Fragt man Google, wie viele Sprachen seine Übersetzungsfunktion beherrscht, bekommt man die gigantische Zahl 249 zur Antwort. „Im Juni 2024 fügte Google durch den Einsatz des KI-Modells PaLM 2 in einem einzigen Update 110 neue Sprachen hinzu, darunter auch Dialekte wie Südfränkisch“, verkündet die Suchmaschine. Auf das Südfränkische scheint man besonders stolz zu sein. Es ist fett gedruckt, während „bedrohten Sprachen“ wie Panjabi oder Manx, die Google Translate angeblich auch spricht, solche Ehre verwehrt wird. 

Das KI-Modell, das jetzt bei Übersetzungen von Liebesromanen aus dem französischen Verlag Harlequin – mit Titeln wie „Passion pour un inconnu“ („Leidenschaft für einen Unbekannten“) im Programm – zum Einsatz kommt, ist ein anderes. Harlequin werde sich von seinen bisherigen Übersetzern trennen und Übertragungen an die in Bordeaux ansässige Firma „Fluent Planet“ outsourcen, erfuhr man nämlich gerade von der französischen Vereinigung der Literaturübersetzer (ATLF).

Übersetzer protestieren

Die Firma hat, schreibt sie auf ihrer Website, „Fachleute, die entweder an den besten Übersetzungshochschulen studiert haben oder über jahrzehntelange Erfahrung verfügen“. Und eine eigene Übersetzungs-KI. Im Vergleich zu herkömmlichen Übersetzungssystemen liefere die „qualitativ 2- bis 3-mal hochwertigere Übersetzungen“, nimmt man an der Atlantikküste den Mund recht voll. Genauer seien sie, berücksichtigten Tonfall und Absicht des Autors. Dennoch bleibe „die menschliche Note unverzichtbar, um eine fehlerfreie Übersetzung von höchster Qualität zu gewährleisten.“ Gegenüber dem Branchenblatt „Publisher’s Weekly“ erklärte Harlequins Mutterkonzern Harper Collins jetzt ganz in diesem Sinn, kein Buch werde „ausschließlich maschinell übersetzt“.  

„En Chair et en OS“ (sinngemäß: „Aus Fleisch und Blut“), ein Kollektiv für „humane Übersetzung“, fordert nun, unterstützt etwa von den Literaturnobelpreisträgern Annie Erneaux, Olga Tokarczuk und Jean-Marie Gustave Le Clézio, unter anderem eine Kennzeichnungspflicht für KI-Einsatz bei Verlagen und im Radio. Und, dass keine öffentliche Förderung für Werke gewährt wird, „die ganz oder teilweise von KI geschaffen wurden“.

Kein zweiter KI-Winter

Ein Kampf gegen Windmühlen? Wahrscheinlich. Schon im März 2025 hatte der britische Verlag „Taylor and Francis“ bekannt gegeben, „KI-Übersetzungstools zu nutzen, um Bücher zu veröffentlichen, die sonst für englischsprachige Leser nicht verfügbar wären.“ Lange vorbei sind die Zeiten, von denen der Medienwissenschaftler Christoph Engemann in seinem Buch „Die Zukunft des Lesens“ (Matthes und Seitz) erzählt. Am Problem der Übersetzung sei die KI-Forschung noch Ende der 1960er gescheitert: „Für rund 15 Jahre wurden vor diesem Hintergrund Projekte der Künstlichen Intelligenz vorerst nur noch als kuriose Orchideenunternehmungen angesehen.“ Heute sei diese Zeit „als erster KI-Winter bekannt“.

Wer schon einmal Google Translate oder Alternativen wie DeepL benutzt hat, weiß, dass man kein studierter Übersetzer sein muss, um aus dem, was die Maschine einem bietet, einen lesbaren Text zu machen. Wie lesbar, bleibt aber dem eigenen Sprachgefühl überlassen. Ob aber Leser von „Leidenschaft für einen Unbekannten“ solches Sprachgefühl aufbringen?

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