Vor neun Monaten ist Christina Ellringmann an die Spitze von Bain für Deutschland und Österreich gerückt – als erste Frau in dieser Rolle. Ihr aktueller Fokus ist die Künstliche Intelligenz (KI). Sie berichtet, wie sich Unternehmen in Deutschland verändern müssen, um die Transformation zu überstehen. Ellringmann ist keine Frau der spitzen Thesen. Sie wägt ihre Worte, als wolle sie niemanden verprellen. Frauenförderung stehe bei ihr nicht oben auf der Agenda. Sie spüre Verantwortung für jeden Mitarbeiter, sagt sie diplomatisch. Ihr Frausein will die Beraterin jedenfalls nicht in den Mittelpunkt rücken.
WELT AM SONNTAG: Wozu eigentlich brauchen Unternehmen künftig noch Berater, wenn die KI recherchieren, Daten analysieren und schicke Präsentationen generieren kann?
Christina Ellringmann: KI verändert zwar unsere Arbeit, aber nicht das, was Beratung ausmacht: aus Wissen eine Empfehlung abzuleiten. Dafür braucht es Urteilsfähigkeit. Und es braucht das Vertrauen der Kunden. Wir helfen auch dabei, die Empfehlungen umzusetzen. Allein fällt das vielen Unternehmen schwer.
WAMS: Die Lufthansa will im Rahmen ihres Sparkurses auf Berater verzichten. Fürchten Sie nicht, dass Kunden sagen: Das machen wir mit KI jetzt selbst?
Ellringmann: Das sehen wir nicht. Wir sind im ersten Halbjahr wieder zweistellig gewachsen. Unternehmen suchen Beratung zu Wettbewerbsvorteilen durch KI. In über der Hälfte unserer Projekte spielen KI und Technologie heute eine große Rolle. Da geht es zum Beispiel darum, wie der Einkauf mit KI für die Zukunft aufgestellt werden kann.
WAMS: Ihr Konkurrent BCG spricht von der größten Transformation der Unternehmensgeschichte. Muss Bain sich auch neu erfinden?
Ellringmann: Es ist eine kontinuierliche Weiterentwicklung. Neu erfinden müssen wir uns nicht. Wir waren schon sehr früh mit KI unterwegs. Wir waren die ersten, die eine Partnerschaft mit OpenAI hatten, schon vor dem großen Hype, ohne dass es publikumswirksam war.
WAMS: Wegfallen dürften zumindest die klassischen Aufgaben für Junior-Berater. Wer malt künftig schon noch Powerpoint-Folien?
Ellringmann: Das haben die Juniors bei uns auch in den vergangenen Jahren schon nicht mehr gemacht. Unsere Berater arbeiten sofort auf Projekten mit und übernehmen Verantwortung im Kundenkontakt. KI-Tools unterstützen sie bei analytischen Aufgaben. Gemeinsam mit dem Kunden erarbeiten sie dann die nächsten Schritte. Wir haben heute viel mehr Daten als früher, müssen aber auch prüfen: Welche Daten sind belastbar? Wie stellen wir etwa sicher, dass bei einer Kundenbefragung nicht die Hälfte der Antworten von Bots stammt? Das gab es so früher nicht.
WAMS: Die Zahl der Ausschreibungen für Nachwuchsberater ging auf Stellenportalen zuletzt deutlich zurück …
Ellringmann: Nicht bei uns. Wir wollen 2026 in der DACH-Region sogar 25 Prozent mehr Berater einstellen als im Vorjahr, insgesamt deutlich dreistellig. Wir brauchen weiterhin Talente, die neugierig sind, Urteilsfähigkeit mitbringen und Kunden zusammenhalten können. Wir haben in unseren Teams immer beide Seiten: die Beratungsseite und die technologische Expertise. Affinität für Technologie mit Kenntnissen in Python-Programmierung oder Vibe-Coding bringen heute übrigens auch viele BWLer oder Geisteswissenschaftler mit.
WAMS: Auch Python kann inzwischen die KI.
Ellringmann: Ja, aber dann braucht es wieder Qualitätskontrollen. Bei KI-Projekten ist die Modellentwicklung oft der kleinste Teil. Viel wichtiger ist es, Arbeitsabläufe genau zu verstehen. Wie muss das Modell aussehen? Welche Daten braucht es? Das Thema Datenqualität ist eine Riesenherausforderung in Unternehmen.
WAMS: Wie sollen Unternehmen, die schon bei solchen Grundlagen der Digitalisierung schwächeln, jetzt den Sprung in die KI schaffen?
Ellringmann: Wenn Unternehmen mutig und gezielt investieren, bin ich nicht bange. Ich habe vor Jahren mit einem Kunden gearbeitet, der keinen einzigen Data Scientist hatte und eine schlechte Datenlage. Heute ist das Unternehmen führend, weil das Management den Mut hatte, das konsequent anzugehen.
WAMS: Viele Unternehmen investieren in KI, ohne dass die Produktivität steigt. Auch gesamtwirtschaftlich sehen wir da eine Lücke. Wie kommt das?
Ellringmann: Viele Unternehmen sind mit einer Experimentierphase gestartet. Sie probieren an unterschiedlichen Stellen Anwendungsfälle aus. Jetzt geht es darum, KI zu skalieren und umfassend zu integrieren mit messbarer Wirkung auf den wirtschaftlichen Erfolg.
WAMS: Wo wird uns KI zuerst messbar produktiver machen?
Ellringmann: Branchen mit vielen manuellen und datenbasierten Tätigkeiten werden die Vorreiter sein. In einer Versicherung können Sie heute mit dem virtuellen Sachbearbeiter komplette Vorgänge automatisieren, bis hin zu den Bescheiden. Im produzierenden Gewerbe kann die KI große Teile der Qualitätsprüfung übernehmen. Bei einfachen Bankgeschäften sage ich künftig meinem KI-Agenten: Überweise 100 Euro an meine Freundin. Er führt das aus, inklusive aller nötigen Überprüfungen.
WAMS: Die KI überprüft sich selbst?
Ellringmann: Ja, genau. In einem Agentensystem erledigt immer ein Agent eine Aufgabe. Und Sie können einen zweiten Agenten danebenstellen, der prüft, ob sie richtig gemacht wurde. Natürlich muss bei Entscheidungen mit großer Tragweite ein Mensch involviert sein. Da geht es um Vertrauen. Und das haben Menschen zu Menschen. Deshalb wird es im Bank- und Versicherungsgeschäft auch künftig individuelle Kundenberater geben.
WAMS: Sie sind die erste Frau an der Spitze von Bain in Deutschland und Österreich. Was wollen Sie bewusst anders machen als Ihr langjähriger Vorgänger Walter Sinn?
Ellringmann: Mir ist wichtig, dass Bain weiterhin mit guter Beratung erfolgreich wächst und wir unseren Kunden langfristige Partner sind. Auch unsere besondere Firmenkultur, die teamorientiert und kollaborativ ist, möchte ich weiter ausbauen.
WAMS: Nach einer Abgrenzung klingt das nicht. Wie wichtig sind weibliche Vorbilder für Sie?
Ellringmann: Für mich persönlich hat das Geschlecht bei Vorbildern nie die entscheidende Rolle gespielt. Ich habe immer gern mit Menschen gearbeitet, von denen ich viel lernen konnte. Ob das eine Frau oder ein Mann war, war für mich unerheblich. Aber ich sehe, dass weibliche Vorbilder wichtig sind, um zu zeigen: Karrieren sind in unterschiedlichen Formen möglich, auch als Frau.
WAMS: Empfinden Sie eine besondere Verantwortung gegenüber jüngeren Frauen bei Bain?
Ellringmann: Ich empfinde Verantwortung für jeden Einzelnen bei Bain. Es geht darum, Rahmenbedingungen zu schaffen, damit jeder und jede bestmöglich einen persönlichen Weg gehen kann. Bei Frauen ist es oft wichtig, Freiräume zu schaffen, etwa wegen Mutterschaft.
WAMS: Beratung gilt als Branche mit langen Arbeitszeiten, vielen Reisen und hohem Druck. Ist da Vereinbarkeit mit einer Familie besonders schwer?
Ellringmann: Sie ist eine Herausforderung, aber sie ist möglich. Was in der Regel nicht funktioniert, ist ein starres Modell nach dem Motto: Freitags bin ich nie da. Wenn da einmal ein wichtiger Kundentermin ist, benötigen wir schon Flexibilität. Wir haben auf allen Ebenen Menschen, Männer wie Frauen, die in Teilzeit arbeiten. Manche arbeiten fünf Tage mit reduzierter Stundenanzahl pro Tag, andere halten sich einzelne Tage frei. Im Januar haben wir eine Kollegin zur Partnerin befördert, die im Dezember das vierte Mal Mutter geworden ist. Sie arbeitet als Partnerin in Teilzeit, auch im Kundenprojekt.
WAMS: Derzeit haben Sie unter den Partnern weniger als 30 Prozent Frauen. Haben Sie sich ein Ziel gesetzt, wann es 50 Prozent sein sollen?
Ellringmann: Nein, aber ich bin überzeugt, dass wir uns in Richtung Parität entwickeln, wenn wir weiter Talente fördern. In unseren Bewerberzahlen und in den Teams haben wir schon Genderparität. Und ich freue mich, dass es stärker zur Normalität wird, dass Frauen Verantwortung übernehmen.
Direkt nach ihrem BWL-Studium an der privaten Wirtschaftshochschule WHU bei Koblenz stieg Christina Ellringmann bei der Strategieberatung Bain ein. Sie stieg auf zur Partnerin, und schrieb auf dem Weg noch eine Promotion. Financial Services und Versicherungen waren über Jahre ihr Steckenpferd. Zuletzt kam die Künstliche Intelligenz dazu. Im November 2025 übernahm die heute 49-Jährige als erste Frau die Führung von Bain Deutschland und Österreich von Walter Sinn, der elf Jahre lang an der Spitze der Organisation gestanden hatte.
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und Business Insider erstellt.
Inga Michler ist Wirtschaftsreporterin bei WELT und moderiert Wirtschaftskongresse. Die promovierte Volkswirtin berichtet über ökonomische Transformation, künstliche Intelligenz, Nachhaltigkeit, Familienunternehmen und Leadership.
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