Es war ja nicht immer sehr nett, was dem Akkordeon in seiner Geschichte nachgesagt wurde. Schon allein deswegen hat es eigentlich verdient, „Instrument des Jahres“ zu werden. Dass es „Dolmetscher des Gassenhauers“ sei, dass es Töne produziere wie eine einschmeichelnde Prostituierte und sein Klang jeden Adels, jeder Schönheit entbehre. Dass ein Gentleman ein Mann sei, der Akkordeon spielen kann, es aber nicht tut, hat Tom Waits einmal bemerkt. Was aber natürlich ein selbstreferenzieller Treppenwitz ist, weil Waits‘ Werk ihn aufgrund hoher Akkkordeonverwendung als wenig gentlemanlike erweist.
Den Landesmusikräten, die seit 2008 ein Gerät zur Klangproduktion auswählen und im folgenden Jahr in den Fokus stellen, geht es nicht ums Abarbeiten einer roten Liste demnächst aussterbender Musikinstrumente – Akkordeon spielen solo und in Orchestern gegenwärtig mehr als 100.000 Deutsche.
Den Musikräten ist vor allem an Musikalien gelegen, deren Licht gern unter den Scheffel gestellt wird, Instrumente des sogenannten kleinen Mannes, um die gutmütigen Geräte, die immer noch draußen vor den Türen der bürgerlichen Hochkultur warten müssen. Die Tuba war einmal Instrument des Jahres, die Mandoline, das Drumset. Das Akkordeon, in dessen Lobeshymnen die Erwähnung des berühmten kleinen Mannes nie fehlen darf, erfüllt derart das Lastenheft der Landesmusikräte, dass man sich wundert, warum es nicht längst ausgezeichnet wurde.
Wobei der kleine Mann, der sich kein Klavier leisten konnte und lieber in den Kneipen saß als in den Kirchen oder Konzerthäusern und da auch Musik machen wollte, genau die Zielgruppe war, für die Cyrill Demian (1772 bis 1847), Klavier- und Orgelbaumeister zu Wien, sein Spielgerät entwickelte. Und es am 6. Mai 1829, Schubert war gerade ein halbes Jahr tot, als Patent anmeldete.
Ein Ding, das, hat mal jemand geschrieben, aussah und immer noch aussieht wie eine Mischung aus Klavier, Faltenrock und Registrierkasse und in dessen Innerem Luft an Metallplättchen vorbeigepresst wird, „welche ein Schnarrwerk mit durchschlagenden Federn bilden“ (so steht es im Patent). Die rechte Hand bedient Tasten für die Melodie, die linke Knöpfe für die Harmonien.
Hatte nicht viele Tasten und Knöpfe am Anfang. Inzwischen sind es manchmal 220. Und das „Accordion“ hat von allen im 19. Jahrhundert erfundenen Instrumenten – und davon gab es viele – die auf allen Kontinenten, in beinahe allen Ländern der Vereinten Nationen, bis in alle Mikrokulturen durchschlagendste Karriere gemacht. Es hat mehr (Kose- und Hass-)Namen und Bauformen, als zu erwähnen hier Platz wäre.
Musette, Quetschkommode, Schifferklavier, Bandoneon, Ziach, Bajan, Concertina, Treckfidel – an dieser Stelle müssen wir leider die Aufzählung unterbrechen. Und versuchen zu erklären, warum das Akkordeon zum globalen Instrument der vielen Heimatländer werden konnte, das wie ein gefräßiges Musikwesen, sich, wo es hinkam und hingebracht wurde, das jeweilige musikalische Volksgut einverleibte und verändert wieder von sich gab.
Der Siegeszug des Schifferklaviers hat mit Fluchtrouten zu tun und mit Reiserouten und mit der geradezu unheimlichen Beweglichkeit und Chamäleonhaftigkeit von Demians genialer Erfindung. Und ein eigenes Kapitel in der noch zu schreibenden Universalgeschichte des musikalischen Kolonialismus, weil das Akkordeon in seiner Art, populäre Musik zu fressen und zu verdauen, dafür sorgte, dass, wo es wirkte, vieles an nichtwestlicher Stimmung planiert wurde.
Ulrich Tukur ist Instrumentenbotschafter
Aber wir wollen ja jetzt keine Kulturpolitik betreiben, sondern Kulturgeschichte. Das Akkordeon war weitgehend leicht (Konzertinstrumente haben jedoch mit ihren bis zu fast 15 Kilogramm Gewicht schon diverse Musikerrücken ruiniert). Es war verhältnismäßig leicht zu lernen. Seit dem Beginn seiner industrialisierten Herstellung ab Mitte des 19. Jahrhunderts relativ billig zu haben – ein Borsini, wie es der „Instrument des Jahres-Botschafter“ Ulrich Tukur auf der Bühne spielt, kostet allerdings um die 12.000 Euro.
Es machte, wo es in Wirtshäusern hinkam, relativ rasch kleinere Tanzkapellen arbeitslos. Und es kam halt an Bord der Schiffe aus Frankreich, Deutschland, Italien überallhin, brachte die Musik der Heimat mit, war offen für alle musikalischen Dialekte. Assimilierte sich im argentinischen Tango – als Bandoneon, der vom Krefelder Heinrich Band in seine endgültige Form gebrachte Akkordeon-Ableger, im südafrikanischen Township-Jive, im brasilianischen Forró, im Cajun der Südstaaten, bei den Schrammeln und der Stubnmusi in Österreich natürlich.
In Israel ist es, auch weil es zum Klezmer-Instrumentarium gehört, Volksinstrument, wer nicht Mandoline lernt, erzählt Omer Meir Wellber, Hamburgs Generalmusikdirektor, der lernt Akkordeon. Wellber lernte Akkordeon und er wurde ein fabelhafter Virtuose.
Es gibt dem Menschen in der Ortlosigkeit eine Stimme, einen Ort. Es kann alles sein, allem Klang geben. Kann weinen, schreien, triumphieren, es atmet und singt. Eine Dramaqueen und ein emotionales Trampeltier ist das Akkordeon. Eine Schwermutswurlitzer. In der Lage, aus jeder Kneipe eine Kathedrale zu machen. Und die Seele seines Spielers, mit dem es atmet, den es umschlingt, riesengroß.
Es hat bis tief ins 20. Jahrhundert gedauert, bis die Handorgel mit eigenen, neuen Stücken Aufnahme fand in den klassischen Musikbetrieb. Inzwischen ist es – auch durch das erfolgreiche Werben und Wirken von Musikern wie Omer Meir Wellber, wie Ksenija Sidorova, wie Mie Miki – doch mit etlicher Literatur gesegnet, Bachs „Wohltemperiertes Klavier“ gibt es als Bearbeitung, Mozart Klavierwerke, Rachmaninoffs „Vocalise“.
In den Jazz haben es Bandoneonistas wie Dino Saluzzi und Astor Piazzolla integriert, Joe Zawinul hat als Akkordeonist angefangen, was man dem Multikeyboardspiel des österreichischen Tastenklangwilden bis zum Schluss anhörte. Das Akkordeon baut Brücken überallhin und im Widerspruch zu seinem immer noch bräsigen Image gern in die Moderne.
Eine Audiokassette für „Graceland“
In der Weltmusik begegnen einem Akkordeon-Ableger naturgemäß an jeder musikalischen Straßenkreuzung. Der Tiroler Herbert Pixner und der Oberösterreicher Hubert von Goisern revolutionierten an ihren Steirischen die Volksmusik, Lydie Auvray mit ihrem Knopfakkordeon die gute alte französische Musette-Tradition, mit der dann später Yann Tiersen in seiner musettelastigen Musik zur „Wunderbaren Welt der Amelie“ spielte.
Paul Simons „Graceland“ verdankt sich einer südafrikanischen Akkordeonkassette, und „Graceland“ wiederum verdankt das Akkordeon dem späten Gipfel einer ziemlich langen roten Klanglinie durch die Rock- und Popmusik. John Lennon hat es gelernt, Tom Waits hatten wir schon, sobald es folkig wird, wird am Balg gezogen. Bei Springsteen, zuletzt bei Arcade Fire. Wer mehr lesen will über die Kulturgeschichte des Wechselbalges lese nach in Christoph Wagners „Das Akkordeon und die Erfindung der populären Musik“. Eines der schönsten Bücher übers Instrument des Jahres ist E. Annie Proulx‘ „Das grüne Akkordeon“, das Stationendrama einer 1890 auf Sizilien gebauten Fisarmonica durch ein halbes Jahrhundert amerikanischer Sozialgeschichte. Ein Roman, der auf allen Knöpfen des Akkordeons spielt.
Wenn also demnächst Ihr Kind mit dem Beschluss um die Ecke kommt, statt Opas Geige, Omas Steinway oder Papas Oboe Quetsche lernen zu wollen: Seien Sie gnädig und froh. Es wird noch im letzten Winkel der Welt eine musikalische Heimat finden.
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