Als Alfred H. Barr, erster Direktor des New Yorker Museum of Modern Art, Meret Oppenheims ikonische Pelztasse erwarb, zehn Jahre nach deren Entstehung 1936, bezahlte er aus eigener Tasche. Sein Kuratorium hielt nichts von dem Kunstwerk, und es verschwand in der Studiensammlung, die nicht für die Öffentlichkeit gedacht war. Erst 1963 wurde sie Teil der permanenten Sammlung.

Heute ist die mit Gazellenfell überzogene Tasse („Frühstück im Pelz“) ein Kultobjekt, das Poster und Postkarten ziert und als Leihgabe nur im Privatjet reisen darf. Das muss die 1913 in Berlin geborene, in Paris zwischen André Breton, Max Ernst und Marcel Duchamp surrealistisch sozialisierte und in die Schweiz emigrierte Künstlerin jüdischer Herkunft gewurmt haben, denn fortan interessierten sie Unikate immer weniger. Stattdessen wurden Editionen – also serielle, reproduzierbare Kunstwerke zu günstigen Preisen – zu ihrem Spielfeld, das dem auratisch aufgeladenen Einzelstück diametral entgegenstand.

Ein wichtiger Partner wurde dabei ab 1978 die Galerie Levy, ursprünglich in Hamburg tätig und heute in Berlin. Oppenheim unterrichtete damals kurzzeitig an der Hamburger Hochschule für Bildende Künste, offenbar in Hörsälen fast ohne Publikum, weil sie in Deutschland praktisch unbekannt war. Nun zeigt die Galerie eine Ausstellung mit Oppenheims Multiples, zu denen erneut ein pelziger Höhepunkt zählt: Das „Eichhörnchen“ von 1969 entstand in einer Auflage von 100 Exemplaren.

Ähnlich wie bei der Pelztasse schüttelt es einen, wenn man Fell und Bierglas zusammendenkt, auch wenn die Schaumkrone hier aus Kunststoff besteht und vom Eichhörnchen nur ein Pelzpuschel kommt. Trotzdem bleibt der Blick an dem Objekt haften. Es steht stellvertretend für Oppenheims ureigene, spielerisch-poetische Denkweise, in der sich Tierwelt, Traum und Alltag immer wieder aufs Neue vermischen.

Gespickt mit Ironie und als radikale Form weiblicher Selbstermächtigung erfand Meret Oppenheim (gestorben 1985) eine Konzeptkunst avant la lettre, legte sich nie auf eine Bildsprache fest und umschiffte damit ihre männlichen Kollegen, die mit perpetuierten Gesten auf Wiedererkennbarkeit zielten. Bis heute ist ihre Kunst ein Versteckspiel – und dennoch auf zauberhafte Weise zugänglich. Sie selbst war eine sprühende Persönlichkeit, die alle in den Bann zog.

Mit ihrem raspelkurzen Haarschnitt und einer rätselhaften Kunstproduktion zwischen Malerei, Zeichnung, Skulptur, Collage, Fotografie bis zu Möbeln und Schmuck passte sie in keine Schublade. Die Porträtfotografien in der Ausstellung versetzen den Betrachter zurück in diesen Kosmos, der bis heute ein Mysterium ist.

Das „Eichhörnchen“ bei Levy Berlin ist nicht verkäuflich, die Preise für Oppenheim-Werke liegen im Bereich von 2500 bis 70.000 Euro.

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