Jaroslav Rudiš kommt aus Mainz. „Schon mal +20 Min in Frankfurt“, lässt er um 9:37 Uhr per SMS wissen: Doch sein Zug hat aufgeholt. Um 12:32 Uhr trifft er ein, nur zehn Minuten später als vorgesehen. Wir sind im Leipziger Hauptbahnhof verabredet, der schönsten Eisenbahnkathedrale Europas.
Rudiš erkennt man an seiner Hornbrille, der schwarzen Lederjacke und dem silbernen Trolley. Vertraut ist dieser Look durch die sozialen Netzwerke, wo der tschechische Autor, der seit vielen Jahren in Berlin lebt, seine Fangemeinde unter dem Hashtag #bahnzeit auf dem Laufenden hält. Sein T-Shirt ist mit einer Bahnhofsuhr bedruckt, das Modell der Österreichischen Bundesbahnen, wo das Wort „Bahnzeit“ tatsächlich im Zifferblatt steht. Für Rudiš kein Unwort, das ihn an Verspätungen oder sonstige Störungen im Betriebsablauf erinnert. Sondern die Chiffre eines Lebensgefühls.
Wir wollen weiter nach Chemnitz, wo Rudiš heute Abend auftritt. Doch zuerst nehmen wir noch einen Imbiss, Rudiš schwört auf eine Metzgerei, in der es eine super Soljanka gibt. „Eine kulinarische Oase der Ex-DDR. Da hinten speist die Schaffnerin aus meinem ICE.“
In Zeiten, in denen das Reisen auf der Schiene in Verruf geraten ist (in Deutschland), steht Jaroslav Rudiš für eine ganzheitliche Wahrnehmung der Bahn. Transnational und historisch informiert – was nicht mit Nostalgie oder Eisenbahnromantik zu verwechseln ist. Der Erfolg von Rudiš’ Büchern, die inzwischen in diversen Sprachen erscheinen, zeigt: Es gibt eine große Sehnsucht nach einer heilen Bahn und ihren tradierten Leistungen. Bis heute sei das Schienennetz Mitteleuropas nur mit der Habsburgermonarchie zu verstehen, sagt Rudiš, der gern mit dem alten „Baedeker Österreich-Ungarn“ von 1913 verreist. „Es sind die Bahnstrecken, die unser Europa zusammenhalten.“
Am Zug nach Chemnitz zeigt sich, dass man bereits zehn Minuten vor Abfahrt um die letzten Sitzplätze bangen muss, denn die zwei mickrigen Garnituren der Mitteldeutschen Regiobahn, die auf dieser wichtigen Pendlerstrecke und Touristenhauptachse zur diesjährigen Europäischen Kulturhauptstadt zum Einsatz kommen, gehen leider völlig am Bedarf vorbei und sind eine Blamage für den Freistaat Sachsen.
Rudiš beobachtet, was das Personal alles kompensiert, wenn das System nicht stimmt. Der arme Lokführer muss an jeder Station aus seiner Fahrerkabine, weil kein Schaffner an Bord ist und die Leute in den überfüllten Waggons in den Lichtschranken der Türen stehen, was die Weiterfahrt verzögert. Rudiš extemporiert, wie so eine Strecke in der Schweiz betrieben würde. „Es gäbe mindestens halbstündlich einen Zug pro Richtung, ein schneller Intercity würde sich abwechseln mit einer Regionalbahn, die alle Halte bedient.“ Damit so etwas selbst auf eingleisigen Strecken funktioniere, brauche es ein zuverlässiges Gesamtsystem, digitale Zugführung, ständig gewartete Züge, Signale, Weichen. Das setze kontinuierliche Investitionen voraus. Lauter Dinge, die in Deutschland jahrzehntelang vernachlässigt wurden und nun auch nicht binnen weniger Jahre behoben werden können.
Und dann zitiert Rudiš einen Spruch, den er von Bahnleuten in den Nachbarländern inzwischen zuhauf hört: „Die problematischen Züge kommen immer aus Deutschland“. Ein solcher Satz lässt einen nicht nur historisch hellhörig werden (mit Blick auf die Deportationen im Nationalsozialismus; Rudiš thematisiert das in seiner Graphic Novel „Alois Nebel“). Der Satz kündet von der heutigen Praxis der Schweizerischen Bundesbahnen, verspätete Verbindungen aus Deutschland bereits an der Grenze zu „isolieren“, gegebenenfalls zu stoppen, um den eigenen engmaschigen Taktbetrieb nicht zu gefährden.
Seine Lieblingsstrecken in Europa
„Ein Zug in Quarantäne, um die anderen nicht mit seiner Verspätung anzustecken, eigentlich Stoff fürs absurde Theater“, findet Rudiš. Man kann mit ihm herrlich fachsimpeln, über Speisewagen, Basistunnel („Zukunftsprojekte gibt es in Deutschland eher wenig“) oder seine Lieblingsstrecken. Die Semmeringbahn zählt ebenso dazu wie die Route von Dresden nach Prag oder die alte Rheinstrecke von Mainz nach Koblenz.
Besitzt Rudiš eigentlich das, was der Entertainer Harald Schmidt mal die „Schwarze Mamba“ nannte, also eine Bahncard 100? Nein, er fährt mit Bahncard 50, erste Klasse, die ist weniger voll, ideal zum Arbeiten. Rudiš schreibt und liest gern im Zug, selbst Verspätungen und Umwege sind für ihn #bahnzeit. Schriftsteller müsste man sein.
Circa ein Drittel seiner Zeit verbringt Rudiš in Zügen. Neben Recherchereisen und Fahrten zu Auftritten ist das auch Lifestyle. Er pendelt zwischen seinen Wohnorten in Berlin-Kreuzberg und Jičín in Tschechien. Rudiš zählt zu den prominentesten tschechischen Autoren, nicht nur in seiner Heimat, wo er mit dem Karel-Čapek-Preis des tschechischen PEN geehrt wurde, und einer Weizenbiersorte, die sein Konterfei schmückt. Ende August erscheint, direkt auf Deutsch verfasst, seine „Gebrauchsanweisung für Bier“ – ein kluger Schachzug des Piper Verlags, dafür einen Böhmen ins Rennen zu schicken. Rudiš singt auch in einer Band, die Kafkas Romane vertont und deshalb Kafka Band heißt, und am 19. September wird sein Theaterstück „Das letzte Bier“ uraufgeführt, ein Auftragswerk für das Theater Bamberg.
Kaum ausgestiegen in Chemnitz, wird Rudiš im Hauptbahnhof von Fans angesprochen, die extra aus Dresden zur Lesung anreisen. Die Stimmung ist freudig-gespannt wie vor einem Konzert oder Fußballspiel. Auf dem Bahnhofsvorplatz erwartet uns die Fotografin. Mit ihrem Auto stoppen wir kurz am Hotel, wo Rudiš eincheckt, dann geht es – vorbei an prächtigen Fabrikantenvillen und magischen Lost Spaces, das „sächsische Manchester“ ist voll davon – hinaus nach Chemnitz-Hilbersdorf, zum „Schauplatz Eisenbahn“. Der dortige ehemalige Rangierbahnhof, ein riesiges Areal, ist heute Museum. Und Location für die Event-Lesung von Rudiš.
Doch zunächst gibt es eine freundliche Führung übers Gelände durch den Museumsleiter Claudius Noack. Mit leuchtenden Augen bringt Rudiš immer wieder die Perspektive seiner Figur Winterberg ein, aus „Winterbergs letzte Reise“, dem Rudiš-Roman, der eine Bahnfahrt durch die europäische Geschichte schildert und 2019 für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war. Fachbegriffe wie die „Görlitzer Zeit“ – so nannte man die Mitteleuropäische Zeitzone, die 1893 eingeführt wurde, weil die Stadt Görlitz auf dem dafür zentralen 15. Längengrad lag – gehen Rudiš ganz selbstverständlich über die Lippen. „Die Eisenbahnen hatten erheblichen Einfluss auf die Harmonisierung der europäischen Uhren.“
Vorbei an Lokomotiven namens Ludmilla (DR Baureihe 130) und Taigatrommel (DR Baureihe V 200) erreichen wir das Areal der beiden Lokschuppen. Die Diesel- und Dampflokomotiven stehen hier im musealen Halbkreis, aufgereiht wie Stars in der Manege, bereit fürs Kommando eines imaginären Dompteurs bei einer Zirkusvorstellung. Und: Es riecht fantastisch nach Schmieröl und Kohle. Steampunk mit olfaktorischer Note. Und Akustik, denn auf der riesigen, schon bestuhlten Eventfläche hat der Ostberliner Musiker Hans Narva, der Rudiš an diesem Abend vom Mischpult aus begleiten wird, bereits mit dem Soundcheck begonnen. „Ick hab wieder neue Bahnen dabei, aus Tansania und Sri Lanka“, erzählt Narva, der den Anspruch hat, seine Geräusche nicht aus irgendwelchen Soundbibliotheken im Netz, sondern authentisch eingesammelt zu haben. Heute Abend lässt er es rattern und klackern, fauchen und pfeifen, er bietet die perfekte Tonspur zur Location, die sich zum Event um 18 Uhr mit rund 200 Menschen aus dem ganzen Umland füllt.
„Nur ein normaler Eisenbahnmensch“
Viele bitten Rudiš schon vor der Lesung, für ein Selfie zu posieren. Das müssen diese vielen Eisenbahnmenschen sein, denen Rudiš in seinem Buch „Gebrauchsanweisung fürs Zugreisen“ und seiner Lesung liebevoll huldigt. Die Spezies ist hoch ausdifferenziert. Da gibt es „Tunnelmenschen“, die alles über Tunnel wissen. Oder „Brückenmenschen, die sich nur für die Brücken interessieren. Und auch viele Bahndammmenschen, Oberleitungsmenschen, Signalmenschen, Stellwerkmenschen, Schienenmenschen, Schwellenmenschen, Schottermenschen, Bahnhofsuhrenmenschen, Weichenmenschen oder Schrankenmenschen, die unterscheiden können zwischen allen Bahnübergängen in Europa und die Andreaskreuze anbeten, die die Bahnübergänge schmücken.“ Das Publikum lacht herzlich, als Rudiš bekennt: „Komisch, dass ich keine Bahnspezialisierung habe, dass ich nur ein normaler, langweiliger, durchschnittlicher Eisenbahnmensch bin.“
Als während der Lesung in der Lok-Manege draußen ein Unwetter vorbeizieht mit Starkregen und Verdunkelung, bekommt der Abend etwas Magisches. „Ich habe viel zu selten an solchen Orten gelesen“, sagt Rudiš später, als er noch eine Stunde signiert. Wer ihn im Gespräch mit seinen vielen Fans erlebt, versteht: Eisenbahn ist so viel mehr als ein dysfunktionaler deutscher Staatskonzern.
Jaroslav Rudiš wurde 1972 in Turnov in der Tschechoslowakei geboren und stammt aus einer Eisenbahnerfamilie: Der Großvater war Weichensteller, der Onkel Fahrdienstleiter, der Cousin Lokführer – das wollte auch Jaroslav Rudiš werden, doch seine Brille war ein k.o.-Kriterium für diesen Beruf. Rudiš studierte Deutsch und Geschichte und wurde Schriftsteller, er erzählt Geschichten aus der Welt der Bahnen, in seiner „Gebrauchsanweisung fürs Zugreisen“ und in Romanen wie „Der Himmel unter Berlin“, „Winterbergs letzte Reise“ oder den Bänden der Graphic Novel „Alois Nebel“ (mit Jaromír 99). Rudiš singt auch (in der „Kafka Band“), schreibt Theaterstücke und lebt – wenn nicht auf Schienen – in der Karl-Kraus-Stadt Jičin und in Berlin-Kreuzberg. Ende August erscheint seine „Gebrauchsanweisung für Bier“.
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