Es ist kurz nach 12 Uhr am Donnerstag. Lars Klingbeil (SPD) eilt aus dem Hauptgebäude der Universitätsmedizin Göttingen. Der nächste Termin drängt. Nein, zum Kanzler-Stopp der Zuckersteuer, der seit Kurzem von Nachrichtenagenturen verbreitet wird, könne er noch nichts sagen. „Das muss ich mir erst einmal anschauen“, sagt er und steigt in den Fond seines Dienst-BMW ein.
Klingbeil war diese Woche eigentlich im Land unterwegs, um sich etwas anderes anzuschauen: nämlich was in Deutschland funktioniert. Es ist eine Werbetour in eigener Sache, war es doch maßgeblich die SPD, die auf Milliarden-Schulden zur Sanierung der maroden Infrastruktur und für den Klimaschutz im Land drängte. Seit einem Jahr können die Mittel abgerufen werden, knapp 60 Milliarden sind laut Finanzministerium bereits weg. 500 Milliarden Euro sollen es am Ende sein.
In Göttingen erfährt Klingbeil etwas Ungewohntes: Dankbarkeit
Doch der Finanzminister wird auf seiner mehrtägigen „Zukunftstour“, so die offizielle Bezeichnung, immer wieder mit dem für ihn weniger erfreulichen Heute der Koalition in Berlin konfrontiert. Am Montag und Dienstag, als er einen Kindergarten in Bruchsal, eine Rathaus-Baustelle in Billigheim und den Rohbau der Stadtbibliothek in Mainz besuchte, ist es der Streit um die Pflegereform. Am Donnerstag muss er auf das harsche Veto des Kanzlers gegen seinen Gesetzentwurf zur Zuckersteuer reagieren.
Während Klingbeil auf den Fahrten zwischen den Stationen Krisentelefonate führen muss, erfährt er vor Ort, was ihm vom Koalitionspartner, aber auch von den eigenen Genossen eher selten entgegengebracht wird: Dankbarkeit. Er sei sogar „extrem dankbar“, sagt Wolfgang Brück, der Vorstandssprecher der Universitätsmedizin Göttingen (UMG), einer Kombination aus Klinik und Hochschule.
Brück zeigt Klingbeil an einem Modell in einer Ecke der Bibliothek und erklärt, welche Baufortschritte auf sein Konto gehen: zwei Lehrgebäude und zwei Parkplätze. Rund 600 Millionen Euro wird der Bund dafür aus dem sogenannten Sondervermögen überweisen.
Finanzminister Lars Klingbeil mit dem Vorstand der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) vor dem HauptgebäudeKritische Fragen zur Politik der schwarz-roten Koalition in Berlin muss Klingbeil in Göttingen nicht fürchten. Im Gegenteil: „Wir haben geplant, dass Sie noch 20 Jahre Finanzminister bleiben“, ruft ein Mitarbeiter der UMG dazwischen, offensichtlich euphorisiert durch die bereits zugesagten Summen.
Pläne für weitere Bauabschnitte haben sie hier noch einige in der Schublade. Am Ende überreicht Klingbeil Brück einen gelben Spielzeugbagger. Er habe immer gesagt, die Bagger müssten rollen, erklärt Klingbeil die Wahl seines Gastgeschenks. Als wären 600 Millionen Euro nicht genug Geschenk.
Der Ablauf wiederholt sich an allen Stationen: Klingbeil kommt, Klingbeil hört zu, Klingbeil überreicht den gelben Bagger. Immer zugewandt, immer freundlich.
Probefahrt auf dem Sondervermögen-Unimog
An der Oskar-Schindler-Gesamtschule in Hildesheim, gut eine Stunde von Göttingen entfernt, wollen zwei Schüler-Reporter von ihm wissen, warum er überhaupt hier ist. Er wolle schauen, wo die Gelder, die in Berlin beschlossen wurden, investiert werden, sagt Klingbeil in die Kamera.
Rund 200 neue Tablet-Computer wurden hier für Schüler und Lehrer angeschafft. Die iPads seien offensichtlich „sehr gut angekommen“, sagt er den beiden Schülern noch. Sie hätten ihm während seiner Schulzeit sicherlich auch geholfen.
In der Straßenmeisterei im nahegelegenen Gronau, es ist die achte von insgesamt neun Stationen in dieser Woche, brauchen sie eigentlich keinen kleinen Bagger. Hier haben sie selbst viele Fahrzeuge – große. Seit vier Wochen gehört zum Fuhrpark ein neuer Unimog, Modell 527. Das Ungetüm ist für Mäharbeiten im Sommer genauso geeignet wie für Räumdienste im Winter. Wert: knapp eine halbe Million Euro. Auch das bezahlt mit den Schulden des Bundes. Neben Dankbarkeit gibt es für Klingbeil eine Probefahrt auf dem Hof, als Beifahrer.
Finanzminister Lars Klingbeil fährt in dem mit Bundesmitteln finanzierten Unimog der Straßenmeisterei im niedersächsischen GronauKaum ausgestiegen, holt den Vizekanzler das Zuckersteuer-Veto des Kanzlers wieder ein. Unweit des Unimog bauen zwei Fernsehsender ihre Kameras auf. Sie wurden von Klingbeils Pressesprechern nach Gronau bestellt. „Ich persönlich finde, dass diese Debatten, die in einer Regierung normal sind und die dazugehören, gar nicht so in die Öffentlichkeit gehören“, sagt Klingbeil. Am Ende sei aber entscheidend, dass die gemeinsam getroffenen Beschlüsse umgesetzt würden. „Wir haben verabredet, eine Zuckersteuer einzuführen. Wir werden das auch tun.“ Es nieselt.
Dieser Artikel wurde für WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.
Karsten Seibel ist Wirtschaftsredakteur in Berlin. Er berichtet unter anderem über Haushalts- und Steuerpolitik.
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