Einen ganzen Tag werden sich Bundeskanzler Friedrich Merz und seine Minister im Oktober Zeit nehmen, um milliardenschwere Investitionen für Deutschland einzuwerben. Zum ersten „Invest in Germany Summit“ am 20. Oktober sind handverlesene Konzernchefs und Investoren nach Berlin eingeladen, inklusive Dinner am Vorabend. In den Sälen der Wirtschaftshochschule ESMT, dem früheren Sitz des Staatsrats der DDR, stehen den Gästen fünf Minister für Gespräche zur Wahl, darunter Finanzminister Lars Klingbeil und Wirtschaftsministerin Katherina Reiche, deren Mitarbeiter den Gipfel vorbereiten.
Noch ist die Veranstaltung nicht ausgebucht, gerade laufe eine zweite Einladungswelle, ist aus der Regierung zu hören. Auf einer internen Präsentation des Wirtschaftsministeriums zum Gipfel prangen immerhin Fotos von Jensen Huang, Chef des Chip-Riesen Nvidia, und Larry Fink, Gründer des weltgrößten Vermögensverwalters Blackrock. „Wir werben nicht abstrakt um Investitionen, sondern schaffen konkrete, investierbare Projekte“, sagte Reiche WELT AM SONNTAG Ende August. Die Konferenz bringe „internationales Kapital mit Vorhaben in Infrastruktur, KI und Deep Tech zusammen. Denn Kapital folgt konkreten Chancen, nicht allgemeinen Appellen.“
Wo aber liegen diese Chancen? Selbst in Reden von Merz und Reiche dominieren meist die Probleme des Landes – überbordende Bürokratie, hohe Steuern und Sozialabgaben, teure Energiepreise. Nach Jahren der wirtschaftlichen Stagnation klingt es oft, als stünde die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt vor dem Bankrott. Doch das ist weit übertrieben. Deutschlands wirtschaftlicher Kern ist nach wie vor intakt. In vielen Bereichen wächst die Industrie wieder, es entstehen Hightech-Start-ups, Mittelständler finden neue Märkte, der Export erholt sich. Selbst der massive Stellenabbau in der Industrie könnte zu einem Wachstumsschub beitragen.
„Die Stimmung ist viel negativer als das echte Bild der deutschen Wirtschaft“, sagt Hanna Hottenrott, Professorin für Innovationsökonomik an der TU München und am Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim (ZEW). „Es ist gut, so einen Gipfel zu veranstalten. Allerdings glaube ich nicht, dass man ausländische Investoren erst begeistern muss für Deutschland. Sie sind längst da, und sie wissen, dass es unter den Unternehmen hier wertvolle Schätze gibt.“
Ein Beleg dafür ist der Staatsbesuch des Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate, Mohammed bin Zayed Al Nahyan, vergangene Woche: 40 Milliarden Euro wollen die Emiratis in Deutschland investieren, Unternehmen in Sektoren wie Rüstung, Energie und Chemie sollen vom Wachstum der Golfstaaten profitieren.
WELT‑Wirtschaftsredakteur Holger Zschäpitz analysiert die aktuelle Krise bei VW, die Handelskonflikte zwischen den USA und Kanada, den Stresstest für Nvidia in der KI-Rallye und die Wachstumsprognose für die deutsche Wirtschaft.Hottenrott leitet ein Forschungsprojekt im Auftrag des Wirtschaftsministeriums, das „Potenziale der deutschen Industrie“ identifizieren soll. Es geht um künftige Wertschöpfung, Resilienz und strategische Vorteile des Standortes. Neben den klassischen Stärken Deutschlands, etwa im Maschinen- und Fahrzeugbau, wo ganze Wertschöpfungsketten im Land vorhanden sind, sieht Hottenrott viele Chancen für die Industrie.
Energietechnologien seien ein Wachstumsfeld, die Verbindung von Industrie und KI, also Technologien an der Schnittstelle zwischen Hard- und Software. Nicht die ganze Wirtschaft muss künftig Hightech-Produkte herstellen: „Man kann KI-Rechenzentren nicht ohne Low- und Mid-Tech betreiben. Es braucht auch Anlagenbau, Komponenten und Konstruktion, und so simple Sachen wie Schrauben und Ventilatoren“, sagt sie.
Die Zukunftsfelder: Von KI bis Klimatech
Wirtschaftsministerin Reiche hat im Bundestag diese Woche ihre Liste vorgetragen: „Wir konzentrieren die Kräfte dort, wo Deutschland Weltklasse ist: in industrieller KI und Robotics, in Mikroelektronik und Biotechnologie, beim autonomen Fahren, bei Dual-Use-Technologie und ja, auch in der Sicherheits- und Verteidigungstechnologie, oder in Kerntechnologien wie der Fusionsforschung“, sagte sie. Für den Investorengipfel sehen ihre Beamten „Sessions“ vor zu industrieller KI, Halbleitern, Energie und Elektrifizierung, Infrastruktur, Finanzierung/Investitionen sowie DeepTech & Space.
Die Autoindustrie, die Deutschlands wirtschaftliches Selbstbild dominiert, kommt in den Aufzählungen selten vor. Angesichts von zehntausendfachen Stellenstreichungen taugt sie kaum als Wachstumsvorbild. Noch 2021 hatten BMW, Mercedes und VW zusammen 50 Milliarden Euro Gewinn gemacht, in diesem Jahr werden es nur noch 17 Milliarden Euro, sagt das Handelsblatt Research Institute voraus. Die anderen Dax-Unternehmen gleichen diesen Absturz aber aus. Für 2026 steuern sie auf 127,7 Milliarden Euro Nettogewinn zu, den höchsten in der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Besonders stark sind Airbus, Bayer, Fresenius, Commerzbank, Allianz und Munich Re.
Von diesen Gewinnen profitiert der Standort allerdings kaum. Denn die Großunternehmen verlagern ihre Geschäfte seit Jahren mehr und mehr ins Ausland. Dort erwirtschaften sie ihre Gewinne, während im Heimatmarkt kaum Wachstum stattfindet. Im Kern der deutschen Wirtschaft, dem Mittelstand, ist das noch anders. Kleinere Unternehmen produzieren im Wesentlichen in Deutschland, investieren hier in Forschung & Entwicklung und trotzen den schwierigen Standortbedingungen.
In Teilen der Wirtschaft herrscht Aufbruchstimmung. Etwa bei den Lieferanten von Industrieprodukten und Software, die für den KI-Boom in den USA gebraucht werden. Oder bei Rüstungsunternehmen, die von den massiven staatlichen Ausgaben profitieren. Die Exporte in andere europäische Länder wachsen seit Monaten, auch die Ausfuhren in die USA erholen sich wieder. Die Zahl der Start-up-Gründungen steuert auf einen Rekord zu.
Darunter sind viele Hochtechnologie-Firmen, etwa Satelliten- oder Drohnenhersteller. Sie finden hier das richtige Personal, das ist eine Stärke Deutschlands. „Wir verfügen über eine exzellente industrielle Kompetenz, über Weltklasse-Forschung, über qualifizierte und motivierte Menschen und über einen leistungsfähigen Mittelstand“, sagt Stefan Wintels, Chef der Staatsbank KfW. Er will als Finanzier Mittelstand und Start-ups miteinander verbinden.
Wie Personalabbau zum Wachstumstreiber werden kann
Auch im Wirtschaftsministerium sieht man dort Ansatzpunkte: Bis 2029 drohen 569.000 Unternehmen ohne Nachfolge für die Inhaber aus dem Markt auszuscheiden. Den Investitionsbedarf schätzt man auf 780 Milliarden Euro bis 2040. Abhilfe soll ein Mittelstandsfonds schaffen, nach dem Vorbild der Small Business Administration in den USA. Diese Agentur unterstützt dort bundesweit Gründer und Mittelständler und vereint Funktionen, die in Deutschland auf KfW, Industrie- und Handelskammern und Mittelstandsbeauftragte verteilt sind.
Sogar Stellenstreichungen könnten für den Standort positive Auswirkungen entfalten. Neben dem Mangel an Arbeitskräften, der sich verschärft, ist nämlich die lahmende Produktivität eines der wesentlichen Probleme der deutschen Wirtschaft. Seit Mitte der 90er-Jahre sinkt der Beitrag dieses Faktors zum Wirtschaftswachstum – während er in den USA kräftig gestiegen ist.
Ökonomen sehen ein „Produktivitätsparadoxon“: In Deutschland würden „die Möglichkeiten der Digitalisierung – inklusive der Anwendung Künstlicher Intelligenz – immer noch zu wenig genutzt, als dass die Produktivität spürbar profitieren könnte“, heißt es in einer KfW-Studie. „Die größten Wachstumseffekte der Digitalisierung dürften somit erst noch kommen.“ Beim Faktor Produktivität sehe man „perspektivisch die größten Chancen, Wachstum und Pro-Kopf-Wachstum anzuschieben“.
Aus dieser Perspektive bedeute der Beschäftigungsabbau keinen Niedergang, sondern den Einzug von Automatisierung, sagt Hottenrott. „In Deutschland ist die Beschäftigung in einigen Bereichen der Industrie nach wie vor auf einem hohen Stand – und einen Großteil der Personen bräuchte man streng genommen nicht für den Output, der produziert wird. Es ist unpopulär, so etwas zu sagen, aber natürlich wird dadurch die Produktivitätsstatistik massiv gedrückt.“ Das trifft auch auf den Staat zu.
Die Hoffnung für den Produktivitätssprung liegt in der Anwendung von KI: Statt von Fax und Excel auf moderne Software zu wechseln, könnten Unternehmen und Verwaltung diesen Schritt überspringen und direkt zu KI-Anwendungen übergehen. Das könnte den Digitalisierungsrückstand im besten Fall wettmachen und zu mehr möglichem Wachstum führen. Aktuell beziffert das Ifo-Institut das Potenzialwachstum in Deutschland auf 0,3 bis 0,4 Prozent pro Jahr. Es ist noch viel Luft nach oben.
Dieser Artikel wurde für WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.
Daniel Zwick ist Wirtschaftsredakteur in Berlin und berichtet für WELT über Wirtschafts- und Energiepolitik, Digitalisierung und Staatsmodernisierung.
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