In Deutschlands zweitgrößter Stadt Hamburg startet im zweiten Halbjahr die Zuteilung von Stromanschlüssen für Großverbraucher. Hauptgrund dafür ist, dass über die sogenannten „Kuppelstellen“ absehbar nicht mehr ausreichend Strom in das städtische Verteilnetz gelangt. Für das Hamburger Verteilnetz mit einer Spannung von 110.000 Volt (110 Kilovolt) und darunter ist das städtische Unternehmen Hamburger Energienetze zuständig. Das Übertragungsnetz mit 380 Kilovolt Spannung im Raum Hamburg betreibt das Berliner Unternehmen 50Hertz, das die Kuppelstellen ins städtische Netz ausbauen muss. In den Übertragungsnetzen wird der Strom aus großen fossilen Kraftwerken sowie aus Wind- und Solarparks an die urbanen Verbrauchszentren herangeführt.
„Wir bekommen aktuell mehr Leistungsanfragen möglicher Kunden für einen Stromanschluss mit hoher Leistung, als wir derzeit bedienen können“, sagte Geschäftsführer Peter Wolffram, Leiter des Ressorts Unternehmen und Kunde bei den Hamburger Energienetzen, WELT: „Die aktuelle Spitzenlast im Hamburger Stromnetz liegt bei 1,8 Gigawatt. Allein in den vergangenen Monaten haben wir aber Anfragen für Netzanschlüsse in einer Größenordnung von zwei Gigawatt bekommen.“ Im zweiten Halbjahr führe Hamburger Energienetze im Rahmen des „Fair Grid-Projekts“ ein sogenanntes „Repartierungsverfahren“ ein, „und zwar für große Stromabnehmer mit einem Leistungsbedarf von über 1,5 Megavoltampere. Unsere Kunden wurden darüber bereits informiert.“
Etwa 99 Prozent der Anschlussanfragen in Hamburg – von Privathaushalten ebenso wie von Gewerbebetrieben – „werden von dieser Umstellung völlig unberührt bleiben“, sagte Wolffram. „Betroffen sind davon künftig vor allem große Stromabnehmer wie Batteriespeicher, Rechenzentren, Power to Heat-Anlagen für die Wärmeversorgung und große Wasserstoff-Elektrolyseanlagen.“ Auch die Bestandskunden der Hamburger Energienetze auf allen Verbrauchsebenen seien von der Neuregelung nicht betroffen. Den künftig neu angeschlossenen Großverbrauchern werde es im Rahmen des „Fair Grid-Projekts“ zugleich „über den Einsatz flexibler Netzanschlüsse ermöglicht, Leistungen in lastarme Zeiten zu verschieben und die Netze dadurch bestmöglich zu nutzen“.
Die Einführung des „Repartierungsverfahrens“ auch in Hamburg – Deutschlands größtem Industrie- und Hafenstandort – zeigt erneut, dass der Ausbau der Netze mit dem Umbau der Stromerzeugung in Deutschland nicht Schritt hält. Andere Städte wie Frankfurt, Berlin oder Bremen haben bereits in den zurückliegenden Jahren „Repartierungsverfahren“ eingeführt. „Wir schaffen es in Deutschland, vor allem im Norden, riesige Mengen an Ökostrom aus Wind- und Solarparks zu erzeugen“, sagt Geschäftsführer Michael Dammann, Leiter des Ressorts Assetmanagement und Netzbetrieb bei den Hamburger Energienetzen. „Wir schaffen es aber noch längst nicht in ausreichendem Umfang, diesen Strom in die Netze der Städte und Verbrauchszentren zu bringen.“
Die Gründe dafür sind vielfältig: Durch die politisch angestrebte Elektrifizierung aller Lebensbereiche – neben dem klassischen Strommarkt betrifft das vor allem die Gebäudewärme, die Mobilität und die Industrie – steigt der Druck zum beschleunigten Ausbau der Netze seit Jahren. Hinzu kommen Faktoren wie der Boom stromintensiver Rechenzentren, zum Beispiel im Raum Frankfurt. Bundesweit wächst zudem die Nachfrage zum Anschluss großer Batteriespeicher stark, die bei der Einspeicherung von Strom am Netz wie Verbraucher wirken.
Allein die Hamburger Energienetze haben derzeit „unter anderem rund 40 Anfragen für große Batteriespeicher, viele davon mit einer Leistung von 100 Megawatt“, sagt Wolffram. In der Hansestadt steigt der Druck zu einem beschleunigten Netzausbau besonders auch durch den Volksentscheid vom Oktober 2025. Der Hamburger Senat wird darin zu einer Politik verpflichtet, bei der Hamburg bereits im Jahr 2040 „klimaneutral“ sein soll und nicht erst 2045, wie es der rot-grüne Senat zuvor geplant hatte.
Heutzutage werde die Vergabe von Netzanschlüssen nach dem „Windhundverfahren“ geregelt – wer zuerst einen Antrag stellt, wird zuerst für einen Netzanschluss berücksichtigt, sagt Wolffram: „Wie andere Verteilnetzbetreiber müssen auch wir unser Vergabeverfahren so anpassen, dass auch in Zeiten einer Übernachfrage nach Anschlussleistungen eine transparente und diskriminierungsfreie Vergabe von Netzanschlüssen gewährleistet werden kann.“
Das „Repartierungsverfahren“ funktioniere, vereinfacht gesagt, so: „Wenn wir eine freie Kapazität von, sagen wir, 150 Megavoltampere im Netz zur Vergabe haben und zehn Bewerber für einen Netzanschluss, würden wir allen zehn Bewerbern einen Anschluss für 15 Megavoltampere zur Verfügung stellen“, sagt Wolffram. „Wichtig ist: Dieses Verfahren muss, wie im regulierten Netzgeschäft über das Energiewirtschaftsgesetz gesetzlich festgelegt, transparent und diskriminierungsfrei sein.“ Für die „Repartierungsverfahren“ selbst gebe es keine detaillierten gesetzlichen Vorgaben. Sie würden, so zeigten es auch die anderen Städte, „in enger Abstimmung mit der Bundesnetzagentur durchgeführt und immer weiterentwickelt“.
Die Hamburger Energienetze investierten „jedes Jahr rund 600 Millionen Euro“ in den Ausbau des städtischen Stromnetzes, sagt Dammann. Zudem arbeitet man mit dem Netzbetreiber 50Hertz seit Jahren an der Modernisierung und dem Ausbau der drei vorhandenen Kuppelstellen Nord, Ost und Süd. „Über das ,Wo‘, ,Was‘ und ,Wie‘ beim Ausbau der Hamburger Kuppelstellen zum Übertragungsnetz herrscht zwischen uns und dem Netzbetreiber 50Hertz große Übereinstimmung. Aber eben nicht über das ‚Wann‘. Bestimmte Trafos haben wir bei 50Hertz schon im Jahr 2017 bestellt.“
Die drei bestehenden Kuppelstellen Nord, Ost und Süd müssen umfassend modernisiert und ihre Kapazität erweitert werden. Außerdem sollen drei neue, zusätzliche Kuppelstellen geschaffen werden: „Für die Kuppelstelle Süd wurden die Planungen von 50Hertz neu gestartet. Für Nord laufen die Vorbereitungen zum Ausbau. Für Ost sieht 50Hertz einen Ausbau bis 2033 vor“, sagt Dammann. „Die Kuppelstelle Nord ist besonders wichtig, weil dort vom kommenden Jahr an die wegfallenden Strommengen des dann stillgelegten Heizkraftwerks Wedel aus dem Übertragungsnetz nach Hamburg geholt werden müssen. Deshalb geht einer von zwei weiteren Trafos auch Ende Oktober 2026 in Betrieb.“ Insgesamt benötige Hamburg an den Kuppelstellen „langfristig 15 zusätzliche Transformatoren für die Umspannung des Stroms von 380 auf 110 Kilovolt“. Die Möglichkeiten zu innerstädtischen Ausgleichsmaßnahmen sind begrenzt: Zwischen den einzelnen Hamburger Netzbereichen lässt sich Stromleistung aus technischen Gründen nur bedingt verschieben.
Der Netzbetreiber 50Hertz teilt auf WELT-Anfrage mit: „Der Ausbau der bestehenden 380/110-Kilovolt-Umspannwerke muss während des laufenden Betriebes unter durchgehender Aufrechterhaltung der Versorgungssicherheit durchgeführt werden. Neben der Errichtung von zusätzlichen 380/110‑Kilovolt-Transformatoren zu den Hamburger Energienetzen werden in den Projekten auch große Teile der 50Hertz-Anlagen altersbedingt erneuert. Aufgrund von begrenzten Anlagenflächen und Erweiterungsmöglichkeiten kann dieser Um- und Ausbau nur schrittweise erfolgen. Dabei müssen auch Abhängigkeiten zu Dritten – etwa Umbauarbeiten in den Anlagen der Hamburger Energienetze und die Ablösung der 220-Kilovolt-Versorgung der Schleswig-Holstein Netze – berücksichtigt werden.“
Projekte für den maximalen Ausbau der drei bestehenden 380/110-Kilovolt-Umspannwerke seien „bereits in der Umsetzung mit den Hamburger Energienetzen“. Damit wird eine Laststeigerung von etwa 1000 Megawatt (ein Gigawatt) bis Anfang der 2030er im Nord- und Ostnetz der Hamburger Energienetze ermöglicht“, teilt 50Hertz mit: „Für ein zusätzliches 380/110-Kilovolt-Umspannwerk läuft aktuell die Grundstückssuche, die im urbanen Raum aufgrund von Flächenknappheit und Schwierigkeiten bei der Genehmigungsfähigkeit – insbesondere Schallemissionen – zeitintensiver ist.“
Der Hamburger Volksentscheid vom Oktober 2025 schlägt auf die Projekte der Kuppelstellen in der Hansestadt voll durch. „Im Dezember 2025 haben die Hamburger Energienetze zwei zusätzliche 380/110-Kilovolt-Umspannwerke beantragt. Der Bedarf basiert auf den aktuellen Prognosen, die eine Verdreifachung der Last bis zur Klimaneutralität 2045 aufzeigen“, teilt 50Hertz mit. „Mit der vorgezogenen Klimaneutralität durch den Hamburger Zukunftsentscheid würde dieser Bedarf schon 2040 bestehen.“
50Hertz stehe – wie alle anderen Stromnetzbetreiber – „vor der Herausforderung, mit einer extrem steigenden Zahl von Netzanschlussbegehren umgehen zu müssen. Aus diesem Grund errichten oder erweitern wir derzeit zahlreiche unserer Umspannwerke. Dabei müssen wir auch die Produktionsressourcen auf Lieferantenseite, zum Beispiel bei der Herstellung und Lieferung von Transformatoren, berücksichtigen“.
Die Bundesnetzagentur in Bonn ist für die Aufsicht unter anderem auch über die Stromnetzbetreiber in Deutschland zuständig. Sie teilt auf WELT-Anfrage mit: „Die Planung und Realisierung von Kuppelstellen liegt in der Verantwortung der Netzbetreiber. Die Bundesnetzagentur weist bereits seit geraumer Zeit auf die Dringlichkeit des Ausbaus der Strominfrastruktur hin. Auch die Politik kann hier klare Ziele und Erwartungen kommunizieren.“
Das Problem drohender Netzengpässe auf unterschiedlichen Ebenen in ganz Deutschland im Zuge der Energiewende ist auch der Aufsichtsbehörde hinlänglich bekannt: Bei der Reform des Regulierungsrahmens „strebt die Bundesnetzagentur an, Anreize für den bedarfsgerechten Netzausbau zu verstärken. Die Ressourcenknappheit kann aber nicht allein regulatorisch oder (bundes-)politisch aufgelöst werden“, schreibt die Bundesbehörde. „Auch die vor Ort zuständigen Genehmigungsbehörden müssen personell in die Lage versetzt werden, beispielsweise Planfeststellungs- oder immissionsschutzrechtliche Verfahren zügig zu bearbeiten.“
In Hamburg betrifft das die Behörde für Umwelt-, Klima, Energie und Agrarwirtschaft (BUKEA), die von der Senatorin und Zweiten Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Grüne) geführt wird: „Bei der Modernisierung und dem Ausbau der Hamburger Strominfrastruktur ziehen die Hamburger Energienetze als städtischer Verteilnetzbetreiber und die zuständigen Behörden eng an einem Strang“, teilte die Behörde WELT mit: „Seit der Rekommunalisierung der Energienetze gibt es eine intensive Zusammenarbeit – dazu gehört auch der Austausch mit 50Hertz im Kontext der Netzkapazitäten.“
Nach einem Volksentschied im Jahr 2013 kaufte Hamburg die Netze für Strom, Erdgas und Fernwärme von den jeweiligen Unternehmen zurück – vor allem auch, um eine beschleunigte Energiewende mit der notwendigen Infrastruktur abzusichern: „Die BUKEA und ihre aktuelle wie auch vorherige Leitung ist mit der 50Hertz-Geschäftsführung im Gespräch, um den Ausbau insbesondere der Transformatoren weiter zu beschleunigen“, teilt die Behörde mit. „Es ist für Hamburg als übergeordneter Industriestandort und einer der Standorte mit dem höchsten Strombedarf in Deutschland wichtig, dass 50Hertz den Ausbau der Hamburger Netzverknüpfungspunkte priorisiert.“
Zudem müsse die Bundesregierung „dringender denn je sicherstellen, dass die Energiewende und der Ausbau der Netzkapazitäten deutschlandweit energisch aufeinander abgestimmt und vorangetrieben werden“.
Olaf Preuß ist Wirtschaftsreporter von WELT und WELT AM SONNTAG für Hamburg und Norddeutschland. Er berichtet seit mehr als 30 Jahren über die deutsche und die internationale Energiewirtschaft.
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