Sie kamen über das Meer. Sie waren gierig auf Bodenschätze. Und sie scherten sich wenig um die Einheimischen. 1528 erlebte Venezuela zum ersten Mal eine Invasion von überwiegend blonden hellhäutigen Männern aus dem Norden. Es waren Deutsche. Heute weiß kaum jemand, dass „Klein-Venedig“ – so die Übersetzung des Landesnamens Venezuela – einmal eine deutsche Kolonie war und die zweitgrößte Stadt des Landes, Maracaibo, vom Statthalter Ambrosius Dalfinger als „Neu-Nürnberg“ gegründet wurde.

Karl V., Herrscher über Spanien und das Reich, hatte sich für seine Wahl 1518 enorme Summen bei der ultrareichen Augsburger Familie Welser geliehen. Als Pfand überließ der Kaiser dem Konzernleiter Bartholomäus V. Welser 1528 ein rund 900 Kilometer breites Stück Land der Küste des karibischen Meeres.

Die Welser waren laut Vertrag verpflichtet, das Land zu besiedeln, Indianer zu christianisieren, Bodenschätze abzubauen (deutsche Bergbautechnik war weltweit führend) und Landwirtschaft zu betreiben. Doch ihre Befehlshaber in Klein-Venedig interessierten sich oft mehr für das legendäre Goldland El Dorado und brachen zu Expeditionen ins Landesinnere auf. Einer von ihnen war Nicolaus Federmann, geboren 1506 in Ulm. Ohne ihn würde Venezuela nicht so aussehen wie heute, wenn Donald Trump das Land für die USA reklamiert.

1530 brach er ins nördliche Stromgebiet des Orinoco auf, um das „Südmeer“ zu finden. Über die Reise schrieb er später seine „Indianische Historia“. Das Buch gilt heute als Klassiker der Völkerkunde. Es ist der einzigartige, anschauliche Bericht eines deutschen Konquistadoren, in dem er etwa schildert, wie er den Indigenen weismachte, seine Pferde wären unsterbliche Götter.

Von Federmann und den Welsern in Venezuela allgemein haben die Spanier ein düsteres Bild gezeichnet. Jesuiten sagten den angeblichen lutherischen Ketzern alle möglichen Gräuel nach. Konkurrenten schwärzten die Deutschen an, um sich selbst in besseres Licht zu rücken. Doch der venezolanische Historiker Juan Friede, der Grundlagenwerke über die Geschichte der Welser-Kolonie geschrieben hat, sieht Federmann positiver. Er habe als erster die Ost-Kordilleren der Anden überquert und sei der „wichtigste Pionier bei der Erschließung großer Gebiete Venezuelas und Kolumbiens“.

Vor allem gelang es Federmann nicht nur, seine Expeditionen zu überleben, sondern auch noch daran zu verdienen. Kein Wunder, dass er nach einer Zwangspause (er war wegen Insubordination angeklagt) zu einer zweiten Reise über die Anden aufbrach. An deren Ende gründete er mit zwei spanischen Konquistadoren-Kollegen Bogotá, die Hauptstadt Kolumbiens. Dort sind ein Viertel, ein Park und eine Klinik nach ihm benannt. In Deutschland ist er weniger bekannt – so wie die ganze Geschichte der ersten deutschen Kolonie, die 1548 endete, als Kaiser Karl Venezuela den Welsern wieder abnahm.

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