Sechzehn Oscar-Nominierungen für Ryan Cooglers „Sinners“ sind ein Rekord. Zwei mehr sind das, als „Alles über Eva“ von 1950, „Titanic“ von 1998 und „La La Land“ von 2017 erreicht haben. Sechzehn Nominierungen sind aber nicht automatisch genauso viele Oscars. „Titanic“ gewann letztlich elf Academy-Awards. Wie viele Oscars „Sinners“ (oder „Blood and Sinners“, wie der Film in Deutschland heißt) gewinnen wird, lässt sich also nicht sagen. Auch, weil mit Paul Thomas Andersons dreizehnmal nominiertem Film „One Battle After Another“ ein sehr starker Konkurrent im Rennen ist, könnten es weit weniger als sechzehn werden.
Coogler und Anderson teilen mit Warner Bros. – um das sich gerade Paramount und Netflix einen erbitterten Bieterstreit liefern –übrigens nicht nur dasselbe Studio. „Sinners“ und „One Battle After Another“ gehören auch zu einer Reihe von Filmen aus dem letzten Jahr, die als Allegorien dessen, was alles falsch läuft in den USA seit Trump 1, Pandemie, Black Lives Matter, Trump 2 usw. verstanden werden können. Zu nennen sind hier die Stephen King-Verfilmungen „The Long Walk – Todesmarsch“ (Francis Lawrence) und „Running Man“ (Edgar Wright), Giorgos Lanthimos‘ „Bugonia“ und Ari Asters „Edison“.
Ryan Coogler, 1986 in Kalifornien geboren, begann seine Karriere 2013 mit „Nächster Halt: Fruitvale Station“. 2015 drehte er das Rocky-Spinn-off „Creed“. Es folgten 2018 und 2022 zwei Filme aus dem Marvel-Universum. „Black Panther“ hatte Einspielergebnisse von über einer Milliarde. In einem Interview mit dem „New Yorker“ hat Coogler erzählt, dass er durch diesen finanziellen Erfolg in „Sinners“ einzig und allein seinen Vorlieben folgen konnte: Er liebe Horrorfilme, und er liebe Musik. Verwirrende Mischung? Nur auf den ersten Blick.
Der Film beginnt mit der Ankunft eines jungen Mannes in einer kleinen Holzkirche. Striemen im Gesicht hat er und das abgebrochene Ende eines Gitarrenhalses in der Hand. Ein Gottesdienst ist im Gange. Bald ruft der Prediger den jungen Mann zu sich, umarmt ihn, nennt ihn „Sohn“ – dass er wirklich der Sohn des Priesters ist, der jetzt in ihn dringt, der Musik abzuschwören, erfährt man später. Wie es zu all dem gekommen ist, wird in einer sehr langen Rückblende erzählt: Smoke und Stack Moore, Zwillinge, kehren ins Mississippi-Delta zurück. Beide werden von Michel B. Jordan gespielt, der in jedem Coogler-Film eine Hauptrolle hatte.
Gibt es den Klan noch?
Die zwei sind harte Hunde, haben im Weltkrieg gekämpft und sind in der Unterwelt von Chicago zu Geld gekommen. Jetzt wollen sie im Örtchen Clarksdale einen Juke Joint eröffnen, eine Gaststätte, in der gegessen, gespielt, getrunken, vor allem aber getanzt und Musik gespielt wird. Blues-Musik. Zur Küchenchefin wird Smokes Frau Annie (Wunmi Mosaku), die Getränke liefert das chinesische Händlerpaar Chow. Rausschmeißer wird Cornbread, ein Familienvater, den Smoke und Stack direkt vom Baumwoll-Feld abwerben. Ein alternder, versoffener Pianist, Delta Slim (Delroy Lindo), der seine Tage als Straßenmusikant mit seiner Mundharmonika fristet, wird verpflichtet.
Star des Juke Joints aber soll der junge Mann werden, den wir schon kennen: Sammie „Preacher Boy“ Moore, ein Cousin der Zwillinge, gespielt vom 20-jährigen Miles Caton, der auch im echten Leben mit der überraschend tiefen Blues-Stimme aufwartet, die in „Sinners“ nicht nur eine ebenfalls singende Schöne umhaut, sondern zum Objekt des Begehrens noch ganz anderer Mächte wird.
Das Etablissement der Zwillinge wird in einer alten Sägemühle eingerichtet, die sie von einem Weißen kaufen. Ihre Warnung, dass sie jedes Mitglied des Ku-Klux-Klans erschießen würden, das sich auf das Grundstück traue, wehrt der ab: Den „Klan“ gäbe es doch gar nicht mehr. Woran freilich auch der Zuschauer nicht ganz glauben mag. Dass man unter „Jim Crow“-Verhältnissen, vulgo Rassentrennung lebt, daran erinnern Verbotsschilder am Bahnhof und die verschiedenen Ladenlokale, die das chinesische Händlerpaar betreibt: Eins für die weiße, das andere für die schwarze Kundschaft. Auf dem Weg, den Grace Chow von einem Geschäft zum anderen zurücklegt, folgt ihr die Kamera in einer Art und Weise, die das Überqueren der Grenze zwischen Schwarz und Weiß als riskantes Unternehmen spürbar macht.
Das alles ist freilich nur der ganz normale Horror im segregierten Süden um 1930. Zum Horrorfilm wird „Sinners“ als – harter Schnitt – ein rotblonder junger Mann mit schwelenden Brandwunden an der Tür eines Farmhauses klopft. Indianer würde ihn verfolgen. Die Bewohner, ein junges, weißes Paar, Gewehre im Anschlag, wollen das nicht ganz glauben, schließlich seien die Ureinwohner der Gegend schon lange ausgerottet. Sie lassen ihn dennoch rein. Dass dann tatsächlich Indianer auftauchen und sich im Haus Blutiges ereignet, zeigt an, dass etwas gekippt ist: Der Realismus, zu sehr Hochglanz, um ihn sozial zu nennen, macht etwas anderem Platz.
Einem wilden Tanz im Juke Joint zum Beispiel. Zu hypnotischen Klängen bevölkern plötzlich traditionell gekleidete afrikanische Musiker die Tanzfläche, irgendwo sind aber auch Plattenspieler zu sehen, auf denen gescratcht wird wie im Hip-Hop. Identitätspolitik hat sie sich noch nie so gut angehört. Auch klassische chinesische Tänzer mit Masken haben ihren Auftritt. Musikalische Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verschmelzen ineinander.
Geister aus der Vergangenheit
Eingestimmt darauf, dass „Sinners“ mehr ist, als eine Momentaufnahme aus der Geschichte des Südens, hatte den Zuschauer bereits ganz zu Beginn des Films eine Stimme aus dem Off. Annies Stimme. Dieselbe Annie, die man im Verlauf der Handlung nicht nur als Smokes wiedergefundene Ehefrau, sondern auch als Magierin in der Tradition der afrikanischen Sklaven kennenlernen wird. Wozu passt, was sie hier aus dem Off spricht: „Es kursieren Legenden über Menschen mit der Gabe, Musik zu machen, die so wahr ist, dass sie den Schleier zwischen Leben und Tod durchdringen kann. Dass sie Geister aus der Vergangenheit heraufbeschwört. Und der Zukunft“. In Irland habe man sie „Fili“ genannt, sagt Annie, im Land der indianischen Ureinwohner des amerikanischen Südens „Feuerhüter“ und in Westafrika „Griots“. „Diese Gabe kann Gemeinden Heilung bringen“, fährt die Stimme fort, „aber sie zieht zugleich auch das Böse an“.
Das Böse erscheint freilich gleich am Eröffnungsabend im Sägewerk. Die drei Weißen aus dem Farmhaus begehren Einlass. Sie werden abgewiesen. Stocks Geliebte Mary (Hailee Steinfeld), möchte ihnen auf den Zahn fühlen. Sie geht als weiß durch, obwohl sie schwarze Vorfahren hat. Deshalb läuft sie kaum Gefahr, gelyncht zu werden. Was sie ins Juke Joint zurückbringt, ist schlimmer als der Klan.
Wie aus „Sinners“ ein Vampirfilm wird und was die Blutsauger von den Zwillingen, aber vor allem Sammie wollen, versteht übrigens besser, wer sich mit Clarksdale beschäftigt. Dem Ort also, an dem Coogler seinen Film spielen lässt: Hier soll jene sagenumwobene Kreuzung liegen, an der Robert Johnson einst in einem faustischen Pakt seine Seele an den Teufel verkauft haben soll. Was der junge Mann dafür erhielt? Er wurde zu einem der berühmtesten Bluesmusiker seiner Zeit.
Wer versucht, alle Fäden in „Sinners“ zusammenzuführen, könnte dennoch scheitern. Coogler arbeitet in seinem Film mit Andeutungen, Suggestionen, Gleichnissen: Eine Erzählung des musikalischen Trunkenboldes Delta Slim über einen gelynchten Freund – „Die Weißen mögen den Blues schon, nur nicht uns Leute, die ihn spielen“ – geht nahtlos über in eine musikalische Klage.
Ohnehin tut man gut daran, „Sinners“ nicht nur mit den Augen, sondern auch mit den Ohren wahrzunehmen. Der Regisseur selbst sagte dem „San Francisco Chronicle“ , er habe sich ein Beispiel am Hit „One“ der Heavy-Metal-Band Metallica von 1988 genommen, jenem Song, der ganz leise, aber intensiv beginne und sich dann „zu etwas total Verrücktem.“ entwickele. „Aber wenn man fertig ist, ist klar, dass es immer darauf hinausgelaufen ist“, sagt Coogler. Dass auch Heavy Metal auf dem Blues aufbaut, kann man sich dazudenken.
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