Die vergangene Woche war heftig. Der Donnerstag wurde mit einem Tagesminus von 4,24 Prozent zum schwärzesten Handelstag seit fast vier Jahren. Doch eigentlich hatte sich nur fortgesetzt, was bereits seit fünf Monaten stattfindet: An Russlands Börse herrscht Ausverkauf in einem selten gesehenen Ausmaß. Und er ging am Montag zunächst weiter, bis sich eine Stabilisierung auf niedrigerem Niveau andeutete. Zum ersten Mal fiel der Leitindex iMOEX, der vor einem Jahr noch bei über 2800 Punkten gestanden hatte, am Montagvormittag auf unter 1900 Punkte.

Was ist der Grund für diesen übermäßigen Pessimismus? Experten in Moskau weisen darauf hin, dass gerade in den vergangenen Tagen der Dividendenabschlag einiger Börsenschwergewichte den Index weiter nach unten gezogen hat. Zu ihnen zählen etwa die landesweit größten Banken, Sberbank und VTB, die gemeinsam fast 20 Prozent der Marktkapitalisierung im iMOEX ausmachen.

Und dennoch haben die Dividendenabschläge lediglich den Abwärtstrend, der seit fast fünf Monaten besteht, verstärkt. Beschleunigt hat sich dieser Trend seit Sommerbeginn. So gab die Börse im Juni um über acht Prozent nach, im Juli bislang um über 15 Prozent.

Bis zu 40 Prozent der Raffinerien könnten beschädigt sein

Es ist nicht nur ein Negativfaktor, der auf dem Markt lastet, es ist die Anhäufung einer ganzen Reihe von Problemen, die teilweise chronisch geworden sind, und neuen Risiken. Michail Selzer, Analyst der russischen Investitionsbank BKS, hebt in einem Bericht fünf Hauptpunkte hervor, wie das russische Wirtschaftsmedium RBK berichtet: Zum einen drücke der Stillstand in den Verhandlungen zum Ukraine-Krieg den Markt. Wie sehr der Markt auf Bewegung in diesem Punkt hofft, hat sich seit dem Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump wiederholt gezeigt. Seit Trump jedoch durch den Iran-Krieg abgelenkt ist, fehlt dieser Treiber auch auf dem russischen Kapitalmarkt.

Zum anderen verweist Selzer auf diverse Eskalationen in der angespannten politischen Situation. Die Moskauer Börse preise den verstärkten Sanktionsdruck ein, der nicht nur von den Europäern, sondern auch von den USA ausgehe.

Auch die Treibstoffkrise, verursacht durch ukrainische Drohnenangriffe auf russische Erdölanlagen, bleibt an der Börse längst nicht mehr unbemerkt. Schätzungen gehen in die Richtung, dass bereits 40 Prozent der Raffinerien beschädigt sind. Nicht zufällig hat Russland den Export von Diesel verboten. Treibstoffmangel, Rationierungen bei der Ausgabe und entsprechende Preissteigerungen konnten so freilich nur gelindert, aber nicht behoben werden.

Gazprom-Aktie fällt auf historischen Tiefststand

Als Folge dieser Situation – laut Selzer der fünfte Hauptgrund für die Talfahrt der Börsen – wird die Inflation abermals angetrieben, was die Zentralbank auf ihrer nächsten Zinssitzung diese Woche vor eine extrem schwierige Aufgabe stellt. Eben erst hatte sie die russischen Wirtschaftstreibenden und auch die Börse geschockt, weil sie die Zinsen nicht wie erwartet um 0,5 Prozentpunkte, sondern lediglich um 0,25 Prozentpunkte gesenkt hatte. Damit bleibt der Leitzins auf hohen 14,25 Prozent, was Investitionen erschwert und Unternehmer sowie Konsumenten im Schuldendienst ersticken lässt.

Kremlchef Wladimir Putin hat – für ihn untypisch – nun schon zum zweiten Mal eine Lockerung der Geldpolitik gefordert. Dem zu widerstehen wird für Zentralbank-Chefin Elvira Nabiullina, eine erbitterte Kämpferin gegen die Inflation, immer schwieriger, zumal sie mit ihrer straffen Geldpolitik ohnehin längst als Sündenbock für die schwächelnde, ja stagnierende Wirtschaft gilt. Und dennoch könnte sie diese Woche den Markt abermals mit einer Beibehaltung der straffen Geldpolitik schocken.

Ins Auge springt, dass die Aktien einer ganzen Reihe russischer Großkonzerne vergangene Woche einen historischen Tiefststand verzeichnet haben. Dazu zählen die zweitgrößte Bank VTB, der Telekommunikationskonzern Rostelekom, der Diamantenkonzern Alrosa, die Aluminium- und Stromholding En+ sowie der weltgrößte Gaskonzern Gazprom.

Die Aktie von Gazprom etwa fiel am Donnerstag um fünf Prozent auf unter 84 Rubel – was den Tiefststand seit Handelsbeginn 2006 markiert. Ausgelöst wurde dies nicht nur durch die allgemeine Situation, sondern auch durch Nachrichten über mögliche US-Strafzölle für Importeure russischen Gases. Dazu kommt, dass durch den Bau der zweiten Gaspipeline nach China, genannt Power of Siberia 2, aufgrund der hohen Investitionen auch künftig – wie schon seit ein paar Jahren – keine Dividendenzahlungen mehr möglich sind. Zuletzt gab es Hinweise darauf, dass China beim Bau der Pipeline darauf bestehe, das Gas zu billigen innerrussischen Tarifen zu beziehen. Gazprom ist China fast vollständig ausgeliefert, nachdem Europa kaum noch Gas vom russischen Konzern bezieht.

Die russische Börse sei längst überverkauft, wiederholen Analysten seit Wochen. Allein die abermals hohen Ölpreise infolge des Iran-Krieges müssten alsbald für eine Gegenbewegung sorgen. Am Montag zeichnete sich eine solche dann in der Tat auch ab. Die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtete, dass in der EU über eine Lockerung oder einen Aufschub des Sanktionspakets bezüglich Flüssiggasimporten aus Russland nachgedacht werde. Experten weisen seit Längerem darauf hin, dass Lieferengpässe aufgrund des Iran-Krieges und ein gleichzeitiger Verzicht auf russisches Flüssiggas zu Preisexplosionen am Markt führen und vor allem Europa treffen dürften. Die Börse in Moskau drehte am Montagnachmittag denn auch ins Plus. Von einer Trendwende zu sprechen, wäre allerdings zu früh.

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.

Eduard Steiner schreibt bei WELT vor allem über die russische Wirtschaft.

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