Rainer Seele ist derzeit ein gefragter Mann. Als WELT ihn zum Interview erreicht, wird er gerade von Leverkusen nach Wien gefahren. In Leverkusen traf Seele Vertreter des Chemiekonzerns Covestro, bei dem er Aufsichtsratschef ist.

In Wien wird er bei Borouge International empfangen, dem Petrochemiekonzern, der unlängst durch den Zusammenschluss der OMV-Tochter Borealis mit einer Tochter der Abu Dhabi National Oil Company (ADNOC) aus den Vereinigten Arabischen Emiraten entstanden ist. Seele ist auch Präsident der Chemiesparte der Investmentgesellschaft XRG mit Sitz in Abu Dhabi.

Covestro-Aufsichtsratschef Rainer Seele auf einer Archivaufnahme

WELT: Herr Seele, wie stark hat die Rohstoffverknappung durch den Iran-Krieg den Druck auf die ohnehin schon belastete Chemieindustrie in Deutschland erhöht?

Rainer Seele: Weniger stark, als man denken würde. Natürlich sehen wir steigende Energiepreise. Aber im Gegenteil: Die Wettbewerbsfähigkeit einiger deutscher Unternehmen wurde vorerst sogar gestärkt.

WELT: Wie das?

Seele: Das mag vielleicht zynisch klingen, aber uns geht es zunächst sogar einmal besser. So hat sich die Lage der europäischen Chemieunternehmen gegenüber den Wettbewerbern aus Asien durch den Krieg etwas entspannt. Denn während Europa nur einen sehr überschaubaren Anteil seiner Rohöl-Importe aus der Golfregion bezog, sind die Firmen in Asien ungleich stärker von Knappheiten und steigenden Rohstoffkosten betroffen. Wir sehen aktuell, dass der Export von Billigware aus China abgenommen hat. Dort produziert man jetzt gezwungenermaßen mit eingeschränkten Kapazitäten vor allem für den eigenen Heimatmarkt.

WELT: Lässt sich der Effekt in Zahlen fassen?

Seele: Dafür ist es zu früh. Aber den Trend kann man derzeit deutlich erkennen. Wir sehen, dass in Asien derzeit stark auf Lager produziert wird. Dahinter stehen auch die stark gestiegenen Frachtkosten für Massengut aus Asien, die dazu führen, dass wir mit unserer europäischen Produktion wieder wettbewerbsfähiger sind. Allerdings gibt es in der Sache auch mindestens einen Wermutstropfen.

WELT: Was ist so bitter?

Seele: Der Standortvorteil der USA ist noch viel stärker gestiegen. Es ist eben die einzige Region, die sich von der globalen Energiepreisentwicklung praktisch vollständig abkoppeln konnte. In Sachen Öl und Gas sind die Amerikaner auch dank der Fracking-Technologie praktisch Selbstversorger. Wer die Gaspreise an den zentralen Handelsplätzen in den USA mit den europäischen vergleicht, sieht sofort: Die USA haben ein konstantes Gaspreisniveau. Die Produktion von Ethylen und anderen Produkten ist dort keinerlei Einschränkung unterworfen. Das bedeutet: Die geringen Importe aus China werden durch etwas höhere Importe aus den USA teilweise kompensiert. Aber das ist es nicht, was mir Sorgen bereitet.

WELT: Was ist es dann?

Seele: Wir erleben gerade eine Entspannung der Märkte, weil die Überkapazitäten herausgenommen sind. Aber das sind nur temporäre Effekte. Die eigentlichen Probleme sehe ich nicht so sehr im Angebot von Chemieprodukten, sondern in der Nachfrage danach. Wir sind wegen der Rohölnotierungen auf einem Preisniveau, bei dem sich die Kunden fragen: Wann geht mir die Puste aus? Das Kundenvertrauen hat gelitten, weil die jeweiligen Preissteigerungen bei den Rohstoffen nur partiell weitergegeben werden können.

WELT: Die Politik denkt über allerlei Entlastungsmaßnahmen nach.

Seele: Dabei denkt sie aber in erster Linie an den Endverbraucher, nicht an die Industrie. Wenn die Politik zum Beispiel versucht, auf einige Produkte einen staatlichen Preisdeckel zu setzen, führt das nur zu einer Schwächung des Angebots und damit mittelfristig zu noch viel größeren Problemen.

WELT: Wie stark droht die Nachfrage zu fallen?

Seele: Je nachdem wie lange die Situation an der Straße von Hormus noch besteht, könnten wir eine höhere Inflation bekommen und damit steigende Zinsen. Damit steigen unsere Finanzierungskosten. Das haben wir alles schon mal durchgemacht. In der Folge wird es dann sehr hohe Forderungen nach Lohnanpassungen geben. Mit höheren Löhnen werden unsere Lohnstückkosten aber noch höher und wir als Industrie verlieren weiter an Wettbewerbsfähigkeit.

WELT: Das klingt pessimistisch.

Seele: Die Chemieindustrie ist zyklisch. Aber wir sind in Deutschland mit einer über Jahrzehnte gewachsenen Innovationskraft stark aufgestellt. Unsere Industrie entwickelt hochspezialisierte Materialien, ohne die Elektromobilität, Energiewende oder moderne Industrie nicht funktionieren würden. Diese strukturellen Stärken wirken nicht immer im Abschwung, entfalten aber ihre Wirkung, sobald der Zyklus wieder nach oben läuft. Es wird also wieder bergauf gehen.

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und „Business Insider Deutschland“ geschrieben.

Daniel Wetzel ist Wirtschaftsredakteur in Berlin. Er berichtet über Energiewirtschaft und Klimapolitik. Er wurde 2007 vom Verein Deutscher Ingenieure (VDI) mit dem Robert-Mayer-Preis ausgezeichnet und vom Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität Köln 2009 mit dem Theodor-Wessels-Preis.

Andreas Macho ist WELT-Wirtschaftsreporter.

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