In vielen Firmen in Deutschland eilen Angestellte beim Thema Künstliche Intelligenz (KI) ihren Arbeitgebern voraus. Das zeigt eine neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), die WELT AM SONNTAG exklusiv vorliegt. Demnach nutzt aktuell schon jeder Dritte beruflich Software, die die eigene Firma zuvor nicht autorisiert hat, sogenannte Schatten‑KI. Die Umfrage umfasst die Selbsteinschätzung von 5000 Beschäftigten. Die Daten stammen aus dem März und April dieses Jahres.
„KI erreicht die Arbeitswelt schneller, als viele Betriebe sie organisieren können“, so die IW‑Experten. Unter allen Teilnehmern gaben demnach 29,1 Prozent an, auch jene „nicht bereitgestellten Tools“ zu verwenden. In kleineren Firmen mit bis zu 49 Beschäftigten sind es mit 33,5 Prozent besonders viele. Zahlen, die auf eine „Bereitstellungslücke hindeuten, die geschlossen werden muss“, wie es in der IW-Einschätzung zu den Ergebnissen heißt. „Der Kompetenzaufbau und das offizielle Tool-Angebot passen nicht zusammen.“
Die Daten zeigen noch eine Entwicklung: Dort, wo es besonders viele KI-Schulungen und eine hohe Ermutigung zum Einsatz der Programme gibt, setzen Mitarbeiter besonders oft auf unautorisierte Software. Unter Beschäftigten, die in ihrer Firma ein „starkes Engagement“ etwa bei Schulungen sahen, gab mit 44,5 Prozent fast jeder Zweite an, firmenfremde Programme zu nutzen.
„Wo Kompetenzen aufgebaut werden, geht dies mit einem Anwendungswillen einher“, so die Analysten. Für die Firmen könne es gefährlich werden, gegenüber frei zugänglichen Angeboten ins Hintertreffen zu geraten. Das schätzt der Digitalverband Bitkom auf Anfrage. Firmen haften in Deutschland dafür, wenn etwa personenbezogene Daten über Mitarbeiter in falsche Hände oder Firmengeheimnisse in die Öffentlichkeit gelangen. Den Unternehmen fehle bei einem hohen Einsatz unautorisierter Software jedoch „jede Kontrolle“ darüber, „was mit den Eingaben geschieht“.
66 Prozent der Firmen geben in Bitkom-Umfragen den Datenschutz als Ursache für die Verzögerung beim Einsatz von KI-Anwendungen an, 56 Prozent nennen rechtliche Verunsicherungen allgemein, 45 Prozent die Sorge um Unternehmensgeheimnisse.
Bei Schatten-KI droht sogar die Kündigung
Auch für Mitarbeiter sind die Programme heikel. Arbeitnehmern drohen bei Fehlverhalten hinsichtlich der Datensicherheit Konsequenzen, sagt der Anwalt und Arbeitsrechtsexperte Arndt Kempgens. „Arbeitsrechtlich muss sich jeder Mitarbeiter im Rahmen seiner Möglichkeiten voll für den Betrieb und sein eigenes Arbeitsergebnis einsetzen“, so Kempgens.
Dazu könne auch die Nutzung von KI-Assistenten gehören. Aber: „Wenn der Chef eine Nutzung verboten hat oder ein bestimmtes Programm genutzt werden soll, müssen sich die Mitarbeiter daran halten. Sonst drohen Abmahnung und Kündigung.“ Wer Fremddaten oder Firmengeheimnisse zur Verarbeitung durch KI hochlade, so Kempgens, riskiere seinen Job.
Wie sollten die Firmen reagieren? Laut Experten sind Restriktionen der falsche Weg. „Ein pauschales Verbot löst das Problem nicht, es macht die Nutzung unsichtbar“, so Bitkom. Das IW hält es für einen „Trugschluss“, zu glauben, KI‑Förderung zu reduzieren könne Schatten-KI verhindern: „Damit würden Unternehmen genau die Nutzungsbereitschaft ausbremsen, von der ihre Produktivität profitieren soll.“
Stattdessen raten die Experten zu mehr KI – und zwar autorisierter. Firmen müssten auch stärker auf Schulungen setzen, in denen Datenschutzvorgaben und Nutzungsregeln kommuniziert werden.
Immerhin: Gibt es formal eingeführte Tools, dann werden sie den Analysten zufolge fast doppelt so häufig regelmäßig genutzt wie Schatten-KI. Zudem gingen sie mit „spürbar höheren wahrgenommenen Produktivitätsgewinnen“ einher.
Dieser Artikel wurde für WELT und „Business Insider Deutschland“ geschrieben.
Felix Seifert ist Redakteur im Ressort Wirtschaft und Innovation. Er schreibt unter anderem über die Themen Karriere, Verbraucher, den Standort Deutschland und den öffentlichen Dienst.
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