Der Verband „Die Güterbahnen“ schlägt Alarm: „Seit Tagen kommt es im Raum Hannover und auf den Nord-Süd-Achsen zu massiven Rückstaus, Zugstillständen und faktischen Netzblockaden. Besonders betroffen sind die Verkehre zum Hamburger Hafen – dem wichtigsten deutschen Seehafen für den Schienengüterverkehr.“ Der Verband vertritt die Interessen der privatwirtschaftlichen Bahnbetreiber außerhalb des Konzerns der Deutschen Bahn.
Der Verband weist regelmäßig darauf hin, dass der Schienengüterverkehr angesichts der massiven Probleme des Netzausbaus in Deutschland weiter ins Hintertreffen gerät. So seien die aktuellen Probleme zwischen Hamburg und Hannover nicht nur das Ergebnis einzelner technischer Störungen: „Vielmehr zeigt sich, dass das derzeitige Baustellen- und Kapazitätsmanagement der DB InfraGO den Belastungen im Netz nicht standhält – vor allem angesichts der vielen Baustellen und Sperrungen im Raum Hamburg/Hannover. Gleichzeitig fehlen funktionierende Notfall- und Krisenkonzepte für den Güterverkehr“, heißt es in der Mitteilung.
DB InfraGO ist das für den Netzbetrieb zuständige Tochterunternehmen der Deutschen Bahn und Monopolist beim Betrieb des größten Teils des deutschen Bahnnetzes: „Besonders kritisch ist, dass die Einschränkungen inzwischen deutlich länger andauern als ursprünglich kommuniziert“, schreibt Die Güterbahnen. „Nach aktuellem Stand soll die massive Beeinträchtigung des Knotens Hannover bis mindestens 13. Juni fortbestehen.“ Wegen der Verzögerung bei der Korridorsanierung Hamburg – Berlin – deren Ende vom 1. Mai auf den 14. Juni verschoben wurde – „überlappt sich diese Sperrung aktuell mit der Qualitätsoffensive zwischen Hamburg und Hannover“.
Der Hamburger Hafen hat wegen der maroden Köhlbrandbrücke und der wegen Beschädigungen gesperrten Freihafenbrücke derzeit ohnehin massive Probleme mit den Innerhafenverkehren und bei der äußeren Straßenanbindung. Aufgrund der Probleme im Schienennetz sind zugleich auch die Möglichkeiten weiterhin limitiert, deutlich mehr Güter von der Straße auf die Schiene zu verlagern. Der Anteil der Schiene im sogenannten „Modal Split“ in Deutschland liegt bei nur unter 20 Prozent. Rund 70 bis 75 Prozent aller Güter werden per Lkw transportiert, der Rest per Binnenschiff oder Pipeline.
„Wir erleben den völligen Kontrollverlust mit Ansage. Die Warnungen vor derart vielen parallelen Baustellen wurden nicht gehört“, sagt Neele Wesseln, Geschäftsführerin von Die Güterbahnen: „Die Betriebszentralen der DB sind kaum noch erreichbar, Güterzüge stehen stundenlang still und müssen mangels Steuerung sogar auf Hauptgleisen abgestellt werden. Wenn die DB InfraGO nicht schnell Lösungen schafft, wird diese Situation für Eisenbahnverkehrsunternehmen wirtschaftlich existenzbedrohend. Unternehmen sehen sich an der Grenze ihrer Belastbarkeit. Es drohen Insolvenzen.“
Ein Grund für die verschärfte Situation sind laut Die Güterbahnen auch Gleissperrungen vom 23. bis zum 25. Mai wegen Gleisarbeiten der Hamburg Port Authority im Hamburger Hafen. Es mache „fassungslos, dass das Netz der DB InfraGO aktuell offenbar darauf angewiesen ist, dass der Hamburger Hafen seinen Betrieb zeitweise einschränkt, um überhaupt wieder Stabilität zu erreichen“, sagte Wesseln. „Das ist ein Offenbarungseid für das Krisen- und Baustellenmanagement der Infrastruktur.“
Der Verband fordert zu einer Entspannung der Situation unter anderem die „sofortige Stabilisierung des Nordkorridors, transparente und belastbare Kommunikation gegenüber den Eisenbahnverkehrsunternehmen, überarbeitete Baustellen- und Umleitungskonzepte, das kurzfristige Aussetzen nicht dringend notwendiger Baumaßnahmen und die politische und regulatorische Aufarbeitung der aktuellen Vorgänge“.
Olaf Preuß ist Wirtschaftsreporter von WELT und WELT AM SONNTAG für Hamburg und Norddeutschland. Er berichtet seit vielen Jahren unter anderem über den Zustand der Verkehrs-Infrastruktur.
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