Knapp ein halbes Jahr ist es her, dass das Theater Magdeburg in der berühmten Kritikerumfrage der Fachzeitschrift „Theater heute“ überraschend zum „Theater des Jahres“ gewählt wurde. Kleine Schauspielhäuser, zudem im Osten, müssen um ihr Publikum und die Aufmerksamkeit der Kritik weit mehr kämpfen als selbst die kleinsten Performance-Klitschen in den Metropolen, ganz zu schweigen von den großen Bühnen, die mit ihrer Geschichte, ihrem Renommee und ihren Stars im Ensemble locken. In Magdeburg setzt man auf einen Spielplan, der Unterhaltung mit Anspruch verbindet.
Es ist Freitagabend in Magdeburg, der Premierenabend von „Die Hölle auf Erden“. Am Schauspielhaus hängt ein Plakat mit der Aufschrift „Theater des Jahres“, auch die Mitarbeiter tragen kleine Buttons mit der frohen Botschaft. Im Foyer herrscht reges Treiben, eine Mischung aus älteren Besuchern im feinen Zwirn und jüngeren Publikum im Hipster-Chic. In einer Ecke ist ein kleiner Buchstand aufgebaut, an dem man die Bücher von Maria Lazar erwerben kann, der Autorin des heutigen Abends. Die 1948 verstorbene Lazar erlebt seit einigen Jahren ein erstaunliches Comeback im Theater.
Die 1895 geborene Lazar ist in den 1920er-Jahren eines der vielversprechendsten Talente des literarischen Wiens. Sie schreibt Romane, Kurzgeschichten, Feuilletons und Theaterstücke. Vor den Nazis flieht sie mit der Familie von Bertolt Brecht nach Dänemark, später weiter nach Schweden, wo sie sich nach schwerer Krankheit und als Schriftstellerin völlig vergessen drei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs das Leben nimmt. Ihre bitterböse Weltkriegskomödie „Die Hölle auf Erden“ wurde erst vor wenigen Jahren im Nachlass der Autorin entdeckt, veröffentlicht und 2025 in Innsbruck uraufgeführt.
Das Theater Magdeburg hat sich die deutsche Erstaufführung von „Die Hölle auf Erden“ gesichert. Texte wie „Die Eingeborenen von Maria Blut“, „Der blinde Passagier“, „Der Henker“ oder „Der Nebel von Dybern“ wurden in den vergangenen Jahren unter anderem am Düsseldorfer Schauspielhaus oder am Burgtheater Wien gespielt. Der Erfolg von Lazar liegt unter anderem darin begründet, dass sich hier eine Autorin wiederentdecken lässt (feministischer Kanon!), die mit literarischer Präzision und gesellschaftskritischem Gespür eine Welt in der Dauerkrise beschrieben hat.
In „Die Hölle auf Erden“ ist es der Völkerbund, der dringend nach einem Weltretter sucht. Die Menschen brauchen neue Autoritäten? Wie wäre es mit einer ganz alten – wie Gott? Doch der ist in Pension und schickt seinen Stellvertreter Petrus mit zwei Engeln auf die Erde, um sich ein Bild von der misslichen Lage zu machen. Und Frieden zu bringen. Nur hat das himmlische Kommando nicht mit dem diabolischen Gegenspieler gerechnet, der sich als Generaldirektor der Giftgaswerke bestens eingerichtet hat. Und die Rüstungsindustrie arbeitet effektiver als der Völkerbund mit seinen Träumereien.
Einige Verwechslungen und Verwicklungen später ist die Lage nicht nur völkerrechtlich, sondern auch dramatisch komplex. Und man staunt, wie aktuell dieses fast 100 Jahre alte und bisher unbekannte Stück wirkt. Internationale Organisationen befinden sich entweder in der Blockade oder in Auflösung, Friedensgeschwätz und Kriegsvorbereitung fallen zusammen, die Bevölkerung verschließt die Augen vor dem drohenden Unheil oder übt bereits den Marschschritt ein. Rettung? Auf die lässt sich nicht hoffen. „Sind die Menschen alle verrückt geworden?“, ruft Petrus aus, bevor er in der Irrenanstalt landet.
Es ist kein linkes oder humanistisches Mutmachstück, das Lazar mit „Die Hölle auf Erden“ geschrieben hat, sondern eine rücksichtlose Bestandsaufnahme einer aus den Fugen geratenen Welt, für die es Humor braucht, um sie überhaupt noch anschauen zu können. Gemeinsam mit Jelena Nagorni (Bühne) und Luisa Wandschneider (Kostüme) bringt Regisseurin Julia Prechsl die Komödie in sehr zeitgenössischer Buntheit und Überdrehtheit auf die Bühne, ohne den Ernst der Vorlage aus den Augen zu verlieren. Das zeigen vor allem jene Szenen, in denen das Ensemble eine stumme Choreografie zeigt: von der liebevollen Verflochtenheit bis zu Kriegsmaschine und Menschenmaterial.
Mit „Die Hölle auf Erden“ knüpft man am Theater Magdeburg an das herausragende Regiedebüt „Krieg und Frieden“ von Schauspieler Charly Hübner an. Und dass das Stück gerade in den Tagen Premiere feiert, in denen die politische Elite in den Schweizer Bergen über die immer ungemütlichere Weltlage diskutiert und der US-Präsident seinen „Friedensrat“ gründet, passt fast zu gut. Lazar wird vielleicht kein so großer Hit wie das zum Berliner Theatertreffen eingeladene „Blutbuch“, unterstreicht jedoch, was für einen spannenden Spielplan die Magdeburger Dreierintendanz des Schauspiels macht.
Aufregung gab es in Magdeburg bereits Ende vergangenen Jahres über ein Stück, das erst im Mai gezeigt wird. Es handelt sich um ein Auftragswerk, das den Arbeitstitel „Drei Minuten“ trägt und sich mit den Auswirkungen des Weihnachtsmarktanschlags auf die sachsen-anhaltinische Landeshauptstadt beschäftigen wird. Eine Demonstration gegen das – nochmal: bisher unbekannte – Stück bezeichnete das Theater in einer Mitteilung als Versuch einer rechten Mobilisierung gegen die Kunstfreiheit. Auch mit Blick auf die Landtagswahl im September wird spannend, wie es am „Theater des Jahres“ weitergeht.
„Die Hölle auf Erden“ läuft am Theater Magdeburg.
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