten den größten deutschen Seehafen nicht ausreichend?
Christoph Ploß: Einige SPD-Politiker fahren nach mehreren verlorenen Landtagswahlen jetzt anscheinend eine Strategie, bei der sie den eigenen Koalitionspartner im Bund attackieren – also die Kollegen und die Partei, mit der die SPD eigentlich zum Wohle unseres Landes zusammenarbeiten müsste. Ich halte das für kein gutes Vorgehen. Das wird weder der SPD helfen, noch wird es unsere Stadt und unser Land voranbringen. Wir haben bei der FDP in der Ampelkoalition erlebt, wohin ein solches Verhalten am Ende führt. Der Bürgermeister sollte seine parteipolitisch motivierten öffentlichen Attacken einstellen.
WAMS: Was könnte ihn persönlich zu den Vorwürfen gebracht haben?
Ploß: Auf den Ersten Bürgermeister Peter Tschentscher wird in den nächsten Monaten zunehmend die Frage zukommen: Was macht der Hamburger Senat mit den fast 2,7 Milliarden Euro, die der Bund für Investitionen in die Hamburger Infrastruktur bereitstellt? Wie viel kommt davon wirklich im Hamburger Hafen an? Bisher ist leider nur bekannt, dass Hunderte Millionen Euro in den Elbtower fließen sollen, für den Hamburger Hafen ist noch nichts vorgesehen. Was den Bürgermeister dazu bringt, solche parteipolitisch motivierten Angriffe zu fahren, kann er nur selbst beantworten. Im Sinne Hamburgs ist dieses Verhalten nicht. Die Menschen erwarten, dass die verantwortlichen Politiker parteiübergreifend Probleme lösen, dass sie gemeinsam die Herausforderungen angehen und dass es nicht zu sinnlosen Streitigkeiten kommt.
WAMS: Sie haben dem Bürgermeister ein persönliches Gespräch angeboten. Gab es darauf von ihm eine Reaktion?
Ploß: Das Angebot hat Peter Tschentscher bis heute nicht angenommen. Ich hoffe, dass ein persönlicher Austausch bald zustande kommt, damit wir besprechen können, wie der Hamburger Senat und die Bundesregierung die maritime Wirtschaft in Hamburg gemeinsam unterstützen können. Meine Hand ist ausgestreckt.
WAMS: Welche Stellung hat Hamburg als größter Seehafen des Landes?
Ploß: Der Hamburger Hafen ist der mit Abstand größte deutsche Seehafen, dementsprechend hat er eine herausragende Bedeutung – auch im Vergleich zu anderen Häfen. Ich rate aber dringend davon ab, dass die deutschen Häfen gegeneinander kämpfen und versuchen, sich gegenseitig Marktanteile wegzunehmen. Das wird nicht zum Erfolg führen. Unsere Wettbewerber heißen Rotterdam, Antwerpen und Danzig.
WAMS: Über Hafenkooperationen wird in Deutschland seit vielen Jahren diskutiert. Haben Sie ein Bild davon, wie solche Kooperationen mit Leben erfüllt werden könnten?
Ploß: Nicht jeder Hafen muss alles machen. Es bedarf einer gesunden Mischung aus Wettbewerb und strategischer Ausrichtung. Die deutschen Häfen fragen sich völlig zurecht, worauf sie sich konzentrieren können. Der Hafen in Rostock ist beispielsweise ein Spezialist für den Umschlag von Energieträgern, ein Hafen wie Brake ist enorm wichtig für die Versorgung Deutschlands mit Getreide, und Cuxhaven baut seinen Hafen zu einem Umschlagplatz für Komponenten von Windkraftanlagen aus. Als Folge siedeln sich rund um Cuxhaven bereits neue Unternehmen an, die im Offshore-Bereich tätig sind. Bremerhaven ist stark im Autoexport und hat darüber hinaus viel Potenzial.
WAMS: Worauf sollte sich ein Hafen wie Bremerhaven mit seinen heutzutage drei Schwerpunkten Automobiltransport, Containerumschlag und der Bewegung von Nato-Militärausrüstung dann spezialisieren?
Ploß: Große Häfen wie Hamburg und Bremerhaven sind natürlich nicht nur auf ein Feld spezialisiert. Bremerhaven hat auch ein großes Potenzial beim Umschlag von Material für die Bundeswehr und unsere Nato-Partner.
WAMS: Deutschland braucht einen eigenen Basishafen für den Bau von Offshore-Windparks auf der Nordsee, das läuft bislang über Eemshaven in den Niederlanden und Esbjerg in Dänemark. Was kann der Bund tun?
Ploß: Wir werden als Bundesregierung die Tonnagesteuer auf Offshore-Schiffe ausweiten. Das ist für Reeder, die Offshore-Schiffe betreiben, für die Hafenwirtschaft, die sich auf Windenergie spezialisiert, und für die gesamte Offshore-Industrie in Deutschland eine richtig gute Nachricht. Wir machen den Standort Deutschland wettbewerbsfähiger und attraktiv für Investoren.
WAMS: Die Tonnagesteuer ist eine für die Reedereien vorteilhafte Pauschalsteuer, die sich an der Schiffsgröße bemisst, aber nicht am jeweiligen Gewinn und Verlust des Unternehmens.
Ploß: Für den Reedereistandort Deutschland ist die Tonnagesteuer unabdingbar. Die Bundesregierung wird nicht nur an der Tonnagesteuer festhalten, sondern sie noch ausweiten und so den Reedereistandort bestmöglich unterstützen. Mit der Tonnagesteuer für Offshore-Schiffe werden Schiffe nach Deutschland kommen, die vorher im Ausland gefahren sind. Das bringt Arbeitsplätze und Wertschöpfung.
WAMS: Könnte der Bund auch helfen, eine Fläche für einen Offshore-Basishafen bereitzustellen?
Ploß: In erster Linie muss das immer in Absprache mit der Landes- und Kommunalpolitik entschieden werden. Das war etwa auch bei der Erweiterung der Liegeplätze in Cuxhaven der Fall. Cuxhaven ist für mich ein gutes Beispiel dafür, wie Kommunalpolitik, Landespolitik und Bundespolitik an einem Strang ziehen können.
WAMS: Was erwarten Sie konkret von der diesjährigen Nationalen Maritimen Konferenz Ende April in Emden?
Ploß: Bei der Nationalen Maritimen Konferenz wollen wir zum Ausdruck bringen, dass die Themen der maritimen Wirtschaft keine lokalen Angelegenheiten, sondern bundespolitisch relevante Themen sind. Die maritime Wirtschaft ist für unsere Versorgungssicherheit, die Handelsnation Deutschland und für unsere Verteidigungsfähigkeit von enormer Bedeutung – so sehr wie wahrscheinlich noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik. Außerdem wollen wir wertvolle Impulse der verschiedenen maritimen Branchen für die Arbeit der Bundesregierung aufnehmen.
WAMS: Die Hafenwirtschaft will vom Bund 500 Millionen Euro jährliche Unterstützung anstelle der heutzutage 38 Millionen Euro im Jahr für alle Seehäfen. Können Sie diese Forderung bei der Konferenz in Emden erfüllen?
Ploß: Gemäß unserer Verfassung sind für die Häfen die Bundesländer zuständig. Das heißt: Die Bundesländer müssen auch einen Beitrag leisten. Gleichwohl werbe ich seit Langem dafür, dass die bundespolitische Bedeutung der Seehäfen stärker anerkannt wird. Eine Anhebung des Hafenlastenausgleichs, auf den Sie sich beziehen, befürworte ich seit vielen Jahren. Dafür bräuchte es jedoch eine Verfassungsänderung. Und dafür fehlt es derzeit an der nötigen Zweidrittelmehrheit, denn AfD und Linkspartei haben mehr als ein Drittel der Stimmen im Deutschen Bundestag. Deswegen müssen wir das Ziel – mehr Investitionen aus dem Bund für die Häfen – auch über andere Wege erreichen, etwa über die Sondervermögen für Verteidigung und Infrastruktur. Darüber könnte man zum Beispiel Investitionen in die Hafenanlagen oder die Schienenwege ermöglichen, die für die Häfen relevant sind. Auch aus dem Sondervermögen für die Kommunen, wovon zum Beispiel Hamburg 2,7 Milliarden Euro bekommt, müssen Investitionen in die Häfen von den Bundesländern finanziert werden. Außerdem wird die Bundesregierung in den nächsten Jahren stark in das Autobahn- und in das Schienennetz investieren, was für die Häfen ebenfalls sehr wichtig ist. Die „Küstenautobahn“ A20 werden wir noch in diesem Jahr weiterbauen. Und sobald Hamburg das nötige Baurecht für die A26 Ost am südlichen Hafenrand geschaffen hat, müssen so schnell wie möglich die Bagger rollen. Es gilt der Grundsatz: Was baureif ist, wird gebaut.
WAMS: Wie wird sich der Bund am Bau einer neuen Köhlbrandbrücke in Hamburg beteiligen?
Ploß: Der Bund wird einen größeren Teil der Kosten decken.
WAMS: Mehr als 50 Prozent?
Ploß: Über Einzelheiten werden wir sprechen, sobald das Baurecht für eine neue Köhlbrandbrücke vorliegt. Ich kann aber klar sagen: Die Finanzierungszusage durch den Bund für die neue Köhlbrandbrücke steht.
WAMS: Umso erstaunlicher, dass Peter Tschentscher Sie wegen angeblich mangelnden Engagements für den Hamburger Hafen angreift.
Ploß: Ich möchte in dieser Legislaturperiode in Berlin möglichst viel für den Hamburger Hafen und die anderen norddeutschen Häfen erreichen und brenne für diese Aufgabe. Die Kritik des Bürgermeisters an der Prioritätensetzung im Bundeshaushalt zielt bei genauerer Betrachtung auf den Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD), der für den Bundeshaushalt verantwortlich ist. Ich kann mich nur wiederholen: Diese öffentlichen Angriffe des Bürgermeisters auf Mitglieder der Bundesregierung schaden den Interessen Hamburgs.
WAMS: Lange schon drängt die Hafenwirtschaft auch auf eine Reform der Einfuhrumsatzsteuer – vor allem mit dem Ziel, dass Importeure die Steuer nicht bis zur Abrechnung durch den Zoll vorstrecken müssen. Rotterdam oder Antwerpen sind da schon weiter als die deutschen Häfen.
Ploß: Die Reform der Einfuhrumsatzsteuer würde den norddeutschen Seehäfen und auch Flughäfen in ganz Deutschland enorm helfen. Sie wäre ein wichtiger Beitrag für mehr Wettbewerbsfähigkeit. Mit einem Aufkommen von rund 80 Milliarden Euro jährlich ist die Einfuhrumsatzsteuer die drittgrößte Steuerquelle Deutschlands. Einer Reform müssten aber alle Bundesländer zustimmen – und einige von ihnen wollen das derzeit nicht, weil sie wohl die Kosten für die Einführung der dafür nötigen neuen Software scheuen. Ich werde weiter Druck machen, dass endlich Bewegung in dieses Thema kommt. Wir müssen überall in Deutschland verstehen, dass es um das ganze Land und seine Wettbewerbsfähigkeit geht.
WAMS: Wie blicken Sie insgesamt auf die maritime Branche in Deutschland?
Ploß: Die maritime Branche ist eine Zukunftsbranche, die wächst und attraktive Jobs schafft. Das gilt für alle Bereiche: die Häfen, den Schiffbau und die Schifffahrt. Die aktuelle Bundesregierung hat nach nicht einmal einem Jahr mehr für die maritime Branche erreicht als die Vorgängerregierung in den Jahren zuvor. Für die deutschen Häfen und die Schifffahrt gibt es ein 400-Millionen-Euro-Programm, Infrastrukturprojekte rund um die Häfen werden in Zukunft schneller geplant, es wird massiv in die Schieneninfrastruktur investiert und die A20 wird noch in diesem Jahr weitergebaut. Die Bundesregierung und ich persönlich arbeiten an weiteren Initiativen, um die deutschen Häfen zu stärken. Aber auch der Schiffbau in Deutschland hat ein enormes Potenzial. Auch hier unterstützt die Bundesregierung die maritime Industrie. Wir haben die Werften kürzlich in das Großbürgschaftsprogramm des Bundes mit aufgenommen. Die Werften können damit ab sofort millionen- oder gar milliardenschwere Großprojekte einfacher mit ihren Banken finanzieren, als es bisher der Fall war. Das bedeutet: Wesentlich mehr Aufträge werden nach Deutschland vergeben werden. Das wird künftig zum Beispiel Aufträge für Umspannwerke der Offshore-Windkraft betreffen, aber auch Kreuzfahrt- oder Spezialschiffe.
WAMS: Wie sehen Sie speziell die deutschen Marinewerften?
Ploß: Die Produkte deutscher Marinewerften sind weltweit gefragt, seien es U-Boote und Fregatten von TKMS in Kiel oder unbemannte Marinefahrzeuge von Rheinmetall, die bei Blohm + Voss in Hamburg produziert werden. Und natürlich ist die deutsche Marine mehr denn je darauf angewiesen, dass leistungsfähige Werften Fregatten und Korvetten, U-Boote, Tanker und Flottendienstboote für sie bauen.
Der Hamburger CDU-Bundestagsabgeordnete Christoph Ploß, 40, ist seit Mai 2025 Koordinator des Bundes für die maritime Wirtschaft und den Tourismus. Der gebürtige Hamburger studierte an der Universität Hamburg Geschichte und Politikwissenschaft und promovierte zum Historiker. Dem Deutschen Bundestag gehört er seit 2017 an, er ist Mitglied des Verkehrsausschusses und Vorsitzender der Landesgruppe Hamburg. Von 2020 bis 2023 war Ploß Landesvorsitzender der CDU Hamburg. Erstmals in seiner Amtszeit als maritimer Koordinator findet am 29. und 30. April in Emden die Nationale Maritime Konferenz statt, unter anderem mit Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU).
Olaf Preuß ist Wirtschaftsreporter von WELT und WELT AM SONNTAG für Hamburg und Norddeutschland. Er berichtet seit mehr alss 30 Jahren über die maritime Wirtschaft, über Häfen, Werften und Schifffahrt.
Jörn Lauterbach ist Redaktionsleiter von WELT und WELT AM SONNTAG für Hamburg und Nordrhein-Westfalen.
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