Pfleger – klar. Gastronomie – auch klar. Aber Steuerberater? Auch sie führt das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) unter den zehn Jobs mit dem größten Fachkräftemangel auf. Ungefähr 14.000 Experten fehlten den Ökonomen zufolge im vergangenen Jahr. Die Branche selbst schätzt den Mangel sogar auf 25.000.
Es ist kein Wunder. Denn das komplexe Steuersystem bewegt immer mehr Menschen in Deutschland dazu, die Berater in Anspruch zu nehmen. Von den etwa 15 Millionen Einkommenssteuerpflichtigen in Deutschland hätten laut dem Digitalverband Bitkom im Jahr 2024 schon 17 Prozent auf einen Steuerberater zurückgegriffen. Fast ein Viertel mehr als noch im Jahr 2023.
„Viele Kanzleien hatten in den vergangenen Jahren einen unfassbaren Arbeitsdruck“, sagt Torsten Lüth vom Deutschen Steuerberaterverband (DStV). Auch aktuell dürfte das Aufkommen wieder hoch sein: Zum 31. Juli endet die Frist für die Einkommenssteuererklärung. Wer einen Steuerberater nimmt, hat ein halbes Jahr länger Zeit.
Steuerberater verdienen im Schnitt 73.500 Euro
Was nach Krise klingt, hat dabei allerdings auch eine positive Seite. Das System macht den Steuerberater-Job seit Jahren immer attraktiver. Der Beruf biete aktuell „hervorragende Perspektiven“, so Lüth. Experten vom Münchener Ifo-Institut geben ihm recht: „Steuerberater spüren die schwache Konjunktur im Moment kaum“, heißt es dort in einem Bericht. Gerade mit Sicherheit können Firmen anderen Umfragen zufolge heute bei jüngeren Bewerbern punkten.
Und das Gehalt ist ebenfalls gut: Wer länger als drei Jahre als Steuerberater arbeitet, verdient laut dem Job-Vergleichsportal Kununu im Schnitt 73.500 Euro pro Jahr. Das Einstiegsgehalt beträgt ungefähr 63.700 Euro – ebenfalls deutlich mehr als in vielen anderen Berufen. KI-Gefahr? Laut DStV-Mann Lüth gering: „Es geht längst nicht nur um Steuererklärungen“, sagt er. Auch die Beratung von Firmen, etwa bei der Unternehmensnachfolge, Finanzierungen oder Investitionen, werde immer wichtiger.
„Der Weg in den Beruf ist vielfältiger als viele denken“, sagt Lüth. „Steuerberater wird man nicht nur über ein Studium. Auch Steuerfachangestellte können mit entsprechender Berufspraxis die Steuerberaterprüfung ablegen.“ Diese Fachangestellten gehören auch zu der Berufsgruppe, verdienen aber wegen ihrer geringeren Qualifikation mit Gehältern um 41.000 Euro pro Jahr laut Kununu deutlich weniger als ihre Berater-Kollegen.
Die Gehälter basieren allerdings vor allem auf den Angaben von Angestellten, auf die das Portal spezialisiert ist. Laut Bundessteuerberaterkammer sind mit rund 59.000 aber fast 66 Prozent der Steuerberater selbstständig, etwa mit einer eigenen Kanzlei. Lüth: „Der Beruf eröffnet viele Wege: von der angestellten Tätigkeit in einer Kanzlei bis zur Selbstständigkeit.“ Zwar gibt es eine spezielle Steuerberater-Vergütungsordnung, wer aber eine eigene Kanzlei eröffnet, kann einige Honorare trotzdem frei verhandeln. Selbstständige Steuerberater haben deshalb oft höhere Verdienstmöglichkeiten als angestellte.
Die Kosten für eine Beratung sind über diese Vergütungsordnung zwar festgeschrieben, sie hängen dieser Regel zufolge aber vom Einkommen der Kunden ab. Auch deshalb variiert die Steuerberater-Dichte dem Online-Portal Accountable zufolge bundesweit stark. In Hochverdiener-Regionen wie Düsseldorf gibt es 45 Steuerberater pro 10.000 Einwohner. In Salzgitter sind es gerade einmal zwei pro 10.000 Einwohner.
Das dürfte zwar auch am allgemeinen Interesse liegen, Online-Rechner verdeutlichen gleichzeitig, wie viel höher die Steuerberater-Kosten für aufwendigere Erklärungen sind. Wer zum Beispiel ein mittleres Gehalt von 54.000 Euro verdient und nur die Einkommenssteuererklärung abgeben muss, sollte mit Kosten von mindestens 600 Euro für die Dienstleistung rechnen. Freiberufler oder Unternehmen, die eine Umsatzsteuer-Jahreserklärung bearbeiten lassen und 200.000 Euro verdienen, zahlen für die Beratung mehr als 1200 Euro.
Schon lange kritisieren Wirtschaftsexperten die Entwicklung des Steuersystems in Deutschland. Das Ifo-Institut äußert sich auf Anfrage nur vorsichtig zum Thema: Zunehmende Regulierungen betrachte man im Haus insgesamt als Kostentreiber für die Wirtschaft.
Abbau der Steuerbürokratie funktioniert kaum
Auch das IW sieht immer weiter steigende Steuerbelastungen kritisch. Schon jetzt machen die Bearbeitung von Steuerangelegenheiten in vielen Firmen 45 Prozent der gesamten Bürokratiekosten aus. So verlange das Umsatzsteuerrecht, Dokumente über viele Jahre aufzuheben. Das IW kritisiert zudem die EU, die sich „immer neue Vorschriften erdenke“. Der Bund der Steuerzahler rät gegenüber WELT allgemein zu Vereinfachungen. „Ziel muss sein, die Abgabe von Erklärungen für Bürger zu erleichtern“, heißt es von dort. Die „alltäglichen bürokratischen Hemmnisse für Firmen“ sollten ebenfalls „reduziert werden“.
Eine Veränderung ist laut Experten aber vorerst nicht in Sicht. Man gehe vielmehr davon aus, dass einfache Fälle von Rentnern oder Angestellten ohne Nebeneinkommen in Zukunft automatisiert werden könnten. Die fachlichen Anforderungen blieben aber weiterhin hoch, sagt Steuerberater-Experte Lüth. Man sucht also weiter nach neuem Personal. „Das Steuerrecht“, sagt Lüth, „wird anspruchsvoll bleiben.“
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und Business Insider erstellt.
Felix Seifert ist Redakteur im Ressort Wirtschaft und Innovation. Er schreibt unter anderem über die Themen Karriere, Verbraucher, den Standort Deutschland und Immobilien.
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