Schwellenländer scheinen 2026 wieder auf dem Radarschirm der Investoren zu sein. Doch der Eindruck täuscht. Keineswegs alle wachstumsstarken Volkswirtschaften werden von der Börse mit der gleichen Aufmerksamkeit bedacht. Eine ganze Weltregion wird weithin ignoriert – zu Unrecht, denn die Region bietet nicht nur interessante Wachstumsstorys, sondern auch günstige Bewertung und hohe Dividenden. Die Rede ist von Lateinamerika.
Ein einfacher Vergleich macht deutlich, wie wenig Anleger die Region derzeit beachten. Der MSCI Emerging Markets, ein viel beachteter Index der Schwellenländer-Aktien, ist seit Jahresbeginn um rund ein Fünftel gestiegen, der MSCI Emerging Markets Latin America hinkt mit rund 16 Prozent Plus hinter. „Hintergrund ist die hohe Gewichtung von Unternehmen aus dem Bereich Künstliche Intelligenz im MSCI Emerging Markets die in den vergangenen Monaten von starken Kursgewinnen profitierten“, erklärt Ulrich Stephan, Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank.
Wegen ihrer Chip- und Komponentenhersteller haben vor allem Taiwan und Südkorea (laut MSCI immer noch ein Schwellenland) von globalen Geldflüssen profitiert. Zwischenzeitlich stand der südkoreanische Kospi-Index 123 Prozent höher als zu Jahresanfang – getrieben von einer frenetischen Rallye der Schwergewichte SK Hynix und Samsung Electronics. Lateinamerikanische Aktien sind
Solche Tech-Giganten haben die lateinamerikanischen Volkswirtschaften nicht zu bieten. Sie verfügen aber über andere Stärken, die sich in dieser Zeit durchaus ausspielen können. Dafür produzieren einige Länder andere Güter, die derzeit teuer und gefragt sind: Öl, Erze und andere Rohstoffe.
„Lateinamerika verfügt über einige der weltweit größten Vorkommen an Kupfer, Lithium, Gold und Öl“, sagt Karin Kunrath, Chief Investment Officer bei Raiffeisen Capital Management in Wien. Die Umstellung auf Elektromobilität und Erneuerbare Energien, aber auch der Aufbau riesiger Rechenzentren für Künstliche Intelligenz (KI) haben beispielsweise den Preis für Kupfer nach oben getrieben, das wichtiger Stromleiter nachgefragt wird.
Notierungen auf oder nahe Rekordhoch würden dazu führen, dass die Gewinn-Erwarungen der Unternehmen in der ganzen Region nach oben gehen, sagt Karin Kunrath. Das gelte insbesondere für Chile und Peru, aber auch für Brasilien, die größte Volkswirtschaft Südamerikas. Während Industrieländer darunter leiden, dass sich Öl und Gas wegen des Iran-Konflikts verteuern, sei das bei den Latino-Volkswirtschaften nicht der Fall. „Das Rohstoffengagement der Region wirkt als natürliche Absicherung in einem Umfeld erhöhter geopolitischer Risiken und Schwankungen bei den Energiepreisen“, sagt die Strategin.
Dass die Kurszuwächse an den Börsen der Region teils sogar hinter der Gewinndynamik zurückgeblieben sind, bedeutet, dass viele Aktien weiter günstig bewertet sind. Gemessen am MSCI EM LatAm liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis sogar elf Prozent unter dem Zehn-Jahres-Durchschnitt, habt Deutschbanker Stephan hervor.
Beispiel Brasilien. Petroleo Brasileiro, kurz Petrobras: Der teilstaatliche Energieriese des Landes hat sich seit Anfang des Jahres an der Börse auf Eurobasis um 58 Prozent verteuert, dennoch wird das Unternehmen weiter für weniger als das Vierfache seiner Jahresgewinne gehandelt. Damit gehört Petrobras zu den billigsten Aktien der Welt, und das bei einer Marktkapitalisierung von mehr als 100 Milliarden Euro. Zusätzlich zu den Kursgewinnen dürfen sich Aktionäre auf eine Dividendenrendite von sechs Prozent freuen.
Eine noch bessere Kursentwicklung als Petrobras der größte Konzern Kolumbiens, das Energie-Gigant Ecopetrol. Das Unternehmen, das sich zu fast neun Zehntel im Besitz des kolumbianischen Staats befindet, hat seinen Anteilseignern dieses Jahr ein Plus von 75 Prozent gebracht, das Ganze bei einer Ausschüttung von vier Prozent gemessen am aktuellen Aktienkurs. Ecopetrol gilt unter Investoren vielfach als Geheimtipp, wegen der geringen Menge der frei verfügbaren Aktien ist der Konzern nicht so stark in Indices gewichtet und wird auch von Analysten wenig beachtet. Mit steigenden Ölpreisen geht aber auch die Profitabilität des Staatskonzerns nach oben, wovon Anteilseigner in Form von Dividenden oder Kurssteigerungen profitieren können.
Auch Mexiko kann beim Thema Profiteur des Rohstoffbooms mithalten. Das größte Börsenunternehmen des Landes heißt Grupo México. Auf den ersten Blick scheint das Konglomerat so etwas wie die mexikanische Antwort auf die Bergbauriesen BHP oder Rio Tinto zu sein – allerdings gibt es eine Besonderheit: Neben Erzminen besitzt der Konzern auch ein großes Eisenbahn- und Infrastrukturgeschäft. Das macht die Aktie robuster als viele reine Rohstoffwetten.
Grupo México zählt zu den größten Kupferproduzenten der Welt. Das rote Metall wird für Stromnetze, Rechenzentren, Elektroautos und praktisch jede KI-Infrastruktur benötigt. Damit profitiert der Konzern vom globalen Megatrend Elektrifizierung. Für 2026 trauen die Analysten dem Konzern deutliche Gewinnsteigerungen. Die traditionell starken Cashflows aus dem Bergbau werden nicht nur für Investitionen genutzt, Grupo México schüttet knapp drei Prozent aus.
Doch Rohstoffe sind nicht das einzige Investmentthema. Deutschbanker Stephan lobt die starke Entwicklung brasilianischer Finanzwerte, die mehr als ein Viertel des Lateinamerika-Index ausmachen. Er verweist auf die jüngsten brasilianischen Inflationsdaten, die auf ein stabileres Umfeld für Banken hindeuten. „Die Teuerungsrate ist niedriger ausgefallen als vom Markt erwartet und stärkt damit die Aussicht auf weitere Zinssenkungen“, sagt der Marktstratege. Niedrigere Zinsen könnten wiederum über eine höhere Kreditvergabe insbesondere den Finanzsektor stützen.
Im MSCI Emerging Markets Latin America sind gleich zwei Finanzwerte stark gewichtet, die eher traditionelle Bank Itaú Unibanco und Nu Holdings, die als Fintech angefangen haben, inzwischen aber zu einer beachtlichen Größe herangewachsen sind und auch in anderen Ländern der Region expandieren.
Viel hängt damit zusammen, dass die Finanzierungsbedingungen stabil bleiben. Die Geschichte des südlichen Kontinents lehrt nämlich, wie schnell Optimismus in Enttäuschung umschlagen kann. „Lateinamerika ist keineswegs risikolos“, warnt Edwin Gutierrez von Aberdeen Investments. In Brasilien stünden Wahlen an. Und in Kolumbien sei der Markt inzwischen sehr zuversichtlich, was die Konsolidierung der Staatsfinanzen angehe. Diese Erwartungen solle man nach seiner Ansicht kritisch hinterfragen.
Auch die Währungen der Länder südlich des Rio Grande waren in der Vergangenheit stets ein Risikofaktor, viel hängt davon ab, welche Richtung die amerikanische Federal Reserve mit ihrer Geldpolitik einschlägt. Denn die beeinflusst die Devisenmärkte ganz unmittelbar. Vandana Bhatter von der Citigroup wird von der Finanznachrichtenagentur Bloomberg wie folgt zitiert: „Wenn die US-Notenbank ihre Zinsen unverändert lässt, können Anlagen in Schwellenländern weiterhin gut laufen – besonders in Währungen mit hohen Zinserträgen, solider Wirtschaftsentwicklung und stabilem politischem Umfeld wie in Kolumbien“.
Stabile Währungen und Finanzmärkte sind denn auch die Voraussetzung dafür, dass Anleger ihren Nutzen aus den günstigsten Aktien der Welt ziehen. Wer sich nicht auf Einzeltitel-Risiken einlassen möchte, hat die Auswahl zwischen einer Handvoll von Lateinamerika-ETFs, in denen brasilianische und mexikanische Papiere das Schwergewicht bilden. Angebot auf Lateinamerika klein. Die Kosten liegen meist zwischen 0,20 und 0,40 Prozent pro Jahr.
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