Jedes Jahr kommen im deutschsprachigen Raum Hunderte von Theaterstücken auf die Bühne, doch nur zehn davon zum Berliner Theatertreffen. Entsprechend groß ist die Spannung, wenn es wieder so weit ist, dass die aus der Theaterkritik rekrutierte, siebenköpfige Jury an die Öffentlichkeit tritt und ihre Auswahl der bemerkenswertesten Inszenierungen bekanntgibt. Stehen Stars und Sternchen auf der Liste? Große Häuser oder kleine Überraschungen aus der Provinz? Und was ist mit der freien Szene?
Die größte Überraschung ist, dass Sebastian Hartmann aus der diesjährigen Auswahl herausragt. Der 1968 in Leipzig geborene Regisseur und Bühnenbildner ist beim Theatertreffen kein Unbekannter und nun gleich mit zwei Inszenierungen abseits der üblichen Theatermetropolen eingeladen. Am Hans-Otto-Theater Potsdam hat Hartmann Michel Houellebecqs „Serotonin“ als reduziertes Solo – fünf Stunden ohne Pause! – gemacht (eine „kleine Theatersensation“, urteilte die Jury), am Staatstheater Cottbus begeisterte er mit Carl Zuckmayers berühmtem Schwank „Der Hauptmann von Köpenick“. Und mit „Also sprach Zarathustra“ am Schauspielhaus Zürich stand sogar eine weitere Inszenierung von ihm auf der Shortlist, jedoch nicht in der finalen Auswahl.
Überraschend ist das auch, weil Hartmann der einzige Vertreter einer älteren Regiegeneration unter den Einladungen ist. Der Rest verteilt sich auf die Jahrgänge 1981 bis 1990. Es hat, zumindest im Regiebereich, in den vergangenen Jahren einen spürbaren Generationenwechsel gegeben. Die 35- bis 45-Jährigen haben sich nicht nur auf den großen Bühnen durchgesetzt, sondern werden auch von der Kritik und beim Theatertreffen entsprechend gewürdigt. Darunter sind Regisseurinnen wie Lucia Bihler, Jette Steckel und Leonie Böhm, die nicht zum ersten Mal beim Theatertreffen gastieren, aber auch Neuentdeckungen wie Jaz Woodcock-Stewart oder Julian Hetzel.
Nach „Sancta“ wieder dabei ist die Performerin und Choreografin Florentina Holzinger mit ihrem neuen Stück „A Year without Summer“, die inzwischen quasi Dauergast beim Theatertreffen ist. Dass bildgewaltige Stück ist das einzige, dass sich aus einem bemerkenswert starken Jahrgang der Berliner Volksbühne gegen die Konkurrenz durchsetzen konnte. So standen auch „Wachs oder Wirklichkeit“ von Christoph Marthaler und der brachial-geniale Ibsen-Exzess „Peer Gynt“ in der engeren Auswahl.
Mit Thomas Melles „Die Welt im Rücken“ aus Stuttgart, Klaus Manns „Mephisto“ aus München, Tomasi di Lampedusas vor kurzem auch als Netflix-Serie verfilmten „Il Gattopardo“ aus Zürich und dem bereits erwähnten „Serotonin“ finden sich allein vier Romane unter den Einladungen wieder, was für die ungebrochene Beliebtheit von Romanadaptionen im Theater spricht. Nimmt man Arthur Schnitzlers Novelle „Fräulein Else“ noch dazu, kommt man sogar auf eine Prosaquote von 50 Prozent, während sonst mit Zuckmayer, Friedrich Schillers „Wallenstein“ aus München und „Die Glasmenagerie“ aus Basel die Klassiker der Dramenliteratur tonangebend sind. Die neue Dramatik konnte sich bei der Jury hingegen wohl nicht für Höheres empfehlen.
Gibt es etwas wie ein gemeinsames Thema der Zehnerauswahl? Am ehesten ist es die Zeit des Umbruchs und des Krieges, die sich motivisch von „Il Gattopardo“ über „Serotonin“ und „Wallenstein“ bis „Der Hauptmann von Köpenick“ wiederfindet. Mit Hetzels „Three Times Left is Right“ ist eine bei den Wiener Festwochen uraufgeführte Stückentwicklung über politische Polarisierung eingeladen, mit der Ehe zwischen dem altlinken Helmut Lethen und der neurechten Caroline Sommerfeld als Vorlage. Und beim preisgekrönten Julia-Riedler-Solo „Fräulein Else“ geht es um Machtmissbrauch.
Das erfolgreichste Haus der Auswahl sind die Münchner Kammerspiele, von denen sowohl das siebenstündige „Wallenstein“-Mashup in der Regie von Jan-Christoph Gockel – in der Titelrolle: der querschnittsgelähmte Samuel Koch – als auch „Mephisto“ kommt. Spannender und kontroverser als der routiniert die wenig erkenntnisfördernde Kurz-vor-1933-Gefühlslage des deutschen Kulturbetriebs bewirtschaftende „Mephisto“ wäre wohl allerdings Avishai Milsteins „Play Auerbach!“ gewesen, vor allem mit Blick auf die Debatten zur deutsch-jüdischen Erinnerungskultur und den „Historikerstreit 2.0“. Auch Charly Hübners Debüt „Krieg und Frieden“ vom Theater Magdeburg hätte man ebenso wie „Peer Gynt“ von der Volksbühne eher einen Platz in der Auswahl gewünscht.
Ob Teile der eingeladenen Inszenierungen das Publikum verunsichern könnten, wie man es vom Theater eigentlich erwartet, wird sich dann im Mai zeigen, wenn in Berlin die Zehnerauswahl präsentiert wird. Angekündigt hat das Theatertreffen außerdem ein neues Rahmenprogramm zu Drama und Diskurs. Mit „Mehr Drama!“ wird es eine Reihe zu neuer Dramatik geben, während das Diskursformat die drängenden Themen aus den Inszenierungen aufnehmen soll. Das Theatertreffen besinnt sich damit – nach dem vor zwei Jahren beendeten, vollends missglückten Versuch, mehr Documenta zu wagen – wieder aufs Wesentliche, was auch für ein breites Theaterpublikum Anlass zur Freude sein dürfte. Und über die Auswahl lässt sich, wie jedes Jahr, auch wunderbar streiten.
Jakob Hayner ist seit diesem Jahr Mitglied der Jury des Theatertreffens, die für die Auswahl ab dem nächsten Jahr verantwortlich ist. Die Jury besteht aus sieben Theaterkritikern. Sie sichten das ganze Jahr im deutschsprachigen Raum Theaterstücke, von denen am Ende zehn bemerkenswerte Inszenierungen ausgewählt werden.
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