Man stelle sich vor, in Deutschland würden Patrioten den letzten legitimen lebenden Staufer finden, Nachfahre jenes kaiserlichen Geschlechts, das mit der Hinrichtung Konradins, des Enkels Kaiser Friedrichs II., 1268 in Neapel endete. Ungefähr so sagenhaft ist die Geschichte, die László Krasznahorkai in seinem neuen Roman erzählt.

In „Zsömle ist weg“ wird der versteckte Herrscher gefunden: in einem abgelegenen Haus in einem abgelegenen Dorf in einem Teil Ungarns, in dem fast nur Slowaken leben. Deren Interesse an mythischen Herrschern Ungarns hält sich in Grenzen, weshalb das Nest eigentlich ein perfektes Versteck ist für einen 91 Jahre alten Geheimkönig, der mit seinem Leben abgeschlossen hat und im Sparherd schon kein Holz mehr nachlegt. Zumindest tut er so, als wolle er sterben wie sein Hund Zsömle.

Dafür wird der Alte dann aber doch sehr gesprächig, als ihn in seiner Einöde die Abgesandten aufsuchen, die ihn zum König von Ungarn machen wollen. Ihre Organisationen tragen Namen wie Ungarische Garde, Urungarische Schamanenkirche, Weltnationale Volksherrschaftspartei, Vierundsechzig Burgkomitate, Blut und Ehre, Miles Christi, Pfeile der Ungarn und kuruc.info. Wäre die letztgenannte mit ihrer Internet-Endung nicht dabei, könnte man sie für Relikte aus der Endzeit des Habsburgerreichs halten, als nicht nur in Wien der völkisch-esoterische Wahn hundert Blumen blühen ließ (von denen sich dann der junge Hitler etliche Blätter abpflückte), sondern auch in Budapest.

Doch die Nationalrevolutionäre wollen weit hinter die Habsburgerherrschaft über Ungarn zurück. Sie haben József Kada als Abkömmling der Arpaden identifiziert, jener mythischen Dynastie, die Ungarn gründete und es bis 1301 regierte. Sie wünschen, dass er den in einem Antiquitätengeschäft wiedergefundenen Königsthron besteigt. Es bleibt immer ein bisschen in der Schwebe, ob Kada bis zur Ankunft der Delegation überhaupt etwas von seiner hochadeligen Herkunft wusste.

Aber nun, als sie da sind, lässt der als Mythenspinner hochbegabte Greis sich auf ihr Spiel ein und erzählt dem „Professor“ genannten Lehrer, dem Autolackierer, dem Stabsfähnrich im Ruhestand, dem Referenten im Rechnungswesen, dem „Gestütsbesitzer, der sogenannte alte Rassen rette“ und den anderen von seinen hochdiplomatischen Verbindungen zu „Dschimmi Karter“, Dschingis Khan und dem englischen Königshaus. Daraufhin räumen die Monarchisten ihm als Huldigung erst einmal sein verwahrlostes Grundstück auf und lassen dann seinen Schwiegersohn zusammenschlagen, mit dem er in Streit liegt. Mit „Majestät“ lässt er sich trotzdem nicht von ihnen anreden, sie sollen es bei „Onkel Joszi“ belassen.

Die neue Harmonie zwischen Möchtegern-Souverän und Möchtegern-Untertanen bekommt bald Risse. Der erste Jünger wird rasch zum Zweifler und Hasser. Und mit den Verbleibenden ist „Onkel Joszi“ sich uneinig über den Weg zum Thron. Seine Anhänger setzen auf Waffengewalt; er selbst will die Monarchie paradoxerweise mit Hilfe der Parlamentsbürokratie wieder errichten. Eine Illusion im Ungarn des Viktor Orbán, der hier mindestens so schlecht wegkommt wie die Habsburger. Am Ende landet Onkel Joszi mit dem zweiten Hund Zsömle im Irrenhaus.

Dort besuchen ihn nur zwei ganz unterschiedliche Literaten: ein Wandersänger mit dem Namen László Krasznahorkai, der zu seinen ersten und treuesten Anhängern gehört und nun zärtlich Laci genannt wird, und der Bürgermeister seines Heimatdorfes, ein Slowake, der nicht länger auf Facebook verspottet werden will, weil er in seinen im Selbstverlag publizierten Roman so viele Grammatikfehler macht. Er möchte, dass Onkel Joszi die Bücher korrekturliest – vom Irrenhaus aus kann der Alte den Bürgermeister ja nicht verpetzen.

Jeder Zweifel ausgeräumt

Falls es irgendwelche Zweifel gegeben haben sollte, ob László Krasznahorkai wirklich ein nobelpreiswürdiger Weltliterat ist, dürften sie mit diesem neuen Roman endgültig ausgeräumt sein. Onkel Joszi ist wie Becketts Krapp als Hauptfigur in einem Roman von Kafka. Und erzählt wird seine Geschichte in elf kapitellangen, wundervoll schwingenden Sätzen, die in der Übersetzung von Heike Flemming klingen, als hätte der Joyce des Molly-Kapitels beschlossen, Ghostwriter von Thomas Bernhard zu werden. Dabei ist das alles noch komischer als Beckett, Kafka, Bernhard und Joyce.

Seinen früh erworbenen Ruf, so ein typischer osteuropäischer Schwarzweißrauner zu sein, nach dessen Romanen man sofort Suizid begehen möchte – am besten zusammen mit dem ganzen alten Europa –, hat Krasznahorkai schon lange überwunden. Irgendwann wurde er heller und kosmopolitischer (dieses Mal wird im Abspann seinem New Yorker Verlag und Thomas Pynchon gedankt). In „Zsömle ist weg“ verbindet er beide Seiten seines Werks: den pessimistischen Blick auf ein immer noch postsozialistisch verwirrt herumtaumelndes Ostmitteleuropa mit einem gereiften Humor, der alles belächelt, aber wenig verurteilt – am wenigsten seine Hauptfigur, einen nationalistischen uralten närrischen Schwätzer, dessen groteske Fantasien Krasznahorkai niemals romantisiert und den man dennoch von der ersten bis zur letzten Seite liebt.

László Krasznahorkai: Zsömle ist weg. Aus dem Ungarischen von Heike Flemming. S. Fischer, 304 Seiten, 25 Euro.

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