Es ist ein Theaterabend wie das Kinderspiel „Schere, Stein, Papier“, nur anders. Sprache, Leib, Papier würde zu dieser „Antigone“ passen. Nur was schlägt hier was? Eine große Papierkonstruktion hat Bühnenbildner Johannes Schütz wie ein monströses Mobile über die kahle Bühne gehängt, auf der unzählige Requisiten verteilt sind: Masken, Knochen, Körperteile. Am Ende hängen nur noch Fetzen vom stählernen Gehäuse herunter. Seelen, aber auch Staaten sind fragile Gebilde, die so leicht zerreißen wie Papier. Regisseur Johan Simons vertraut am Berliner Ensemble ganz den Versen von Friedrich Hölderlin – und einem genialen Trio um Schauspielstar Jens Harzer.
Simons zeigt Antigone und Ismene als Kriegskinder, aufgewachsen zwischen Trümmern und Ruinen. Ein Bruderkrieg hat ihre Heimatstadt verwüstet. Während Harzer als Antigone wirkt, als wäre die Kindheit durch Tod und Gewalt erstickt und durch frühzeitigen Überernst ersetzt worden, merkt man Kathleen Morgeneyer als Ismene im Kontrast noch das Kindliche, das Verspielte an. Doch wenn die beiden miteinander zu raufen und balgen beginnen, sieht man, dass bei diesen verfluchten Nachkommen des Ödipus von unbeschwerter Kindheit keinerlei Rede sein kann, trotz ihrer hohen Herkunft. Die Brutalität des Krieges ist ihnen längst in die Knochen und in die Gesten gefahren.
Auch der Staat ist vom Krieg gezeichnet. Constanze Becker spielt Kreon mit Papierkrone auf dem Haupt. Er weiß sich nicht anders zu behelfen, als seine Herrschaft dadurch zu befestigen, dass nun offiziell verkündet wird, wer Feind und wer Freund im furchtbaren Krieg gewesen sei. Das verspricht Stabilität, richtet jedoch das Gegenteil an. Verstehen wird es der Staatenlenker erst, wenn es schon zu spät ist. Obwohl er sich so viel Mühe gegeben hat, auf der richtige Seite der sich drehenden Papierwand zu stehen: im Licht. Nur konnte er so die Rückseite nicht sehen und noch weniger die Bewegung, deren Teil er als Herrscher geworden ist. Eine Blindheit, die für das Tragische bezeichnend ist.
Das Außergewöhnliche dieser knapp zweistündigen Inszenierung ist die radikale Kargheit, die entfernt an den über 30 Jahren alten Film „Die Antigone des Sophokles nach der Hölderlinschen Übertragung für die Bühne bearbeitet von Brecht 1948 (Suhrkamp Verlag)“ von Danièle Huillet und Jean-Marie Straub erinnert. Wurde „Antigone“ in den vergangenen Jahren im Theater unter anderem in den Amazonas oder nach Butscha verlagert, so versucht Simons nicht, das Modell mit der Gegenwart kurzzuschließen, sondern fordert viel mehr heraus, das Modell ganz ohne Beiwerk anzuschauen – und im Anschluss die Wirklichkeit im Licht dessen zu betrachten.
Es sind auch die sperrigen Verse der Übertragung von Hölderlin, die diesem Abend seinen besonderen Reiz verleihen. Es scheint, als würde die Sprache hier selbst am Rande zum Sprachverlust balancieren und sich durch eine innere Spannung der Wortlosigkeit entwinden, die den sich im Alltag endemisch ausbreitenden algorithmischen Large Language Models unbekannt ist. Das führt bis zu Antigones trockener Antwort auf die Frage nach dem Warum: „Darum.“ Ihr geht es um etwas Unersetzliches, absolut Singuläres. Einen neuen Mann könnte sie finden oder ein Kind könnte sie noch gebären, sagt sie. Aber den Bruder? Den gibt ihr niemand wieder.
Harzer, der sich nach seinem Wechsel ans Berliner Ensemble mit dem Oscar-Wilde-Soloabend „De Profundis“ vorstellte und nun mit „Antigone“ die zweite Arbeit am Haus gemacht hat, spielt Antigone nicht als wütende Rächerin, sondern eine eher müde Fatalistin, die durch ihre traumatischen Erfahrungen der Totenwelt nähersteht als den Lebenden. In einer an Starrsinn erkrankten Stadt, wie es bei Hölderlin heißt, fühlt sich auch Antigone nicht mehr um einen Ausgleich bemüht, der doch nur einer symbolischen Wiederholung ihres realen Verlusts gleichkäme. Ob die Stadt nun untergeht oder sie selbst, ist ihr gleich. Woran sie sich gebunden hat, ist die katastrophale Vergangenheit.
In manchen Momenten blitzt an diesem eindringlichen Abend etwas auf, das Jenseits des Theaters liegt, wie man es heute kennt. Da meint man, in den barfüßigen Schauspielern mit der schmucklosen Kleidung (Kostüme von Kevin Pieterse) drei Versprengte und Vergessene zu erkennen, die in einer postapokalyptischen Landschaft à la „Stalker“ oder auf einem Spielplatz der verwüsteten Seelen umherstreifen und von der Geschichte der Selbstzerstörung einer Zivilisation aus eigener Erfahrung berichten. Und man stellt sich vor, wie sich ein paar abgerissene Gestalten um dieses Beckett’sche Endspiel sammeln, mit müden Augen und zerrissenen Füßen im staubigen Grund.
Es ist, als ob sich mit dieser „Antigone“ ein großes Fenster zur menschlichen Geschichte öffnet. Als ob mit dem Versuch, zum Kern der antiken Tragödie vorzustoßen, zugleich der Weg für ein Theater der Zukunft gewiesen würde. Nicht umsonst hat beispielsweise Simone Weil in ihrem erschütternden Essay „Die Ilias, oder das Gedicht von der Gewalt“ das tragische Bewusstsein als eine der größten geschichtlichen Hervorbringungen Europas gerühmt. Auch heute erinnert die Tragödie daran, dass der Mensch die Bürde der Vorgeschichte trotz all seiner smarten Geräte nicht hat abschütteln können. Und wo sonst wird das noch erfahrbar, wenn nicht im Theater.
„Antigone“ läuft am Berliner Ensemble.
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