Diesmal brach sich keiner den Fuß, wie anno 1955 Mary Potter bei einem Bergurlaub in Zermatt. Weil sie dann logischerweise das Zimmer hüten musste, komponierte der Freund Benjamin Britten gleich etwas für die drei Blockflöten, die sie und Peter Pears dabeihatten: Die Alpine Suite, mit sechs insgesamt nur acht Minuten langen Sätzen, darunter „Swiss Clock“ und „Down the Piste“, war geboren.
Dieses sicher originellste der vielen, kaum bekannten Kammermusikstücke und Gelegenheitswerke Benjamin Brittens war dieser Tage in einem legendären Saal zwischen Garmisch und Mittenwald freilich mangels Flöten nicht zu hören. Dafür war für das kurze „Canticles V“ extra Anneleen Lenaerts, die Harfenistin der Wiener Philharmoniker, angereist.
Der 50. Britten-Todestag, und damit eines der wichtigeren Musikerjubiläen 2026, ist zwar erst am 4. Dezember. Aber in Schloss Elmau hat man ihn jetzt bereits gebührend begangen. War der zum Baron Britten of Aldeburgh geadelte Komponist doch lange ein regelmäßiger Gast am Musenort der Künste im Hochtal der Garmischer Alpen zwischen Wettersteinwand und Zugspitzmassiv. So ganz genau ist man sich bei den Daten nicht sicher. Die Archive sind nicht sonderlich aussagekräftig, weil man in esoterischer Nachlässigkeit nicht systematisch sammelte und beim Brand 2005 auch Einiges in Mitleidenschaft gezogen wurde.
Doch sicher ist, dass Benjamin Britten auf Einladung des um die deutsch-britisch-jüdische Aussöhnung bemühten Amadeus Quartett 1959 erstmals im großen Saal einen Liederabend seines Partners Peter Pears begleitet hat. Und wohl 1952 erklang das erste Mal eines seiner Werke in einem der weit über 100 Konzerte, die hier bis heute jedes Jahr von den berühmtesten Künstlern ohne Gage, aber für ein paar Übernachtungen abgehalten werden.
Später kam Britten regelmäßig wieder; mindestens die letzte, jene Nummer V „The Death of Saint Narcissus“, seiner zwischen 1947 und 1974 geschriebenen Canticles wurde hier im Januar 1975 uraufgeführt. Brittens letztes vollendetes Werk, das 3. Streichquartett, das zwei Wochen nach seinem Tod uraufgeführt wurde, erklang dann bereits im Januar 1977 mit dem Amadeus Quartett in Elmau als deutsche Erstaufführung.
Auch der sowohl mit der Stimme wie schreibend aktive Tenor Ian Bostridge, für viele ein legitimer Pears-Nachfolger, weiß nicht mehr ganz genau, wann er das erste Mal in dieser scheinbar weltfernen Idylle weilte: „Mein Sohn lernte gerade schwimmen, also wohl so 2007“, erinnert er sich. Später war für ihn eine Elmauer Begegnung mit dem Jazzpianisten Brad Mehldau bedeutsam.
Jetzt hat Bostridge bei der 71., traditionell in der zweiten oder dritten Januarwoche abgehalten Kammermusikwoche, die früher Britisch-Deutsche Musiktage hieß, einige Konzerte mit Britten-Werken mit sich selbst Solist zusammengestellt; der in Zürich lehrende Musikologe Laurenz Lütteken steuerte einen klugen Vortrag über „Erschütterte Gegenwart – Benjamin Britten und die musikalische Moderne“ sowie prägnante Kurzeinführungen bei.
Britten hat zwar zugänglich komponiert, und nicht zu Unrecht erfreuen sich besonders seine Opern steigender Beliebtheit in den Spielplänen weltweit, aber trotzdem erfordert besonders sein Liedschaffen genaue Höranstrengung. Das wird schon in den „Canticles“ deutlich – sehr speziellen Minikantaten für unterschiedliche Besetzungen auf Grundlage biblischer Texte oder von Gedichte Edith Sitwells und T.S. Eliots. Obwohl isoliert entstanden, entfalten sie besonders bei seltenen zyklischen Aufführungen ihren strengen Zauber. „Canticle III“ schließt ein Horn mit ein, „Canticle IV“ erfordert zum Tenor zusätzlich Bariton und Countertenor; in der Elmau sang mit Bostridge nun Alexander Chance, im gleichen Stimmfach wie sein Vater Michael brillierend, der wiederum vor 30 Jahren das Stück mit Ian Bostridge aufgeführt hat.
Da schließen sich schnell Beziehungskreise. Es bleibt aber vage, wie der Pazifist Britten, der einen großen Teil des Zweiten Weltkriegs nicht unangefeindet in Kanada verbracht hatte, zu Deutschland stand. Selbst Laurenz Lütteken weiß nicht, wie und warum es ihn bereits im Sommer 1945 auf einer Konzerttour mit dem Geiger Yehudi Menuhin auch ins KZ Bergen-Belsen verschlagen hat und ob die beiden dort wirklich Beethovens Kreutzersonate gespielt haben. Bei der Uraufführung des „War Requiem“ – einem der wichtigsten Antikriegsstücke der Musik – anlässlich der Einweihung der von den Deutschen zerbombten und modern wiederaufgebauten Kathedrale von Coventry sang 1962 der deutsche Liedpapst Dietrich Fischer-Dieskau. Britten war mit dem Starbariton eng befreundet, hat ihm auch einige Lieder gewidmet.
Keine Beziehung gab es hingegen zu einer anderen deutschen Musiktheatergröße, Richard Strauss, der unten in Garmisch residierte, aber schon 1949 gestorben ist und seine letzten Jahre meist in der Schweiz verbrachte; Britten hingegen war da gerade erst durchgesetzt. In München beginnt freilich die Thomas-Mann-Vorlage für Brittens letzte Oper „Death in Venice“, Münchner Bekannte haben wohl auch den geselligeren Peter Pears auf das gerade sich wieder entfaltende Elmau aufmerksam gemacht.
Dessen theologisch verwurzelter Gründer Johannes Müller, der Juden half, aber auch Hitler als „Werkzeug in Gottes Hand“ feierte, war als Kriegsverbrecher verurteilt 1949 gestorben. Die Familie hatte das enteignete Hotel eben zurückbekommen und auch den Musikbetrieb wieder anlaufen lassen. Nach München begibt sich nach seinen Britten-Konzerten auch Bostridge, der dort an einem Abend dessen Serenade sowie den Rimbaud-Zyklus „Les Illuminiations“ zu singen hat.
Doch der 61-Jährige, der auch gerade Material für ein Britten-Buch sammelt, fühlt sich dank eines neuen Gesangslehrers besser bei Stimme als noch vor einigen Jahren. „Ich würde gern noch einmal den Aschenbach machen, auch der Capitain Vere in ‚Billy Bud‘ und Peter Grimes fehlen noch bei meinen zugegeben selektiven Opernrollen“, sagt er.
Britten liebt Bostridge seit seinen Knabenchorzeiten, schließlich komponierte dieser dafür reiches Repertoire. Auch habe er schon als junger Mann Textkomplexes wie den gewaltigen Zyklus der „Holy Sonnets of John Donne“ auswendig gelernt: „Und das sitzt. Heute schafft das mein Hirn nicht mehr.“
Mit seinem präzis-zurückhaltenden, langjährigen Klavierpartner Julius Drake stellt er diese intrikaten Lieder in einen spannungsvoll aufeinander reagierenden Rahmen mit Lautenliedern von John Dowland, teilweise ebenfalls auf Donne-Vorlagen; Elisa la Marca begleitet zupfend zurückhaltend. Und auf diese reagiert dann wiederum der sensible Bratschist Adrien La Marca, der mit Drake Brittens „Lacrymae – Reflections on a song auf Dowland“ zu Gehör bringt. 2026 ist schließlich auch der 400. Dowland-Geburtstag, der Bostridge stärker noch als Britten singend beschäftigt.
In Elmau mit seinen aufmerksam lauschenden Zuhörern im schönen, holzgetäfelten Saal, zum Teil vielfache Kammermusikwoche-Wiederholungstäter im Publikum, kann man sich in diesen intimen, mittäglich wie nachmittäglich pausenlosen Konzerten solche Konzentration und Versenkung während der terminfrühen, aber eher locker absolvierten Britten-Zelebration leisten. Etwa in einem faszinierenden Programm, das der Oboe gewidmet ist. Im Zentrum stehen Mozarts Oboenquartett als erstes Werk dieser Gattung, reflektiert durch die rätselhaft mäandernden Sololinien von Brittens Sechs Metamorphosen nach Ovid, wo Pan, Phaeton, Niobe oder Bacchus leise flehende oder auch aufreizende Klänge zugeordnet bekommen. Greller und tänzerischer ist die von Piet van Bockstal meisterlich gespielte Oboe dann in Brittens „Temporal variations“ zu hören.
Und Ian Bostridge selbst liefert den Rahmen – mit Oboe, aber auch Julias Drake am Klavier, Alexandra Conunova an der Geige und das fein ausbalancierte Kuss Quartett aufbietenden Liedern von Ralph Vaughan-Williams; darunter der stilbildende, hier weichstimmig zupackend gesungene Zyklus „On Wenlock Edge“. Britten mochte den Komponisten freilich nicht besonders, schätzte aber sein handwerkliches Können. So kann auch ursprüngliche Antipathie konzertbereichern.
Während die Kammermusikwoche wird deutlich: Die bayrischblaue Elmauer Gebirgsmärchenwelt war für Britten & Pears sicher auch das passende Naturäquivalent zu den grünen Marschen und der grauen See East Anglias in Suffolk. So wurden sie hier zu Wiederholungstätern, was man nun angemessen gewürdigt hat.
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