Während die EU gegenwärtig über die Aufweichung des Verbrenner-Aus 2035 verhandelt, hat man bei Mercedes-Haustuner AMG längst Fakten geschaffen und ein Stück deutscher Ingenieurskunst zukunftsfest gemacht: den doppelt aufgeladenen 4,0-Liter-V8. In Affalterbach ist man überzeugt, dass der performante Verbrenner auch in einer elektrifizierten Zukunft seinen Platz hat. Immerhin gilt er als Kern der AMG-Markenidentität und wird weiterhin nach dem Prinzip "One man, one engine" von Hand gefertigt. Jüngster Nutznießer ist der Mercedes-AMG GLE 63 S 4Matic+. Wie kaum ein zweiter vereint der Oberklasse-Allradler Luxus und rohe Kraft. Das hat seinen Preis: Rund 167.300 Euro sind für das Power-SUV fällig.

Zweites Facelift

Viel Geld für wenig Neues, könnte man beim Blick aufs Datenblatt meinen. Denn wie bisher leistet der V8-Biturbo 450 kW / 612 PS und stemmt zwischen 2.500 und 4.500 U/min ein maximales Drehmoment von 850 Nm. Überhaupt ist das bereits zweite Facelift für die aktuelle Generation eher ungewöhnlich und dem Bekenntnis zum Verbrenner geschuldet. Doch die Musik spielt im Detail. Der Motor mit dem Kürzel M177 Evo sei laut AMG aufwendig weiterentwickelt worden und für kommende Regularien wie die strenge Euro-7-Norm gerüstet, ganz ohne Leistungseinbußen. Dafür haben die Ingenieure dem Achtzylinder mit viel Fingerspitzengefühl noch mehr Feinsinn abgerungen und versprechen freieres Hochdrehen, agileres Ansprechverhalten sowie eine gleichmäßigere Kraftentfaltung.

Herzstück der Überarbeitung ist die sogenannte Flat-Plane-Kurbelwelle. Ihre Hubzapfen liegen nicht wie beim klassischen V8 um 90 Grad versetzt, sondern in einer Ebene mit 180 Grad – ein Konzept, das man sonst von Supersportwagen wie Ferrari, McLaren oder dem AMG GT Black Series kennt. Im GLE dient sie neben dem besseren Drehvermögen vor allem der Abgasreinigung: Wenn man so will, treffen dadurch die Abgasimpulse gleichmäßiger auf die beiden Turbolader, die Brennräume entleeren sich damit vollständiger. Das sorgt insgesamt für eine sauberere Verbrennung. Weitere Detailänderungen an Nockenwelle, Kanälen, Einspritzung und Turboladern machen in der Summe den Unterschied.


Mercedes-AMG GLE/GLS 63 S 4Matic+ (2026)


Ganz ohne Hybridtechnik kommt auch AMG nicht aus. Unterstützt wird der V8 von einem integrierten Starter-Generator mit 48-Volt-Technik, der kurzzeitig 17 kW / 23 PS sowie 205 Nm beisteuert und damit Drehmomentlücken bei niedrigen Drehzahlen füllt. Das sollte man nicht unterschätzen, denn die gut 2,5 Tonnen wollen erst einmal in Bewegung gesetzt werden. Wie ein Sumo-Ringer beim Tachi-ai schnellt der Koloss aus dem Stand in beeindruckenden 3,9 Sekunden auf Tempo 100. Ein Wert, der gar nicht zu seinen Pfunden passen will.

Klassischer Motorsound für die Insassen

Wer es darauf anlegt, bekommt zur Beschleunigungsarie das gewohnte V8-Bollern geliefert – allerdings nur im Innenraum, wo AMG offenbar den klassischen Sound gezielt nachmodelliert. Von außen klingt der Flat-Plane dagegen heller und drehfreudiger. Über die Klappen der neuen Performance-Abgasanlage variiert das Klangspektrum je nach Fahrprogramm von Comfort bis Sport+, samt Zwischengas und kontrollierten Fehlzündungen. Wer es individuell mag, steuert die Klappen per Taste in der Mittelkonsole auch direkt.

Die Massenbeschleunigung ist wohl erst bei abgeregelten 280 km/h beendet. An dieser Stelle vertrauen wir den AMG-Angaben einfach mal, denn die Testrouten im US-Bundesstaat Colorado haben das legal nicht hergegeben. Und mindestens so wichtig wie der Vortrieb ist bei diesem Gewicht ohnehin die Verzögerung. Die aufpreispflichtige Keramikbremsanlage lässt sich präzise dosieren und bringt den ambitionierten Pfundskerl zuverlässig zum Stehen.

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Damit der Kraftprotz auch in den Kurven der Rocky Mountains Haltung bewahrt, reduziert die serienmäßige aktive Wankstabilisierung mit elektromechanischen Stabilisatoren an beiden Achsen die Seitenneigung. Ein elektronisch geregeltes Hinterachs-Sperrdifferenzial verteilt dann die Kraft zwischen den Hinterrädern. Auch die Antriebswellen vorn und hinten wurden eigens für das hohe Drehmoment des V8 ausgelegt.

Für mehr Komfort: Luftfederung ab Werk

Dass der GLE 63 S kein grobschlächtiges Muskelpaket ist, zeigt der Wechsel in den Comfort-Modus. Die serienmäßige Luftfederung AMG Ride Control+ mit adaptiver Dämpfung passt sich laufend der Fahrsituation an und macht aus dem Sprinter einen gelassenen Langstreckengleiter. In Sport und Sport+ senkt sich die Karosserie um einen Zentimeter, im Comfort-Modus ab 120 km/h ebenfalls – das spart Sprit und senkt den Schwerpunkt. Wer abseits befestigter Wege unterwegs ist, wählt das Programm Trail. Dann hebt sich das SUV um 5,5 Zentimeter, Dämpfung, Wankstabilisierung und Allradantrieb stellen sich auf den Untergrund ein.

Nachgeschärft hat AMG bei der zweiten Überarbeitung auch die Optik. Die komplett neu gestaltete Front trägt einen eigenständigen AMG-Kühlergrill, vergrößerte Lufteinlässe für die Kühlung des V8 und eine exklusive LED-Lichtsignatur. Bis zu 22-Zoll-Felgen und am Heck zwei Doppel-Endrohre sowie eine Schürze in Diffusor-Optik zeigen, was Sache ist. Wem das Steilheck zu brav ist, der bekommt für einen Aufpreis von rund 5.350 Euro den GLE 63 S 4Matic+ auch als Coupé mit flacher abfallender Dachlinie.

Innen setzt sich der Spagat zwischen Sport und Luxus fort. Das AMG-Performance-Lenkrad der neuesten Generation gibt es in Nappaleder, Mikrofaser oder Carbon, über seine Tasten lassen sich die wichtigsten Fahrfunktionen direkt abrufen. Neu ist das hauseigene Betriebssystem MB.OS, auf dem auch die Oberfläche MBUX läuft. Sie zeigt auf jetzt insgesamt drei hochauflösenden Displays auch AMG-spezifische Daten wie Drehmomentverteilung, G-Kräfte und Motorparameter und hält das SUV per Over-the-Air-Update auf dem aktuellen Stand. Wer es noch exklusiver mag, wählt aus dem Manufaktur-Programm Leder in Yachtblau, Tartufobraun oder Karminrot, kombiniert mit Carbon-Zierteilen und einem Dachhimmel in Mikrofaser.

Bleibt die Frage, wie lange es solche Autos noch geben wird. Die Antwort fällt zum Teil in Brüssel. Mercedes-AMG hat seine Hausaufgaben jedenfalls gemacht: Der GLE 63 S ist sauberer geworden, ohne leiser oder langsamer zu werden. Für einen Abgesang auf den Achtzylinder ist es also zu früh.

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